15.3.2010

Goldene Zwanziger in Idada-Oberstein

Einen musikalische Revue der besonderen Art konnten die Idar-Obersteiner am vergangenen Sonntag erleben. Wenn es stimmte, was die Allgemeine Zeitung in ihrer Ankündigung schrieb, wurden bislang nie gehörte Werke aufgeführt:

Den widersprüchlichen Gefühlen der »Goldenen 20er« entsprachen mit dadaistischen Texten Autoren wie Kurt Tucholsky und Walter Mehring, Mitbegründer des Berliner politisch-literarischen Kabaretts, und spröde Musik wie die Paul Hindemiths.

Nun kann man von Tucholskys und Mehrings* Gedichten ja sagen, was man will, aber dadaistisch waren sie auf jeden Fall nicht. Derartiges behaupten auch nicht die Künstler in ihrem Programmzettel, sondern die Zeitung exklusiv für sich. Was Tucholsky von Dada hielt, brachte er 1920 auf die knappe Formel:

Wenn man abzieht, was an diesem Verein Bluff ist, so bleibt nicht so furchtbar viel.

Peter Panter, »Dada«, in: Berliner Tageblatt, 20. Juli 1920

Das gilt auch für so manche Pressemeldung.


* Mehring war wohl doch ein bisschen dada. Dank an R. Templin für den Hinweis!

27.1.2010

Tucholskys letzte Hemden

Es ist dem Tagesspiegel und dem Neuen Deutschland aufgefallen: Das im vergangenen als Printausgabe eingestelle Blättchen erscheint nun wieder als Online-Ausgabe. Beide Zeitungen loben das Weltbühne-Nachfolgeprojekt, laut Neuem Deutschland waren die 300 Printausgaben »tapfer und ausdauerheiter, intelligent und traditionsbewusst in Szene gesetzt von Jörn Schütrumpf, Wolfgang Sabath, Heinz Jakubowski«. Die erste Online-Ausgabe warte in ihrem Sonderteil gar mit einer »kleinen Kostbarkeit« auf: Tucholskys Nachlassverzeichnis, das erstmals aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt wurde.

Was ist nun so »kostbar« an dieser Aufstellung?

Nun weiß man immerhin, dass Tucholsky im Keller seiner Villa im schwedischen Hindas ein Feuerlöschgerät der Firma Kustos im Keller stehen hatte (Wert: 15 Kronen), auf einer Rosshaarmatratze schlief, zwei Briefwaagen und zwei Papierkörbe im Arbeitszimmer besaß (gut für die Ordnung) und ein 44-teiliges geblümtes Essservice (Wert: 20 Kronen) sein eigen nannte. Was bereits bekannt war: Tucholsky steckte an seinem Lebensende in den Miesen. Seine Schulden betrugen knapp 12.000 Kronen, die seine Erbin Mary Gerold-Tucholsky erst nach dem Krieg durch die Verkaufserlöse der Bücher wieder begleichen konnte.

Ansonsten bleibt der Eindruck, den der Tagesspiegel treffend formulierte: »So viel Hausrat, und er deckte doch nicht die Kosten seines Ablebens. Man kann nichts mitnehmen.«

9.1.2010

Ein bunter Strauß Geburtstagsgrüße

Was Tucholsky wohl zu den Blumen gesagt hätte, die ihm die deutschen Medien heute aufs Grab gestellt haben?

Vermutlich herzhaft gelacht hätte er über die Berliner BZ, die keine Mühen gescheut hat, eine Tucholsky-Würdigung von Christoph Stölzl mit einem ausgefallenen Foto zu illustrieren. Ihr ist es offenbar gelungen, nicht nur ein Bild von Tucholsky, sondern sogar von einem seiner Pseudonyme aufzutreiben. Aber um welches handelt es sich dabei: den bitterbösen Ignaz Wrobel, den kugelrunden Peter Panter, den melancholischen Kaspar Hauser oder den dichtenden Theobald Tiger?


Wenn es nicht doch jemand anderes wäre, könnte man ganz gut auf Kaspar Hauser tippen. Und wie muss man sich die Bildunterschrift erklären (inhaltlich, nicht grammatisch)? Also direkt nach seinem 45. Geburtstag dachte Tucholsky, mit diesem halbrunden Alter ist Schluss? Da lebte er aber noch fast zwölf Monate.

Stölzl selbst bemüht eher die Klischees, um seinen Lesern Tucholsky näherzubringen:

Der Jammer über den Höllensturz seines Vaterlandes hatte ihm das Herz gebrochen. (Wirklich?)

Sie vergalten es ihm mit ihrem Hass, der ihn 1933 sofort zur Flucht zwang. (War er nicht schon 1924 aus Deutschland weggegangen?)

Alles, was Tucholsky machte, wurde sogleich zur öffentlichen Angelegenheit. (Lebte er in einem prä-endemoligen Big-Brother-Container? War er Dauergast bei Kerners Großvater?)

Aber auch der WDR hat in seinem »Stichtag« einmal kräftig daneben gelangt:

Gegen den Kriegseintritt Deutschlands 1914 schreibt Tucholsky ebenso an wie gegen den Kommunismus.

Das hat Stölzl richtiger getroffen: »1914 wurde er Soldat, aber anders als die meisten seiner Generation blieb er immun gegen den Hurra-Patriotismus.« Und schrieb die ersten Kriegsjahre rein gar nichts. Gegen kommunistische und sozialistische Bestrebungen zum Nutzen der Arbeiter und des Pazifismus hatte er recht wenig einzuwenden, wenn auch gegen die Politik der KPD.

Eine recht schöne Würdigung findet sich in der Wiener »Presse. Ob die stark bemühte Tinten-Metapher aber bei einem Menschen angebracht ist, der zeitlebens nur auf der Schreibmaschine klapperte und sogar bei Privatbriefen fragte: »Darf man tippen?«

Eher geschmunzelt hätte Tucholsky wohl über eine Formulierung in der Ostthüringer Zeitung:

Die Grabplatte ziert ein Gleichnis aus Goethes »Faust«.

Wie dieses sehr vergängliche Gleichnis wohl lautet??

Vielen Dank an Roland Templin für den Hinweis zu Tschechow.

6.1.2010

Auftakt zum 120.

Der in Kürze anstehende 120. Geburtstag Tucholskys wirft seinen Schatten voraus, wenn diese eher sommerliche Metapher einmal erlaubt sein darf. Die Nachrichtenagentur AP (oder APD, oder APN) hat zum 9. Januar einen Artikel unter dem Titel »Der melancholische Satiriker« verbreitet. Dem Autor kann zumindest nicht vorgeworfen werden, den Wikipedia-Artikel zu Tucholsky nicht gelesen zu haben. Man darf gespannt sein, ob es noch andere Würdigungen zu diesem Jahrestag geben wird.

10.12.2009

Kurt Tucholsky – ein Sozialist?

Kann man von Kurt Tucholsky behaupten, dass er sich selbst als Sozialist verstanden hat? Über diese Frage gibt es seit einiger Zeit eine umfängliche Diskussion in der Wikipedia. Zu recht?

Unstrittig ist auf jeden Fall, dass man über diese Behauptung diskutieren kann. Denn wer oder was ist eigentlich ein Sozialist? Und hat sich Tucholsky zu der laut Wikipedia »politischen Ideologie« des Sozialismus überhaupt einmal bekannt?

Während die erste Frage nicht so leicht zu beantworten sein wird, genügt zur Klärung der zweiten einfach ein Blick in Tucholskys Werk. Wie auch in der Wikipedia argumentiert wird, schrieb er unter anderem:

»Für uns Sozialisten kann es nur eine einzige Lehre dieses Krieges geben.«
»Nie wieder in Krieg«, in: Die Freiheit, 1.8.1922

»Wer schützt unsre Gefühle? unsern Glauben an den Sozialismus?«
»Von den Kränzen, der Abtreibung und dem Sakrament der Ehe», in: Die Weltbühne, 17.2.1931

Das erstmalige Erscheinen der Wiener Weltbühne kündigte er unter der Überschrift an:

»Berliner in Österreich? Nein: Sozialisten bei Sozialisten!«
in: Die Weltbühne, 29.9.1932

Auch schien Tucholsky klar gewesen zu sein, was Sozialismus bedeutet. So schrieb er 1928 auf die Frage »Was würden Sie tun, wenn Sie die Macht hätten?«:

»Hätte ich die Macht mit den kommunistischen Arbeitern und für sie, so scheinen mir dies die Hauptarbeiten einer solchen Regierung zu sein: Sozialisierung der Bergwerke; Sozialisierung der Schwerindustrie; Aufteilung des Großgrundbesitzes; …?«
In: Literarische Welt, 9.11.1928

Und in einer Analyse der Novemberrevolution kam er zu dem Schluss:

»Folgende Möglichkeiten sind damals ausgelassen worden: Zerschlagung der Bundesstaaten; Aufteilung des Großgrundbesitzes; Revolutionäre Sozialisierung der Industrie …«
»November-Umsturz« in: Die Schwarze Fahne, 1928, Nr. 44

Bis zum Ende seines Lebens verfolgte er aufmerksam die Entwicklung der sozialistischen Bewegung. Am 10. Februar 1935 schrieb er an seinen Freund Walter Hasenclever:

Der Sozialismus, der den Arbeitern viel Gutes gebracht hat, hat in dieser Form seine Rolle ausgespielt. […] Je eher das, was man heute Sozialismus nennt, untergeht, desto besser – sein Grundsatz ist sowieso falsch, das haben gerade wir immer gewußt.

Daraus spricht deutlich der enttäuschte Liebhaber, der seine Ideale verraten sieht und vom Sozialismus in dieser Form beziehungsweise von dem, was man heute so nennt, nichts mehr hält.

Warum sollte man trotz dieses eindeutigen Befundes Probleme damit haben, Tucholsky als Sozialisten zu bezeichnen? Dies muss wohl mit dem heutigen Verständnis des Begriffs zusammenhängen, beziehungsweise mit dem Personal, das damit in Verbindung gebracht wird. Wen würde man heutzutage so titulieren? In Deutschland in erster Linie Vertreter der Linkspartei, schon deswegen, weil diese sich in alter Tradition selbst als Sozialisten bezeichnen. Bei SPD-Politikern hat man schon seine Probleme damit, auch wenn sich die Genossen in ihrem Hamburger Programm von 2007 noch »der stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus« verpflichtet sehen.

Vielleicht liegt da das Problem. Möchte man sich Tucholsky in intimer geistiger Nähe zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht vorstellen? Als Autor des Neuen Deutschland? Als Kolumnist der jungen welt. Wohl lieber nicht. Auch wenn sich die Vertreter der Linkspartei bei passender oder unpassender Gelegenheit gerne auf Tucholsky berufen.

Wer aber ist denn ein Sozialist – damals wie heute? Gilt das nur für

  • a) Funktionäre einer explizit sozialistischen Partei?
  • b) Schon für deren Mitglieder und Wähler? Oder gar
  • c) für alle Menschen, die die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Ziel sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit verändern wollen, und eine nach diesen Prinzipien organisierte Gesellschaftsordnung anstreben? (Sozialismus-Definition laut Zeit-Lexikon 2005)

Im Falle von c) wäre Tucholsky auf jeden Fall als Sozialist zu bezeichnen. Und er hätte sich auch so verstanden. Das machen die obigen Zitate mehr als deutlich. Aber auch im Falle von b) trifft dies zu, denn schließlich machte er schon 1911/12 für die SPD Wahlkampf, trat 1920 gar der USPD bei und schrieb regelmäßig für sozialistische Blätter wie Die Freiheit. Fritz J. Raddatz schreibt daher im Vorwort zu den Gesammelten Werken lapidar:

Tucholsky wurde Sozialist. Er trat der USPD bei und war nach deren Verschmelzung mit der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1922 Mitglied der SPD.
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Reinbek 1975, Bd. 1, S. 21

Bliebe nur noch Fall a), der offenbar nicht zutrifft. Dass Tucholsky trotz seiner politischen Überzeugungen kein Parteiführer sein wollte, hat er oft genug betont:

»Ich bin kein großer Führer, ich weiß das. Ich bin ausgezeichnet, wenn ich einer noch dumpfen Masseneinsicht Ausdruck geben kann.«
Brief an Arnold Zweig vom 15.12.1935

»Wir haben niemals beansprucht, die Führer der Arbeiterklasse zu sein.«
»Die Rolle des Intellektuellen in der Partei«, in: Die Front, 1929, Nr. 9

Aber die Tatsache, dass Tucholsky sich nach Auflösung der USPD nicht mehr parteipolitisch engagierte, könnte genau damit zusammenhängen, dass weder die SPD noch die KPD eine sozialistische Politik in seinem Verständnis propagierten. Die SPD war ihm zu zahm und kapitalismusfreundlich, die KPD zu dogmatisch-marxistisch und zu moskauhörig. Er war politisch heimatlos geworden und verließ Deutschland dann auch bald in Richtung Paris.

Ein weiterer wichtiger Beleg für Tucholskys sozialistische Überzeugungen ist die Mitgliedschaft in Kurt Hillers Gruppe Revolutionärer Pazifisten. Nach Ansicht Hillers sollte der Weltfrieden über den Umweg des weltweit siegreichen Sozialismus eingeführt werden. Wobei der Sozialismus mit revolutionären Mitteln erzwungen werden sollte. Kaum vorstellbar, als Nichtsozialist Mitglied in dieser Hiller-Gruppierung sein zu können. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch die eminent pazifistische Überzeugung, die zur damaligen Zeit mit dem Sozialismus verknüpft war. Schließlich wurde der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch als Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems gesehen. Aus diesem Grund gab es bei Tucholsky eine enge Verbindung von Demokratie, Sozialismus und Pazifismus.

Vor diesem Hintergrund scheint es nur konsequent, wenn Riccardo Bavaj in seiner Studie Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik die Weltbühne und ihre Repräsentanten Tucholsky, Ossietzky und Hiller unter dem Kapitel »Linkssozialismus« zusammenfasst.

Zu guter Letzt sei darauf verwiesen, dass es in früheren Jahrzehnten gang und gäbe war, Tucholsky den Sozialisten zuzurechnen, wie ein Blick in den Spiegel zeigt:

»Entschiedener, als er es schon früher getan hatte, verurteilte der pazifistische Sozialist Tucholsky nach 1933 den Stalin-Kommunismus, der die von Hitler verfolgten deutschen Genossen im Stich gelassen habe.«
»Adofs Doitsche«, in: Der Spiegel, 6.2.1963

Und 20 Jahre später:

Der Sozialist Tucholsky, gleichzeitig auch Mitarbeiter linker und linksradikaler Blätter, […]
» Tucholsky ein Deutschnationaler?« in: Der Spiegel, 21.10.1985

Bevor es in der Wikipedia wieder zu Missverständnissen und Diskussionen kommt, sei hier schon mal klargestellt: Tucholsky verstand sich definitiv nicht als Deutschnationaler.

26.10.2009

Tucholsky-Preis an Volker Weidermann verliehen

Zum Abschluss der diesjährigen Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft zum Thema Anti-Faschismus hat der Literaturkritiker und Journalist Volker Weidermann den Tucholsky-Preis für literarische Publizistik erhalten. Anders als in früheren Jahren hatte die Tucholsky-Gesellschaft dazu nicht ins Deutsche Theater, sondern ins Haus der Demokratie und Menschenrechte geladen. Trotz widriger Akustik sei die Veranstaltung »auf gewohntem Niveau« gewesen, sagte Jens Brüning in seinem Resümee im Deutschlandradio Kultur (nachzuhören als podcast).

In seiner Laudatio ging Weidermanns Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) auf die Debatte ein, die der Preisträger durch seine Literaturgeschichte Lichtjahre angestoßen habe. Weidermann sei sowohl »Gnostiker« als auch »Emphatiker«, sagte Malchow in Replik auf einen Beitrag von Hubert Winkels in der Zeit.



Tucholsky-Preisträger Weidermann

Weidermann, der den Preis für sein Buch der verbrannten Bücher verliehen bekam, verwies in seiner Dankesrede darauf, dass er die rund 500 Rezensionen des »fantastischen Literaturkritikers« Tucholsky immer wieder mit Begeisterung lese. »Was heute modern sein könnte, das kann man lernen in Texten, die vor 80 Jahren erschienen sind», sagte Weidermann.

Lernen kann man von den Autoren der Weltbühne aber nicht nur das Schreiben von Buchkritiken. Das ging auch aus den Beiträgen der diesjährigen Tagung hervor, die sich mit dem Kampf der linksintellektuellen Schriftsteller und Journalisten gegen den aufkommenden Nationalsozialismus befassten. Laut Neuem Deutschland drehte es sich dabei auch um die Frage:

War die Weltbühne in ihrer Auseinandersetzung mit der NSDAP mutig und vorausschauend?

Was das Vorausschauen betrifft, so sind im Falle des vom ND erwähnten Ossietzkys in der Tat einige Zweifel angebracht (und auch im Laufe der Nachkriegsgeschichte schon häufig geäußert worden). Dass die Weltbühne-Autoren mutig waren, steht aber nicht zur Disposition. Einer anderslautenden Behauptung würde deren angeblicher Urheber auch entschieden widersprechen. Was hiermit geschehen sei.

21.10.2009

Neues Herzstück bezahlt

Vor einigen Monaten hatte das Rheinsberger Tucholsky-Museum um Spenden für ein sehr seltenes Buchexemplar geworben: ein Widmungsexemplar des Büchleins Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte von Kurt Tucholsky an seine spätere Frau Else Weil. Nun hat Museumsleiter Peter Böthig den Erfolg der Aktion bekanntgegeben. Laut Märkischer Allgemeiner teilte er mit,

dass die Spenden zusammen mit Fördermitteln aus dem Wissenschaftsministerium und der Staatskanzlei nun ausreichen, um das Darlehen für den Kauf zurückzuzahlen. Böthig dankte den Spendern und lud sie zur Langen Nacht der Künste am 7. November ein. Dort will er das Buch bei der Langen Nacht erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

Damit hat Böthig die 10.000 Euro zusammen, die das Buch im Besitz eines privaten Sammlers kosten sollte. Und das Museum in der Tat ein faszinierendes Exponat mehr, dass laut Böthig »Herzstück einer Ausstellung zu Tucholskys 75. Todestag« werden soll.

20.6.2009

Die Welt der Berichtigungen

Aus nicht ganz ersichtlichem Anlass (obwohl es derzeit einen gäbe) hat die Nachrichtenagentur dpa das Tucholsky-Museum in Rheinsberg besucht. Gleich zu Beginn ihres Textes »Die Welt der Pseudonyme« verheddert sich Autorin Imke Hendrich allerdings ein wenig in Tucholskys vielgestaltigem Werk:

Der sensible Künstler hasste Rosenkohl, Lärm, das Militär und die Nazis, schön gespitzte Bleistifte mochte er dagegen sehr. Ebenso die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebte. Es ist eine kurze satirische Todesanzeige, die Kurt Tucholsky einst über sich selbst verfasste.

Nicht ganz ernstgemeinte Nachrufe hat Tucholsky mehrfach veröffentlicht. So unter anderem »Requiem» und »Mein Nachruf«. Die obige Aufzählung stammt jedoch aus der Tabelle »Kurt Tucholsky haßt – liebt«, die am 1. Januar 1928 in der Vossischen Zeitung erschien. Auf die Anfrage der Zeitung »Deutsche Satiriker sagen über sich selbst aus« antworteten neben Tucholsky auch Egon Friedell, Walter Mehring, A. R. Meyer, Mynona, Alfred Polgar, Peter Scher, Hans Reimann, Alexander Roda Roda, Marcellus Schiffer und Carl Sternheim.

Auch »Mein Nachruf« war übrigens eine Antwort auf eine Rundfrage, diesmal in der Literarischen Welt zum Thema »Wie soll Ihr Nekrolog aussehen? Eine kleine Anleitung für künftige Biographen zur richtigen Gestaltung des Nachruhmes«. Außer von Tucholsky erschienen Antworten von Egon Friedell, Hans Siemsen, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Walter Mehring, Carl Zuckmayer und Alfred Polgar.

In einem weiteren Punkt hat sich die Autorin ebenfalls etwas vertan:

Nur zehn Bücher hat Tucholsky geschrieben, das Museum hat alle in Erstausgaben, außerdem verfasste er mehr als 3000 Texte zwischen 1912 und 1932. Dann hörte er abrupt auf: »Das Spiel ist aus, die Nazis sind nicht mehr aufzuhalten«, notierte Tucholsky.

Tucholsky hat im Grunde nur drei Bücher geschrieben: Rheinsberg, Das Pyrenäenbuch sowie Schloß Gripsholm. Die übrigen sieben sind Sammelbände der mehr als 3000 Texte, die er in seiner Karriere verfasst hat. »Das Spiel ist aus« schrieb er in der Tat häufiger im Leben, so 1911, 1919 und zuletzt kurz vor seinem Tod im Dezember 1935, in seinem langen Brief an Arnold Zweig. Aber wo die Notiz steht, dass die Nazis nicht mehr aufzuhalten seien, hätte die dpa den Lesern und der Forschung gerne verraten dürfen.

17.5.2009

Eine Widmung für die Teuerste

Es manchmal schon erstaunlich, welche bibliophilen Schätze bei privaten Sammlern im Verborgenen schlummern. Tucholsky hatte 1921 bereits verraten, dass es von der Erstausgabe seines Rheinsberg-Büchleins eine limitierte Sonderausgabe von 30 Exemplaren gegeben hatte, und »weil wir es unsern Damen schenken mußten, die im Verhältnis 29:1 unter uns aufgeteilt waren, malten wir in alle Exemplare eine schöne 1, damit es keinen Ärger gäbe«. Der Tucholsky-Forschung waren bislang nur die Nummern 4, 14 und 28 bekannt (womit auch bewiesen wäre, dass Tucholsky etwas geflunkert hat). Doch nun ist überraschenderweise eine tatsächliche Nummer eins aufgetaucht: Gewidmet dem realen Vorbild der Claire, der Medizinerin Else Weil, Tucholskys erster Ehefrau. Dazu ist das Büchlein noch mit einem Widmungsgedicht versehen.

Kein Wunder, dass der Besitzer, der das Exemplar nun verkaufen will, dafür den stolzen Preis von 10.000 Euro verlangt. Ebenfalls kein Wunder, dass das Rheinsberger Tucholsky-Museum dieses Buch unbedingt haben möchte. »Das ist quasi die ideelle Gründungsurkunde unseres Museums«, sagte Museumsleiter Peter Böthig zur Begründung. Das Problem für Böthig: Sein Museum hat nur einen jährlichen Ankaufetat von 1300 Euro. Daher bittet er nun um finanzielle Unterstützung, um das Buch dennoch erwerben zu können. Die Märkische Allgemeine berichtete ausführlich über den Spendenaufruf. Und wies dabei darauf hin:

Das Buch wäre nicht nur wegen seiner Seltenheit wertvoll für das Museum. Böthig erarbeitet derzeit eine Ausstellung über Else Weil. »Frauen in Preußen und Brandenburg« ist das Thema des Kulturland-Jahres 2010, dazu passt das Schicksal der promovierten Ärztin und zeitweiligen Ehefrau von Tucholsky. […] 50 Dokumente und 20 Fotos hat Peter Böthig bereist zusammengetragen – und das Buch wäre das Highlight der Ausstellung.

Und anschließend des Tucholsky-Museums.

Mögliche Spender können sich beim Tucholsky-Museum melden: Telefon: 033931/3 90 07, E-Mail: mail@tucholsky-museum.de. Das Museum vergibt selbstverständlich Spendenquittungen.

9.5.2009

Der kleine Peter Pan(ter)

Für ein Spiegel-Sonderheft Wissen hat sich Renate Nimtz-Koester mit der schwierigen Kindheit von Literaten beziehungsweise Künstlerkindern beschäftigt. In ihrem Artikel »Wie das Ich entsteht« nimmt die familiäre Situation Tucholskys einen breiten Raum ein:

Kurt, das Kind aus gutbürgerlich-jüdischer Familie wurde, wie seine Geschwister, von der unerbittlichen Mutter malträtiert. »Ich könnte wie ein Gott in Frankreich leben, hätte ich die verfluchten Bälger nicht.« Als schreiende, übellaunige Tyrannin beherrschte die Frau ihre beiden Söhne und Tochter Ellen. Anerkennung oder gar Liebe gab es niemals: »Wir waren ein Nichts«, schrieb später Ellen.

Der geliebte, vielbeschäftigte Vater hatte auf das häusliche Leben wenig Einfluss, der 15-jährige Kurt musste dessen qualvollen Syphilistod miterleben und auch, wie die Mutter dem Sterbenden das Morphium verweigerte.

Das trifft alles durchaus zu und ist hinreichend bekannt. Es ist zu vermuten, dass Tucholsky-Biograf Michael Hepp dies das der Autorin sagte. Sagte? Ist Hepp nicht im September 2003 bereits gestorben? Dann kommt einem diesem Passage aber merkwürdig vor:

»Da betrieb einer öffentlich Psychoanalyse«, sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp, »sezierte seine eigenen Leiden und Empfindungen.«

Aber »sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp« klingt eben viel aktueller und persönlicher als »urteilt Michael Hepp in seiner 1998 erschienenen Tucholsky-Biografie«, wo sich das Zitat auf Seite 110 und der Hinweis auf das Peter-Pan-Syndrom an anderer Stelle findet.

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