13.1.2008

Lesen und Frieden

An diesem Sonntag ist im ZDF die dritte Folge des Historienschinkens „Krieg und Frieden“ ausgestrahlt worden. Das Fernsehlexikon bemerkte dazu spöttisch:

„Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist.“ „Hundewiese“. „Boogaloo On Second Avenue“. Drei gute Bücher, die noch nie verfilmt wurden. Krieg und Frieden dagegen wurde vermutlich schon öfter verfilmt als gelesen, denn ernsthaft: 1645 Seiten? Wer liest die?

Tucholsky natürlich. Und das tat er gleich mehrfach. Davon zeugen einige Stellen in seinen Briefen:

Es reicht auf keiner Seite an die ungeheure Gestaltungskraft und den starken Gottglauben Tolstois in Krieg und Frieden heran, keine Scene ist darin (kann auch nicht darin sein, weil es das zum zweiten Mal nicht gibt), die etwa an die Stunde heranreicht, in der der Fürst verwundet bei Tolstoi auf dem Schlachtfeld liegt und die Wolken ansieht, und das Menschliche ist weit, weit unter ihm, und es wird alles so leicht und verständlich
1918 über Barbusses „Le feu“

Die Karenina ist ein herrliches Buch. Beinah so schön wie Krieg und Frieden.
1933

Ich läse Krieg und Frieden und blase etwas in der Trübsal. Das kann ich ganz fließend.
1935

Vielleicht verfehlte die Lektüre auch bei dem Pazifisten Tucholsky ihre Wirkung nicht. Denn am 8. September 1921 hieß es in einer „Antwort“ in der Weltbühne:

Antipazifisten. Lest nicht nur die Stelle aus „Krieg und Frieden“, die ich in die Rundschau von heute gesetzt habe: lest das ganze, das herrliche Buch! Das ist Epik — diese unerbittliche sachliche Ruhe. Es gibt keine schonungslosere Entlarvung des Militarismus. Satz um Satz aktuell und erbarmungslos. Dieser Tolstoi nennt einfach die Dinge beim Namen, und die Uniformen fallen ab wie Zunder. Dabei ist er weise wie Homer und von einer wunderbaren Allwissenheit um den Menschen. Unsereinen bezwingt das zur Anbetung. Leset auch Ihr es! Vielleicht bekehrt es doch Den oder Jenen von Euch.

Ob die Verfilmung das auch schafft? Am Mittwoch ist noch Gelegenheit, dies zu testen.
Die in der Weltbühne zitierte Passage lautete übrigens:

Die biblische Überlieferung sagt, daß das Fehlen jeglicher Arbeit, das Nichtstun, ein wesentliches Moment der Glückseligkeit des ersten Menschen vor seinem Sündenfall gewesen sei. Die Liebe zum Müßiggange ist bei den Menschen auch nach dem Falle dieselbe geblieben; aber es lastet nun auf den Menschen ein Fluch, und zwar nicht nur insofern, als wir uns nur im Schweiße unsres Angesichts unser Brot erwerben können, sondern auch insofern, als wir vermöge unsrer moralischen Eigenschaften nicht zugleich müßiggehen und in unsrer Seele ruhig sein können. Eine geheime Stimme sagt uns, daß wir durch Müßiggang eine Schuld auf uns laden. Könnte der Mensch einen Zustand finden, in dem er müßigginge und doch dabei das Gefühl hätte, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein und seine Schuldigkeit zu tun, dann hätte er damit ein Stück der ursprünglichen Glückseligkeit wieder gefunden. Und eines solchen Zustandes, wo der Müßiggang pflichtmäßig ist und keinem Tadel unterliegt, erfreut sich ein ganzer Stand: der Militärstand. In diesem pflichtmäßigen, tadelfreien Müßiggange hat von jeher die hauptsächlichste Anziehungskraft des Militärdienstes bestanden, und das wird auch allezeit so bleiben.

10.1.2008

Mit Zille bei Vornehms

Der Maler und Graphiker Heinrich Zille ist am heutigen Tag vor 150 Jahren geboren worden. In ihren Würdigungen Zilles hoben die Nachrichtenagenturen dpa und epd auch die besondere Verehrung hervor, die Tucholsky für Zille empfand. Diese manifestierte sich beispielsweise in dem langen Text „Berlins Bester“, der im Januar 1925 erschien. Zum Tode des Malers im August 1929 dichtete ihm Theobald Tiger einen Nachruf, aus dem dpa die Zeilen zitierte: „Du kennst den janzen Kleista – den ihr Schicksal: Stirb oda friß! Du warst ein jroßa Meista. Du hast jesacht, wies is.“

Weniger bekannt ist wohl folgende Anekdote aus dem Text „Dichtung“, in dem er Zille als humoristischen Schriftsteller lobte:

Unter den jüngeren Literaten findet sich meist eine merkwürdige Verachtung des Humors. Es ist, als habe man sich zu schämen, wenn man gelacht hat. Eisige Mienen ringsum belehren dich, daß man sich in seiner Gesellschaft nicht den Kragen abbindet. Und es gibt meines Erachtens nur einen, der in unserer Literatur wirklich Humor hat: das ist der Schriftsteller Heinrich Zille. Der Schriftsteller – denn der Mann hat Bücher geschrieben, die weit über seine Zeichenkunst hinausgehen. Und ich besinne mich, mit ihm einmal bei einer sehr vornehmen Familie eingeladen gewesen zu sein, wo es so fein zuging, daß wir Beklemmungen bekamen; Papa spielte Harmonium, Mama wackelte vor innerem Adel mit allem, wo gibt – und die Kinder waren so altklug, daß einem das Grauen ankam. Auf dem Nachhauseweg fragte ich Zille, wie es ihm gefallen habe. Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Die Leute sind emsig glücklich!“
Peter Panter: „Dichtung“, in: Vossische Zeitung, 25.12.1924

6.1.2008

Romanisches Klischee

In der Politik ist man sich noch nicht einig, ob 2007 das Jahr der Angela Merkel, Hillary Clinton oder Gabriele Pauli war. In der Literatur(geschichte) fällt die Wahl wohl eindeutig auf: Mascha Kaléko. Am 7. Juni 2007 wäre die Lyrikerin 100 Jahre alt geworden. Unter anderem aus diesem Anlass wurde sie im vergangenen Jahr gut und gerne 800 Mal in der deutschen Presse erwähnt (laut gbi). In fast 100 Fällen davon in der Kombination mit Kurt Tucholsky, denn, um typische Erwähnungen zu zitieren:

Heute gilt die in Galizien als Mascha Engel geborene Kaléko als eine der spannendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war mit Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Else Lasker-Schüler bis hin zu Bertolt Brecht befreundet. Dieser heute noch unübertroffene Dichter- und Kabarett-Kreis traf sich im „Romanischen Café“ in Berlin.
Hamburger Abendblatt vom 30.5.2007

Oder:

Ihre frühesten Gedichte erscheinen in den Berliner Zeitungen, gleich in den führenden, zumal im liberalen „Berliner Tageblatt“. Bald wird sie dort regelmäßig gedruckt. Sie hat sofort viele Leser und einige etwas ratlose Kritiker. Sie wissen nicht recht, wie man die Anfängerin einordnen soll. Verschiedene Namen werden vorgeschlagen: Sie käme aus der Welt von Eugen Roth, sie sei eine Tochter Christian Morgensterns, eine Schwester von Joachim Ringelnatz. Vor allem aber: Sie habe viel von Kurt Tucholsky und Erich Kästner gelernt – und das trifft am ehesten.
Marcel Reich-Ranicki in der FAZ

Was die Nähe zu Tucholskys „Gebrauchslyrik“ betrifft, so ist gegen diese Behauptung sicher nicht viel einzuwenden. Auch wenn Kästners Gedichte wohl mehr Ähnlichkeit mit Themen und Sprache Kalékos aufweisen.

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Klischee, Tucholsky und Kästner hätten den lieben langen Tag im Romanischen Café gesessen und dort mit aufstrebenden Talenten über Politik und Literatur diskutiert. Die weite Verbreitung macht ein Klischee nicht wahrer. Tucholsky überhaupt in Berlin anzutreffen, war seit 1924 schon nicht so einfach. Schließlich lebte er dauerhaft im Ausland, 1929 und 1930 verbrachte er insgesamt zehn Wochen in seiner Heimatstadt, die er im April 1931 zum letzten Mal sah. Und während seiner seltenen Berlin-Aufenthalte war es eher unwahrscheinlich, ihm im besagten Literatentreffpunkt zu begegnen. Denn:

Allen gemeinsam ist das Romanische Café, auf das ich nicht so schelten kann, wie das vielfach geschieht. Es ist nicht meine Nummer – aber dergleichen muß sein, das hats immer gegeben (…)
Peter Panter: „Die Zeit“, in: Die Weltbühne, 18.2.1930, S. 284

Statt dessen bevorzugte er beispielsweise das Restaurant Schwannecke, von dem er dichtete:

Früher, wenn mal etwas Komisches war:
ein Rednerschwupper an Thron und Altar,
der Kindermund eines Filmgenerals,
der Duft eines Reichsgerichts-Skandals,
Adele Sandrocks herrlicher Baß,
ein dämlicher Kabinettserlaß;
wenn mit Recht ein Verleger Pleite gemacht,
wenn ein Tisch sich bei Schwannecke zerkracht –
dann tat eine innere Stimme befehlen:
Das mußt du gleich S.J. erzählen!
[…]
Theobald Tiger, „Lücke“, in Die Weltbühne, 29.3.1927, S. 503

Auch Kästner war kein typischer Gast des „Romanischen“. Er schrieb seine Gedichte und Bücher im Café Carlton und später im Café Leon, wie Jürgen Schebera in seinem klassischen Bildband Damals im Romanischen Café berichtet.

Darin findet sich jedoch ein musikalischer „Beweis“ für Tucholskys Aufenthalte in dem Café gegenüber der Gedächtniskirche. In einem Chanson von Willi Kollo heißt es:

Damals im Romanischen Café,
Wir saßen stundenlang bei einem Glas Tee.
Beiden gings uns damals ziemlich schlecht,
Wir lebten nur von Pump, Kurt Weill und Bertolt Brecht.
Es schrieb an seinem Marmortisch
Aus Prag der Egon Erwin Kisch
Den „Rasenden Reporter“ –
Durchs Café ging der Kortner.
Homolka spielte oben Schach
Die Mosheim blieb verzweifelt wach
Friedell saß bei dem Anton Kuh
Tucholsky setzte sich dazu.
[…]
Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café, Leipzig 1998, S. 63

Nicht ausgeschlossen, dass Kollo schon damals Klischees bemühte.

Gegen eine enge persönliche Verbindung von Tucholsky, Kästner und Kaléko spricht auch die Tatsache, dass die junge Dichterin nie in der Weltbühne erwähnt und lediglich einmal ein Gedicht („Kassen-Patienten“) von ihr in der Zeitschrift veröffentlicht wurde. Wen es vor allem ins Romanische Café verschlug, beschrieb der Journalist Hanns-Erich Kaminski in dem Blatt:

Von Wien aus gesehen, erscheint Berlin als ein zweites New York, als die zivilisierte Wildnis des zwanzigsten Jahrhunderts, in der man ohne einen Pfennig ankommen und sich mit geballten Fäusten den Weg nach oben, zum Erfolg, zum Reichtum, bahnen kann.

Der junge Mann aus Wien begibt sich vom Anhalter Bahnhof ins Romanische Café. Dort trifft er Bekannte und gewinnt neue Freunde, bald kann er herumgehen und an zwölf Tischen guten Tag sagen. Aber bald merkt er auch, daß die Luft dort anders ist als in Wien. In Wien bedeutet das Café den Hafen, in Berlin nur den Startplatz. Im wiener Café sitzen immer dieselben Leute, im berliner wechseln sie alle paar Jahre. An der Gedächtniskirche muß man arrivieren oder man geht vor die Hunde.
Hanns-Erich Kaminski: „Der junge Mann aus Wien“, in: Die Weltbühne, 16.12.1930, S. 903f.

Gut möglich, dass Kaléko und Tucholsky sich bei einem „Personalwechsel“ verpasst haben.

24.12.2007

Billetknipser der Öffentlichkeit

Anfang November hat die freie Journalistin Gabriele Bärtels in der Zeit über ihre leidvolle Zusammenarbeit mit verschiedenen Redaktionen geklagt. Das Medium Magazin widmete dem Verhältnis zwischen Freien und Redakteuren das Titelthema seiner Dezember-Ausgabe.

Das Erschreckende an Bärtels‘ Schilderung ist nicht nur die Tatsache, dass alles genau so stimmt, wie sie es beschreibt, sondern dass sie dafür auch noch hämische Kommentare von den Lesern kassieren musste:

Der Text ist gut, es kribbelt richtig beim lesen, schließlich ist es kühl auf dem Dachboden. Lethargisch und entmutigt liegt die Autorin im Bett und packt ihre ganze Wut über die Ungerechtigkeit der bösen Redaktionen in ihren Text. Dumm nur, dass sie nicht glaubwürdig ist, schließlich macht sie vor, was eine geschäftstüchtige Journalistin ausmacht: Recherche auslassen, jede Menge Plattitüden und Allgemeinplätze in den Text und dann auf die Enter-Taste drücken.

Dumm vor allem, dass sich trotz dieses ungewöhnlichen Appells von Bärtels an der Situation wenig ändern wird. Denn es scheint sich um eine journalistische Konstante zu handeln, die fast physikalische Gültigkeit besitzt. So schrieb Tucholsky bereits 1922 seinen Kollegen ins Gewissen:

Neben der unangenehmen Wertschätzung der sogenannten „großen Namen“ läuft eine Mißachtung der weniger großen parallel. Da ist zunächst die Frage der überlangen Fristen bei Offertenbeantwortungen. Der aktuelle Artikel, der aus irgendwelchen Gründen vom Redakteur zu lange in der Schublade behalten wird, ist nach vierzehn Tagen bei seiner Rückgabe für den Schreiber unbrauchbar geworden, er kann ihn nirgends mehr anbieten, und so haben wir das seltsame Schauspiel, daß ein geistiger Arbeiter (der Redakteur) das Werk seines Kollegen (des freien Schriftstellers) fahrlässig vernichtet.

Die Parallelen zu heute sind frappierend:

Und wird der Text nicht gedruckt, erfahre ich manchmal erst nach Monaten, dass dies nie der Fall sein wird. Nur in Ausnahmefällen benachrichtigt der Redakteur mich, meistens vergisst er es. Ich bin ja auch kein Lebewesen für ihn, sondern nur eine E-Mail oder bestenfalls eine selten gehörte Telefonstimme. Dass die Geschichte dann für andere Zeitungen nicht mehr aktuell ist, ist nicht sein Problem…

…heißt es bei Bärtels. Dabei drückt sie sich noch vorsichtig aus. Denn sie weiß: „Ich darf nicht böse mit der Redakteurin werden, denn ich bin auf sie angewiesen.“

Tucholsky kannte da weniger Hemmungen:

Das Verhältnis des angestellten Schriftstellers zum nicht angestellten Schriftsteller ist ein einziger Skandal – das äußerste an Unkollegialität und an Schmierigkeit, an äußerstem Mangel von Solidarität, der nur denkbar ist. Ich habe in zwanzig Jahren Literatur etwa fünf Redakteure kennen gelernt, die sich nicht einbildeten, deshalb, weil man sie angestellt hatte, etwas Besseres zu sein als ihre Mitarbeiter.

Daß der Redakteur die Spreu vom Weizen sondert, kann ihm niemand verdenken. In unserm Beruf steht das Angebot in einem grotesken Gegensatz zur Nachfrage – zu schreiben vermeint jeder und jede zu können, und den Kram, der da verlangt wird, kann ja auch jeder Mensch herstellen. Das hebt die Stellung des Redakteurs; er sieht die wirtschaftlichen Ursachen nicht und hält sich für geistig überlegen, wo er nur als Verwalter der kümmerlichen Honorare und als Billettknipser an der Schranke der Öffentlichkeit in Anspruch genommen wird. Und was er sich vor seinem Verleger niemals getraute, das wagt er dem Mitarbeiter gegenüber alle Tage: da trumpft er auf, da ist er der große Mann, dem zeigt er aber, was eine Harke ist. Leider zeigt er ihm nicht, was eine gute Zeitung ist. (…)

Kurz: der Redakteur gleicht seine Machtlosigkeit vor dem Verleger durch Machtprotzerei vor dem Mitarbeiter aus. Und nicht nur dem Mitarbeiter gegenüber. Auch sich selbst gegenüber.

Das schrieb Tucholsky zehn Jahre später, nachdem er seine erste Anklage losgelassen hatte. Offenbar hatte er in diesen Jahren den Glauben verloren, dass sich die Situation für die Freien jemals verbessern werde: „Kein Schriftsteller-Schutzverband, keine Presse-Organisation hat das je zu ändern vermocht.“

Letztlich kann nur jeder einzelne Redakteur versuchen, möglichst korrekt und kollegial mit freien Mitarbeitern umzugehen. Denn laut Tucholsky sollte er bedenken:

Der Redakteur, der heute seine Stellung verläßt, kann morgen freier Schriftsteller sein, und der freie Schriftsteller, der heute beim Redakteur antichambriert, kann morgen auf seinem Platz sitzen. Sie sind beide geistige Arbeiter. Sie sollten mehr zusammenhalten, und besonders der Redakteur sollte mehr zum freien Schriftsteller halten, damit sich manifestierte, was latent vorhanden ist: ihre Kollegenschaft.

22.12.2007

Für den Gebrauch von Schwachsinnigen


Kurt Tucholsky, 1890-1935, war einer der ersten Blogger. In seinem schwedischen Exil kommentierte der „aufgehörte Schriftsteller“ mit kurzen Bemerkungen und Zitaten das Weltgeschehen. Sein Blog nannte er „Q-Tagebücher“ (Q von: „Quatsche“). Da das Internet damals noch sehr langsam war, schickte er die Texte der Einfachheit halber per Post an seine einzige Leserin, seine Zürcher Freundin Hedwig Müller. Zuvor hatte er als Journalist von 1913 bis 1932 in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften die Medien beobachtet, natürlich auch die Boulevard-Zeitungen. Es scheint sich seitdem wenig verändert zu haben.

Der Ursprung der Nachrichten hat sich kaum verändert. Von mäßig bezahlten Reportern mäßig aufgenommen, mit kleinen Mitteln rasch zusammengeklaubt, nicht einmal so tendenziös gefärbt wie unsorgfältig zusammengehauen, gehen die Telegramme ihren Weg. Früher druckte man sie ab. Heute macht man sie auf. Was, man macht sie auf! Man macht sie überhaupt erst zu Etwas, man schöpft und schafft aus dem Nichts, man erfindet Wahrheiten. Im Anfang war die Überschrift. Das kleinste Lausetelegramm kann durch geschickte ‘Aufmachung’ zu einer Art Sensation werden. (…) Aber was ist das alles gegen das Bild –!

Das Bild ist die Schule der Weisheit des kleinen Mannes. Und wieviel große Männer bei uns sind nicht kleine Männer! Das Konkret-Anschauliche wird mit Recht immer den Sieg über das Abstrakte davontragen – aber nun sehe man sich an, wer diese Bilder herstellt, wie sie hergestellt sind, und wer sie aussucht! Über politische Tendenz kann man streiten, über ästhetische Begriffe kann man verschiedener Ansicht sein – aber über den vollkommenen Stumpfsinn dieser Bilder gibt es wohl nur eine Meinung. Nämlich die: Wie ungeheuer interessant! „Die Kronprinzessin von Kambodscha nach dem Tennisturnier.“ „Vizepräsident Schindanger legt einen Kranz auf den Gedenkstein des 500. deutschen Rhönsegelflugsportlers nieder.“ „Baby aus Maori, hinten geimpft.“ Man könnte getrost die Unterschriften vertauschen, es merkt ja doch keiner.

Die Technik schreitet fort. Artikelüberschriften und Bildunterschriften sind das Gebiet eifrigsten Studiums. Kein Zeitungsmann zerbricht sich den Kopf so über die Gewinnung neuer wichtiger Nachrichten wie über die Textierung des alten herkömmlichen Materials. Es hat sich nicht geändert – aber es wird jetzt viel feiner verpackt.

(…)

Ein Königreich für einen Titel! Die Zeitungen habens verschuldet, deren geschickteste Angestellte sich den Kopf zerbrechen müssen, um einen Titel, ein lockendes, fettgedrucktes Wort zu erfinden … Es ist nicht zu tadeln, wenn eine gute typographische Druckanordnung die Orientierung des Lesers erleichtert, – aber das geschieht bei uns auf Kosten des Inhalts. Die Überschrift macht den Kohl fett, der sonst so fad wäre, daß ihn niemand schlucken möchte.

Wenn die Überschrift noch den Extrakt der Nachricht, des Artikels enthielte: keine Spur! Anreizen soll sie, und die Folge ist, daß der ewig überhungrige Leser die dünne Kaviarschicht durchbeißt, auf den pappigen Teig stößt und dann das Ganze überdrüssig wegwirft. So werden viele guten Dinge diskreditiert: nur durch die Überschrift. Es gibt gerade in Berlin Zeitungen, die es darin zu einer beängstigenden Fertigkeit gebracht haben. (…) In dieser Art: weil man erstens in der Regel nur Triviales zu bieten hat und zweitens der verhätschelte Leser für ernste und anstrengende Dinge nicht zu haben ist, verputzt man einen an sich gleichgültigen Aufsatz mit glitzernden Mätzchen und krönt ihn mit der Krone des Kolportageromans, mit einem wilden Titel. (…)

Die Weltgeschichte fix und fertig für den Gebrauch von Schwachsinnigen.

Diese aufgeregte Stagnation ist ein getreues Abbild der Gesellschaftsordnung, die sie hervorbringt. Eine lärmende Langeweile und ein tiefes Unrecht dazu: eine Verschleierung der Wahrheit und die Ablenkung vom Wesentlichen.

(Zusammengestellt aus: „Die Überschrift“, in: März, 21.2.1914, S. 281 und: „Der neue Zeitungsstil“, in: Die Weltbühne, 16.12.1924, S. 918)

9.12.2007

Gussys Gäste

Tucholsky kannte seine Tricks, um die journalistische Distanz gelegentlich zu überwinden. So schrieb er im Juli 1913 als Peter Panter über einen Auftritt der Schauspielerin und Diseuse Gussy Holl:

Hier lasse ich als Rezensent die geforderte Objektivität völlig vermissen. Ich bin verliebt (darf es, weil ich ein Pseudonym bin), der zitternde Kohinoor entgleitet der Hand, ich liebe alles an ihr: ihr Kleid, ihre dünnen Arme, das Fräulein Holl und die Gussy. (…) Abgesehen von meiner Verliebtheit: sie ist wirklich so. Und ihr werdet mir doch die Freude nicht verübeln, mich, wie in meinen Kindertagen, in die ‚Schauspielerin‘ zu verlieben: nicht in eine Frau – denn ist es auszudenken, daß sie einen je küßte? – sondern in ein Zauberwesen, das nicht ißt, nicht schläft, nicht lebt, sondern das nur singt, Kußhände wirft und vom lieben Gott eigens dazu geschaffen ist, uns armen jungen Leuten Trost einzuflößen, den wir durch unsre Familie wohl verdient haben.

Letztere Bemerkung war durchaus ernst gemeint. Denn mit seiner eigenen Mutter stand Tucholsky zeit seines Lebens auf Kriegsfuß. Gussy Holl nannte er dagegen in seinen Briefen liebevoll „Mamma“. Ob Tucholsky „aus Liebe zu ihr zum Chansontexter“ wurde, wie der Tagesspiegel behauptet, sei dahingestellt. Fest steht zumindest, dass die Diseuse nach ihrer Scheidung von dem Schauspieler Conrad Veidt nicht den Schriftsteller Tucholsky, sondern einen weiteren Schauspieler, Emil Jannings, heiratete. Tucholsky, der das Paar später häufig besuchte, schenkte ihnen noch im Hochzeitsjahr 1923 ein Gästebuch mit der Widmung „Der guten Gussy und dem lieben Ämil von Theobald Tiger“ sowie einem Geleitwort:

Gäste sind in aller Welt die gleichen
Kommen, essen, trinken, plaudern, gehen
und sind auch von hinten lieblich anzusehen.

Wer sich bis 1931 in dieses Gästebuch eingetragen hat, kann am Mittwoch in Berlin begutachtet werden. Denn die Deutsche Kinemathek hat im Herbst das Gästebuch mit 170 Einträgen für 8500 Euro ersteigert.

Die Präsentation beginnt am 12. Dezember um 19 Uhr im Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz in Berlin. Überreicht wird das Gästebuch von dem Drehbuchautor und Regisseur Fred Breinersdorfer. Anschließend erzählt der Regisseur Jörg Jannings von seinem Onkel und trägt aus unbekannten Briefen sowie Texten von Tucholsky, Carl Zuckmayer, Joseph Roth, Kurt Pinthus und anderen vor.

27.11.2007

Hörspielpreis für „Schloß Gripsholm“

Da wird sich Tucholsky im „Nachher“ aber gefreut haben. Die Besucher des Hörspielkinos im Berliner Großplanetarium am Prenzlauer Berg haben den „Hörspielkino-Publikumspreis 2007“ an „Schloß Gripsholm“ verliehen. Und zwar in einer Hörspielversion aus dem Jahr 1964 in der Regie von Hans Knötzsch. In der Produktion des DDR-Rundfunks sprachen Fred Düren, Ursula Karusseit, Hans-Joachim Hanisch, Angelica Domröse und Regine Toelg.

Der Preis wird am 1. Dezember um 20 Uhr im Planetarium verliehen. An wen eigentlich? Autor und Regisseur sind seit 72 beziehungsweise 11 Jahren tot.

Tucholsky hatte über gehörte Literatur selbstverständlich seine eigenen Ansichten:

Der Rundfunk kann die Literatur der Lebenden fördern – obgleich das Ohr nicht so aufnahmefähig ist wie das Auge, und hier besteht eine Gefahr. Für faule Leser macht manchmal eine „Bücherstunde“ die Lektüre eines Buches überflüssig – hat er etwas über ein Werk gehört, so kann es geschehen, daß er es nicht mehr liest. Aber diese Gefahr ist klein im Vergleich zu dem Nutzen, den eine anregende Bücherstunde schaffen kann.
Peter Panter, in: Der Deutsche Rundfunk, 6.9.1929, Nr. 36, S. 1145

22.11.2007

Es begann mit einem „Märchen“

Heute ist es auf den Tag genau 100 Jahre her, dass die ersten Texte von Kurt Tucholsky in der Presse erschienen sind. Am 22. November 1907 veröffentlichte die Satirebeilage des Berliner Tageblatts, der Ulk, zwei anonyme Texte unter den Titeln „Märchen“ und „Vorsätze“. Ihr Autor war der 17 Jahre alte Tucholsky, der in dieser Zeit von einem Privatlehrer auf das Abitur vorbereitet wurde.

Schon in diesen beiden Glossen deutet sich an, was für den späteren Autor Tucholsky charakteristisch werden sollte: Ein virtuoser Umgang mit der Sprache und ein respektloses Verhältnis zur Obrigkeit.

So unterstellte er im „Märchen“ niemand Geringerem als Kaiser Wilhelm II., dass dieser kein Verständnis für die moderne Kunst habe. Auch wenn die „ganze moderne Richtung“, auf die der Kaiser in dem Text pfeift, eigentlich gar nicht in seiner kleinen Flöte war. Es fehlten Expressionisten wie die Künstler der „Brücke“ oder des „Blauen Reiters“ sowie Vertreter von Kubismus und Futurismus, heißt es in der Tucholsky-Gesamtausgabe.

In dem Text „Vorsätze“ klingt ein Motiv an, das auch später für Tucholsky von großer Bedeutung sein sollte: die angemessene Bezahlung für seine literarische Produktion. Der Onkel, den er um Geld bitten wollte, war vermutlich Max Tucholski, der Bruder seiner Mutter Doris. Dieser war nach dem Tode von Tucholskys Vater Alex im Jahre 1905 Kurts Vormund geworden und verwaltete dessen beachtlichen Erbteil.

Nach diesen beiden Veröffentlichungen war er zunächst wieder ruhig um Tucholskys journalistische Karriere. Erst dreieinhalb Jahre später, im April 1911, sollte sein nächster Artikel erscheinen. Dieses Mal im Vorwärts, dem Parteiblatt der SPD, für das er in den folgenden beiden Jahren regelmäßig schreiben sollte. Richtig los ging es mit dem Journalismus jedoch erst am 9. Januar 1913, Tucholskys 23. Geburtstag. Von diesem Tag an war er Mitarbeiter der Schaubühne, die ihn nie wieder loslassen sollte.

3.11.2007

Sprechen, schreiben, hören

Nach seinem Hörbuch „Unerledigte Konten“ hat Schauspieler Dieter Mann eine weitere CD mit Texten von Kurt Tucholsky aufgenommen. Sie heißt „Wenn tot, werde ich mich melden“ und enthält laut Verlagsangaben Tucholskys „letzte Briefe“. Zusammen mit anderen gesprochenen Briefen hat Jens Sparschuh sich die Doppel-CD für den Tagesspiegel angehört:

Auch wenn sich Tucholsky selbst am Ende seiner Briefe oft als einen „aufgehörten Dichter“ bezeichnete – seine Briefe beweisen das Gegenteil. Sie funkeln vor Ironie, sind stilistisch brillant, enthalten rasch hingeworfene Reflexionen ebenso wie detaillierte Analysen. Er schreibt über Gott („Gott ist groß, mir zu groß“) und die Welt (Paris: „Hier ist man nicht einsam, wenn man allein ist.“). Manch eine seiner Feststellungen ist von erstaunlicher Aktualität: „Der Sozialismus wird erst siegen, wenn es ihn nicht mehr gibt.“

Über den Grund, der aus Tucholsky im Exil einen reinen Briefeschreiber machte, täuscht sich Sparschuh allerdings.

Ohne Arbeitserlaubnis im schwedischen Exil, isoliert in einem fremden Sprachraum, waren ihm Briefe die letzte verbliebene Kommunikationsform,

heißt es in der Rezension. Das stimmt nicht ganz. Natürlich konnte Tucholsky in Nazi-Deutschland nicht mehr publizieren. Allerdings standen ihm die zahlreichen Exil-Medien sperrangelweit offen.

Aber wie schrieb Tucholsky in seinem letzten Brief an seine geschiedene Frau Mary Gerold:

Ich habe über das, was da geschehen ist, nicht eine Zeile veröffentlicht – auf alle Bitten hin nicht. Es geht mich nichts mehr an. Es ist nicht Feigheit – was dazu schon gehört, in diesen Käseblättern zu schreiben! Aber ich bin au dessus de la mêlée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig.

Es ist zu hoffen, dass sich dieser bewegende Brief vom November 1935 auf der CD befindet.

31.10.2007

Zwei neue Jünger

Fast 1400 Seiten musste Stephan Reinhardt bewältigen, um für den Deutschlandfunk zwei soeben erschienene Biografien über Ernst Jünger zu rezensieren. Zwar seien beide recht unterschiedlich geschrieben, heißt es in dem Text, doch sei beiden gemein,

dass sie den 1895 geborenen und 1998 im Alter von 102 Jahren an Herzschwäche gestorbenen Ernst Jünger auf ein Podest stellen. Trotz gelegentlicher Einwände ist Jünger für sie eine unverrückbare Zentralgestalt der europäischen Moderne.

Besonders missfällt Reinhardt, dass die Biografen Jüngers militanten Nationalismus lediglich mit dem Versailler Vertrag zu erklären versuchen und seinen Antiparlamentarismus mit der Kritik der Weltbühne an der Weimarer Republik auf eine Stufe stellen.

Es schmerzt regelrecht, wenn Kiesel, der den „republikfeindlichen Antiparlamentarismus“ Jüngers erklären will, dabei pazifistische Schriftsteller wie Tucholsky und Ossietzky zu radikalen Republikfeinden stempelt. Dabei hängt er sich an Riccardo Bavajs oberflächliche Studie „Von links gegen Weimar“ an. Das ist so unredlich wie falsch. Denn Jüngers Gegenspieler Tucholsky und Ossietzky waren gewiss Kritiker des Parlamentarismus, im Zweifelsfalle aber war ihnen die Demokratie das Wichtigste. Natürlich wussten sie, dass in ihr Menschen- und Freiheitsrechte eher geschützt werden als in Diktaturen.

Diese Einschätzung ist sicher nicht ganz unzutreffend. Vor allem aber kritisierten Tucholsky und Ossietzky die Weimarer Regierungen dafür, dass diese die antidemokratischen und antirepublikanischen Bestrebungen der Reaktion nicht scharf genug bekämpften und somit Frieden und Demokratie in Gefahr brachten. Den Vorwurf eines solch gearteten „Antiparlamentarismus“ kann man Jünger sicherlich nicht machen.

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