28.2.2005

Von Bratwürsten und Hanswürsten

Ist es satirisch, den Dönerbuden im Berliner Bezirk Kreuzberg den Kampf anzusagen und lautstark eine Bratwurstquote von 40 Prozent zu fordern? Harald Scholz vom Künstlerkombinat „Die Sanierer“ meint „Ja“, und sei es nur darum, sich gegen den Vorwurf zu wehren, die Interessen spießbügerlicher Saubermänner zu vertreten. „Spricht hier die NPD-Kreuzberg? „, fragt gar die „Berliner Zeitung“ in einem aufklärerischen Artikel, der auch kurz aufzählt, was man im Namen der Satire alles erlaubt ist:

Was darf Satire? Nach Kurt Tucholsky alles. Provozieren, pöbeln, beleidigen oder eine Bratwurstquote für Kreuzberg fordern. (…) Am Sonnabend wollen sie ‚mit Megaphon gegen den Dönergestank‘ in der Bergmannstraße stehen und Bratwurst verteilen. Ist ja Satire. Aber ist das lustig?

Aber zum Glück darf die Satire nicht nur alles, sie kann auch einiges. Denn:

Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.
Ignaz Wrobel: „Was darf die Satire?“, in: Berliner Tageblatt, 27.1.1919

26.2.2005

Bouillon für den Kanzler

Wenn Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki sich zu James Joyces „Ulysses“ äußerst, bedient er sich gerne eines Tucholsky-Bonmots:

Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.
Peter Panter: „Ulysses“, in: Die Weltbühne, 22.11.1927, S. 788

So auch geschehen bei der Veranstaltung „Der Kritiker als Komödiant“ im Bundeskanzleramt, bei der, den Beobachtungen Michael Rutschkys für die „taz“ zufolge, neben dem schwerhörigen Reich-Ranicki auch der feierliche Dichter Durs Grünbein, der lachende Bundeskanzler Gerhard Schröder, die moderierende Kulturstaatsministerin Christina Weiss sowie eine junge, fleißig mitschreibende Reporterin zugegen waren.

25.2.2005

Der „Spiegel“ sagt mehr …

Bei der Spiegel-Gruppe ist es in jüngster Zeit zur Gewohnheit geworden, das Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ eindeutig der Urheberschaft Tucholskys zuzuordnen. So heißt es beispielsweise in dem Einband eines Bildbandes zum Zweiten Weltkrieg:

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, schreibt Kurt Tucholsky 1926. Im Zweiten Weltkrieg machen sich nicht nur die Nationalsozialisten diese Erkenntnis zu eigen, sondern alle in die tödliche Auseinandersetzung verwickelten Mächte.

Und weil das Zitat so nett ist, taucht es bei „Spiegel-Online“ in der Rezension eines Bildbandes zur Roten Armee Fraktion gleich noch einmal auf:

An das Credo „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“, das Kurt Tucholsky 1926 formulierte, hat die RAF nie geglaubt. Für die Gruppe, die 1970 als Rote Armee Fraktion den bewaffneten Kampf aufnahm, zählte nur das Wort.

Nun muss man dem „Spiegel“ zugute halten, dass Tucholsky diesen Spruch zumindest benutzt hat. Und zwar als Überschrift für einen Artikel, der die Möglichkeiten der Fotografie behandelt. Im Artikel selbst heißt es dann:

Ein Bild sagt mehr … Hunderttausend Worte wenden sich an den Verstand, an die Erfahrung, an die Bildung – das Bild … (…) Und weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiß jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen (…)
Peter Panter: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, in: Uhu, Nov. 1926, Nr. 2, S. 75

Dass Tucholsky tatsächlich dieses Sprichwort „formulierte“, ist dagegen stark zu bezweifeln, auch wenn es irgendwo bei „Spiegel“ steht.

Der Weg zum Widerstand

Wie wurde jemand zum Widerstandskämpfer im Dritten Reich? Der „Tagesspiegel“ wagt auf seiner wöchentlichen Nachrufseite eine mögliche Antwort auf diese schwierige Frage nur leise anzudeuten. In einem Text, der das Leben der im Dezember 2004 gestorbenen Kommunistin Gertrud Keen nacherzählt, heißt es dazu:

Warum wird ein Mensch so anders? Lag es an den fortschrittlichen Lehrern, bei denen sie Tucholsky und Brecht gelesen hatte? Für die Schwestern, die lieber Charleston tanzen gingen, war sie jedenfalls eine „höhere Tochter“.

Sehr einfach lässt sich auf jeden Fall die Frage beantworten, wie schnell jemand im Dritten Reich ins Konzentrationslager kam:

1934 wurde sie verhaftet – in Friedrichsfelde hatte sie nach dem Grab von Rosa Luxemburg gefragt, ausgerechnet einen Gestapo-Mann. Der legte ihr die Hand auf die Schulter und nahm sie mit zum Gefängnis am Alex. Was sie bei der Jüdin gewollt habe, wurde sie dort gefragt. Sie sagte, dass sie deren „Briefe aus dem Gefängnis“ beeindruckt hätten. „Dann kannst du ja jetzt selber Briefe aus dem Gefängnis schreiben!“

24.2.2005

Der Zeit graut vor Satire

Da werden die Besucher der Volksbühne Niederrad aber noch einmal Glück haben. Es wäre auch kaum zu verantworten gewesen, wenn im neuen Stück des Theaters mit dem Titel „Das frivole Amtsgeheimnis“ mögliche Missstände innerhalb der Verwaltung aufgespießt würden. In einem Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ gibt Regisseur und Theaterleiter Horst Keller daher Entwarnung:

Ist das Theaterstück eigentlich beste Satire im Sinn des guten alten Meisters Kurt Tucholsky? Lauert hinter dem Witz etwa reale Kritik an einer bürgerfeindlichen Einstellung in deutschen Amtsstuben? Nein, keinesfalls, beruhigt der Autor des Stücks, Horst Keller. Er selbst komme aus der Faschingstradition. Es dürfe gelacht werden. Er gehe davon aus, dass Beamte, die sich das Theaterstück anschauen, genug Humor hätten.
Gitta Düperthal: „Da wiehert der Amtsschimmel“, in: Frankfurter Rundschau, 24.2.2005, S. 39

Warum sich an der schwierigen Kunstsatire versuchen, wenn auch Realsatire geht.

Klein – unverständlich

Wenn ein Journalist wie Wiglaf Droste sich mit der Zeitschrift „Die Weltbühne“ befasst, artet das sehr leicht in politische Grundsatzmanifestationen aus. So leider auch in einem Text für die „Frankfurter Rundschau“ , in dem er auf ein Feature aufmerksam macht, das Axel Eggebrecht 1968 über die “ Geschichte einer berühmten Zeitschrift“ aufgenommen hat. Mehr als die reine Tatsache, dass es eine solche Aufnahme gibt, erfährt der Leser nicht. Statt dessen liefert Droste Fundstücke für die Aphorismensammlung:

Politik in Deutschland heißt Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung.
Wiglaf Droste: „Klein – klug“, in: Frankfurter Rundschau, 24.2.2005, S. 25

Und er ergänzt:

Eine Zeitschrift, die hinter diese Grunderkenntnis nicht zurückfiel, als das Publikum sie nicht wahrhaben und der Staat sie verbieten wollte, war Die Weltbühne.

Anstatt zu beschreiben, wie ein ehemaliger „Weltbühne“-Mitarbeiter wie Eggebrecht die Geschichte der Zeitschrift erzählt, scheitert Droste lieber bei dem Versuch, diese bewegte Vergangenheit selbst in 40 Zeilen zu pressen. Und wenn dann auch noch Bezüge zur Gegenwart nicht fehlen dürfen, kommt es schon mal zu der schiefen Behauptung, wonach Carl von Ossietzky von den Vorläufern der heutigen NPD ermordet wurde. Zu schreiben, dass von Ossietzky an der Folgen seiner KZ-Haft starb, wäre wohl zu groß und nicht klug genug gewesen.

22.2.2005

Schwer lustig

Montserrat Mönkmeyer alias Ilka Hein und Igor Meckenheimer alias Sebastian Undisz touren derzeit mit einem Kabarett-Programm durch Sachsen-Anhalt. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ hat sich einen Auftritt angesehen und weiß einiges davon zu berichten:

Sie vermischen das Ganze mit populären Schlagerschmonzetten in neuem Text-Gewande, zu denen sich noch einige Spritzer lyrisch-satirischen Kulturgutes aus der Feder unter anderem von Christian von Aster gesellen. Ihr Programm orientiert sich so auch am Wort eines großen Schriftstellers und feinsinnigen Humoristen: „Dick sein ist keine physiologische Eigenschaft – das ist eine Weltanschauung“ hat Kurt Tucholsky einst festgestellt.

Welche besondere Welt- und Humoranschauung aber in einem Programm mit dem Titel „Ich wär so gern ein Sexappeal – die schwere Kunst der drallen Diva“ steckt, muss jeder Zuschauer wohl selbst herausfinden.

21.2.2005

Preiswürdiges Bühnenbild

Für ihr Bühnenbild zu einer „Rheinsberg“-Inszenierung haben Studenten der Berliner Technischen Universität (TU) fünf Preise erhalten. Vergeben wurden die Auszeichnungen von der TU und dem Carrousel-Theater, wo das Stück am 24. Mai dieses Jahres zum ersten Mal aufgeführt wird. Wie die „Berliner Morgenpost“ weiter berichtet, nahmen Studenten des Masterstudiengangs Bühnenbild an dem Wettbewerb teil. Den ersten Preis habe José Eduardo Luna Zankoff erhalten.

Auf Wiedersehen in Karlsruhe

In seinem Buch „Der Gang nach Karlsruhe“ hat der emeritierte Jura-Professor Uwe Wesel das Wirken des Bundesverfassungsgerichtes seit seiner Errichtung beschrieben. Da Wesel am Dienstag, den 22. Februar, in Berlin aus seinem Buch lesen wird, hat die „taz“ in ihrer Ankündigung einige wichtige Entscheidungen des Gerichts resümiert:

Die Kontroverse um die Wiederbewaffnung Deutschlands 1952 war die erste große Krise des Gerichtes. Die nächste folgte 1994: Mehrere Beschlüsse wie zum Beispiel die strafrechtliche Nichtverfolgung von Besitzern kleiner Mengen Haschisch für den Eigengebrauch oder ungestraftes Zitieren des Tucholsky-Spruches „Soldaten sind Mörder“ wurden heftig diskutiert.

Da die „taz“ leider vergessen hat, Ort und Uhrzeit der Veranstaltung zu nennen, sei hier kurz nachgetragen, dass Wesel um 20:15 Uhr in Lehmanns Fachbuchhandlung in der Hardenbergstraße 5, Berlin – Charlottenburg, liest.

18.2.2005

Ein bisschen Tamerlan

„Mir ist heut so nach Tamerlan, nach Tamerlan zumut, ein kleines bisschen Tamerlan, ach Tamerlan, wär gut“, dichtete Theobald Tiger 1922 für das Berliner Kabarett von Rudolf Nelson. Auch der „Welt“ war heute nach dem türkisch-mongolischen Gewaltherrscher zumute, denn Timur Lenk, wie er eigentlich hieß, ist vor genau sechshundert Jahren gestorben.

Wer diese Leute waren, die sich schon Anfang der zwanziger Jahre einen kleinen Diktator wünschten, schrieb Tucholsky in seinem eigenen Nachruf:

„Mir ist heut so nach Tamerlan!“

Das war eines jener zahllosen Chansons des Verstorbenen, angefertigt für die Kreise, die er so zu verachten vorgab; mit der einen Hand kritisierte er sie, mit der andern zapfte er ihnen den Sekt ab. Er war eben eine problematische Natur …
Ignaz Wrobel: „Requiem“, in: Die Weltbühne, 21.6.1923, S. 728

Dass diesen Kreisen tatsächlich nach einem „starken Mann“ zumute war, sollte sich gegen Ende der Weimarer Republik immer deutlicher herausstellen. Und dass es „ein kleines bisschen Tamerlan“ – ein kleines bisschen Diktatur – eben nicht gibt, leider auch.

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