27.1.2010

Tucholskys letzte Hemden

Es ist dem Tagesspiegel und dem Neuen Deutschland aufgefallen: Das im vergangenen als Printausgabe eingestelle Blättchen erscheint nun wieder als Online-Ausgabe. Beide Zeitungen loben das Weltbühne-Nachfolgeprojekt, laut Neuem Deutschland waren die 300 Printausgaben »tapfer und ausdauerheiter, intelligent und traditionsbewusst in Szene gesetzt von Jörn Schütrumpf, Wolfgang Sabath, Heinz Jakubowski«. Die erste Online-Ausgabe warte in ihrem Sonderteil gar mit einer »kleinen Kostbarkeit« auf: Tucholskys Nachlassverzeichnis, das erstmals aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt wurde.

Was ist nun so »kostbar« an dieser Aufstellung?

Nun weiß man immerhin, dass Tucholsky im Keller seiner Villa im schwedischen Hindas ein Feuerlöschgerät der Firma Kustos im Keller stehen hatte (Wert: 15 Kronen), auf einer Rosshaarmatratze schlief, zwei Briefwaagen und zwei Papierkörbe im Arbeitszimmer besaß (gut für die Ordnung) und ein 44-teiliges geblümtes Essservice (Wert: 20 Kronen) sein eigen nannte. Was bereits bekannt war: Tucholsky steckte an seinem Lebensende in den Miesen. Seine Schulden betrugen knapp 12.000 Kronen, die seine Erbin Mary Gerold-Tucholsky erst nach dem Krieg durch die Verkaufserlöse der Bücher wieder begleichen konnte.

Ansonsten bleibt der Eindruck, den der Tagesspiegel treffend formulierte: »So viel Hausrat, und er deckte doch nicht die Kosten seines Ablebens. Man kann nichts mitnehmen.«

9.1.2010

Ein bunter Strauß Geburtstagsgrüße

Was Tucholsky wohl zu den Blumen gesagt hätte, die ihm die deutschen Medien heute aufs Grab gestellt haben?

Vermutlich herzhaft gelacht hätte er über die Berliner BZ, die keine Mühen gescheut hat, eine Tucholsky-Würdigung von Christoph Stölzl mit einem ausgefallenen Foto zu illustrieren. Ihr ist es offenbar gelungen, nicht nur ein Bild von Tucholsky, sondern sogar von einem seiner Pseudonyme aufzutreiben. Aber um welches handelt es sich dabei: den bitterbösen Ignaz Wrobel, den kugelrunden Peter Panter, den melancholischen Kaspar Hauser oder den dichtenden Theobald Tiger?


Wenn es nicht doch jemand anderes wäre, könnte man ganz gut auf Kaspar Hauser tippen. Und wie muss man sich die Bildunterschrift erklären (inhaltlich, nicht grammatisch)? Also direkt nach seinem 45. Geburtstag dachte Tucholsky, mit diesem halbrunden Alter ist Schluss? Da lebte er aber noch fast zwölf Monate.

Stölzl selbst bemüht eher die Klischees, um seinen Lesern Tucholsky näherzubringen:

Der Jammer über den Höllensturz seines Vaterlandes hatte ihm das Herz gebrochen. (Wirklich?)

Sie vergalten es ihm mit ihrem Hass, der ihn 1933 sofort zur Flucht zwang. (War er nicht schon 1924 aus Deutschland weggegangen?)

Alles, was Tucholsky machte, wurde sogleich zur öffentlichen Angelegenheit. (Lebte er in einem prä-endemoligen Big-Brother-Container? War er Dauergast bei Kerners Großvater?)

Aber auch der WDR hat in seinem »Stichtag« einmal kräftig daneben gelangt:

Gegen den Kriegseintritt Deutschlands 1914 schreibt Tucholsky ebenso an wie gegen den Kommunismus.

Das hat Stölzl richtiger getroffen: »1914 wurde er Soldat, aber anders als die meisten seiner Generation blieb er immun gegen den Hurra-Patriotismus.« Und schrieb die ersten Kriegsjahre rein gar nichts. Gegen kommunistische und sozialistische Bestrebungen zum Nutzen der Arbeiter und des Pazifismus hatte er recht wenig einzuwenden, wenn auch gegen die Politik der KPD.

Eine recht schöne Würdigung findet sich in der Wiener »Presse. Ob die stark bemühte Tinten-Metapher aber bei einem Menschen angebracht ist, der zeitlebens nur auf der Schreibmaschine klapperte und sogar bei Privatbriefen fragte: »Darf man tippen?«

Eher geschmunzelt hätte Tucholsky wohl über eine Formulierung in der Ostthüringer Zeitung:

Die Grabplatte ziert ein Gleichnis aus Goethes »Faust«.

Wie dieses sehr vergängliche Gleichnis wohl lautet??

Vielen Dank an Roland Templin für den Hinweis zu Tschechow.

6.1.2010

Auftakt zum 120.

Der in Kürze anstehende 120. Geburtstag Tucholskys wirft seinen Schatten voraus, wenn diese eher sommerliche Metapher einmal erlaubt sein darf. Die Nachrichtenagentur AP (oder APD, oder APN) hat zum 9. Januar einen Artikel unter dem Titel »Der melancholische Satiriker« verbreitet. Dem Autor kann zumindest nicht vorgeworfen werden, den Wikipedia-Artikel zu Tucholsky nicht gelesen zu haben. Man darf gespannt sein, ob es noch andere Würdigungen zu diesem Jahrestag geben wird.

10.12.2009

Kurt Tucholsky – ein Sozialist?

Kann man von Kurt Tucholsky behaupten, dass er sich selbst als Sozialist verstanden hat? Über diese Frage gibt es seit einiger Zeit eine umfängliche Diskussion in der Wikipedia. Zu recht?

Unstrittig ist auf jeden Fall, dass man über diese Behauptung diskutieren kann. Denn wer oder was ist eigentlich ein Sozialist? Und hat sich Tucholsky zu der laut Wikipedia »politischen Ideologie« des Sozialismus überhaupt einmal bekannt?

Während die erste Frage nicht so leicht zu beantworten sein wird, genügt zur Klärung der zweiten einfach ein Blick in Tucholskys Werk. Wie auch in der Wikipedia argumentiert wird, schrieb er unter anderem:

»Für uns Sozialisten kann es nur eine einzige Lehre dieses Krieges geben.«
»Nie wieder in Krieg«, in: Die Freiheit, 1.8.1922

»Wer schützt unsre Gefühle? unsern Glauben an den Sozialismus?«
»Von den Kränzen, der Abtreibung und dem Sakrament der Ehe», in: Die Weltbühne, 17.2.1931

Das erstmalige Erscheinen der Wiener Weltbühne kündigte er unter der Überschrift an:

»Berliner in Österreich? Nein: Sozialisten bei Sozialisten!«
in: Die Weltbühne, 29.9.1932

Auch schien Tucholsky klar gewesen zu sein, was Sozialismus bedeutet. So schrieb er 1928 auf die Frage »Was würden Sie tun, wenn Sie die Macht hätten?«:

»Hätte ich die Macht mit den kommunistischen Arbeitern und für sie, so scheinen mir dies die Hauptarbeiten einer solchen Regierung zu sein: Sozialisierung der Bergwerke; Sozialisierung der Schwerindustrie; Aufteilung des Großgrundbesitzes; …?«
In: Literarische Welt, 9.11.1928

Und in einer Analyse der Novemberrevolution kam er zu dem Schluss:

»Folgende Möglichkeiten sind damals ausgelassen worden: Zerschlagung der Bundesstaaten; Aufteilung des Großgrundbesitzes; Revolutionäre Sozialisierung der Industrie …«
»November-Umsturz« in: Die Schwarze Fahne, 1928, Nr. 44

Bis zum Ende seines Lebens verfolgte er aufmerksam die Entwicklung der sozialistischen Bewegung. Am 10. Februar 1935 schrieb er an seinen Freund Walter Hasenclever:

Der Sozialismus, der den Arbeitern viel Gutes gebracht hat, hat in dieser Form seine Rolle ausgespielt. […] Je eher das, was man heute Sozialismus nennt, untergeht, desto besser – sein Grundsatz ist sowieso falsch, das haben gerade wir immer gewußt.

Daraus spricht deutlich der enttäuschte Liebhaber, der seine Ideale verraten sieht und vom Sozialismus in dieser Form beziehungsweise von dem, was man heute so nennt, nichts mehr hält.

Warum sollte man trotz dieses eindeutigen Befundes Probleme damit haben, Tucholsky als Sozialisten zu bezeichnen? Dies muss wohl mit dem heutigen Verständnis des Begriffs zusammenhängen, beziehungsweise mit dem Personal, das damit in Verbindung gebracht wird. Wen würde man heutzutage so titulieren? In Deutschland in erster Linie Vertreter der Linkspartei, schon deswegen, weil diese sich in alter Tradition selbst als Sozialisten bezeichnen. Bei SPD-Politikern hat man schon seine Probleme damit, auch wenn sich die Genossen in ihrem Hamburger Programm von 2007 noch »der stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus« verpflichtet sehen.

Vielleicht liegt da das Problem. Möchte man sich Tucholsky in intimer geistiger Nähe zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht vorstellen? Als Autor des Neuen Deutschland? Als Kolumnist der jungen welt. Wohl lieber nicht. Auch wenn sich die Vertreter der Linkspartei bei passender oder unpassender Gelegenheit gerne auf Tucholsky berufen.

Wer aber ist denn ein Sozialist – damals wie heute? Gilt das nur für

  • a) Funktionäre einer explizit sozialistischen Partei?
  • b) Schon für deren Mitglieder und Wähler? Oder gar
  • c) für alle Menschen, die die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Ziel sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit verändern wollen, und eine nach diesen Prinzipien organisierte Gesellschaftsordnung anstreben? (Sozialismus-Definition laut Zeit-Lexikon 2005)

Im Falle von c) wäre Tucholsky auf jeden Fall als Sozialist zu bezeichnen. Und er hätte sich auch so verstanden. Das machen die obigen Zitate mehr als deutlich. Aber auch im Falle von b) trifft dies zu, denn schließlich machte er schon 1911/12 für die SPD Wahlkampf, trat 1920 gar der USPD bei und schrieb regelmäßig für sozialistische Blätter wie Die Freiheit. Fritz J. Raddatz schreibt daher im Vorwort zu den Gesammelten Werken lapidar:

Tucholsky wurde Sozialist. Er trat der USPD bei und war nach deren Verschmelzung mit der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1922 Mitglied der SPD.
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Reinbek 1975, Bd. 1, S. 21

Bliebe nur noch Fall a), der offenbar nicht zutrifft. Dass Tucholsky trotz seiner politischen Überzeugungen kein Parteiführer sein wollte, hat er oft genug betont:

»Ich bin kein großer Führer, ich weiß das. Ich bin ausgezeichnet, wenn ich einer noch dumpfen Masseneinsicht Ausdruck geben kann.«
Brief an Arnold Zweig vom 15.12.1935

»Wir haben niemals beansprucht, die Führer der Arbeiterklasse zu sein.«
»Die Rolle des Intellektuellen in der Partei«, in: Die Front, 1929, Nr. 9

Aber die Tatsache, dass Tucholsky sich nach Auflösung der USPD nicht mehr parteipolitisch engagierte, könnte genau damit zusammenhängen, dass weder die SPD noch die KPD eine sozialistische Politik in seinem Verständnis propagierten. Die SPD war ihm zu zahm und kapitalismusfreundlich, die KPD zu dogmatisch-marxistisch und zu moskauhörig. Er war politisch heimatlos geworden und verließ Deutschland dann auch bald in Richtung Paris.

Ein weiterer wichtiger Beleg für Tucholskys sozialistische Überzeugungen ist die Mitgliedschaft in Kurt Hillers Gruppe Revolutionärer Pazifisten. Nach Ansicht Hillers sollte der Weltfrieden über den Umweg des weltweit siegreichen Sozialismus eingeführt werden. Wobei der Sozialismus mit revolutionären Mitteln erzwungen werden sollte. Kaum vorstellbar, als Nichtsozialist Mitglied in dieser Hiller-Gruppierung sein zu können. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch die eminent pazifistische Überzeugung, die zur damaligen Zeit mit dem Sozialismus verknüpft war. Schließlich wurde der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch als Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems gesehen. Aus diesem Grund gab es bei Tucholsky eine enge Verbindung von Demokratie, Sozialismus und Pazifismus.

Vor diesem Hintergrund scheint es nur konsequent, wenn Riccardo Bavaj in seiner Studie Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik die Weltbühne und ihre Repräsentanten Tucholsky, Ossietzky und Hiller unter dem Kapitel »Linkssozialismus« zusammenfasst.

Zu guter Letzt sei darauf verwiesen, dass es in früheren Jahrzehnten gang und gäbe war, Tucholsky den Sozialisten zuzurechnen, wie ein Blick in den Spiegel zeigt:

»Entschiedener, als er es schon früher getan hatte, verurteilte der pazifistische Sozialist Tucholsky nach 1933 den Stalin-Kommunismus, der die von Hitler verfolgten deutschen Genossen im Stich gelassen habe.«
»Adofs Doitsche«, in: Der Spiegel, 6.2.1963

Und 20 Jahre später:

Der Sozialist Tucholsky, gleichzeitig auch Mitarbeiter linker und linksradikaler Blätter, […]
» Tucholsky ein Deutschnationaler?« in: Der Spiegel, 21.10.1985

Bevor es in der Wikipedia wieder zu Missverständnissen und Diskussionen kommt, sei hier schon mal klargestellt: Tucholsky verstand sich definitiv nicht als Deutschnationaler.

26.10.2009

Tucholsky-Preis an Volker Weidermann verliehen

Zum Abschluss der diesjährigen Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft zum Thema Anti-Faschismus hat der Literaturkritiker und Journalist Volker Weidermann den Tucholsky-Preis für literarische Publizistik erhalten. Anders als in früheren Jahren hatte die Tucholsky-Gesellschaft dazu nicht ins Deutsche Theater, sondern ins Haus der Demokratie und Menschenrechte geladen. Trotz widriger Akustik sei die Veranstaltung »auf gewohntem Niveau« gewesen, sagte Jens Brüning in seinem Resümee im Deutschlandradio Kultur (nachzuhören als podcast).

In seiner Laudatio ging Weidermanns Verleger Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) auf die Debatte ein, die der Preisträger durch seine Literaturgeschichte Lichtjahre angestoßen habe. Weidermann sei sowohl »Gnostiker« als auch »Emphatiker«, sagte Malchow in Replik auf einen Beitrag von Hubert Winkels in der Zeit.



Tucholsky-Preisträger Weidermann

Weidermann, der den Preis für sein Buch der verbrannten Bücher verliehen bekam, verwies in seiner Dankesrede darauf, dass er die rund 500 Rezensionen des »fantastischen Literaturkritikers« Tucholsky immer wieder mit Begeisterung lese. »Was heute modern sein könnte, das kann man lernen in Texten, die vor 80 Jahren erschienen sind», sagte Weidermann.

Lernen kann man von den Autoren der Weltbühne aber nicht nur das Schreiben von Buchkritiken. Das ging auch aus den Beiträgen der diesjährigen Tagung hervor, die sich mit dem Kampf der linksintellektuellen Schriftsteller und Journalisten gegen den aufkommenden Nationalsozialismus befassten. Laut Neuem Deutschland drehte es sich dabei auch um die Frage:

War die Weltbühne in ihrer Auseinandersetzung mit der NSDAP mutig und vorausschauend?

Was das Vorausschauen betrifft, so sind im Falle des vom ND erwähnten Ossietzkys in der Tat einige Zweifel angebracht (und auch im Laufe der Nachkriegsgeschichte schon häufig geäußert worden). Dass die Weltbühne-Autoren mutig waren, steht aber nicht zur Disposition. Einer anderslautenden Behauptung würde deren angeblicher Urheber auch entschieden widersprechen. Was hiermit geschehen sei.

21.10.2009

Neues Herzstück bezahlt

Vor einigen Monaten hatte das Rheinsberger Tucholsky-Museum um Spenden für ein sehr seltenes Buchexemplar geworben: ein Widmungsexemplar des Büchleins Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte von Kurt Tucholsky an seine spätere Frau Else Weil. Nun hat Museumsleiter Peter Böthig den Erfolg der Aktion bekanntgegeben. Laut Märkischer Allgemeiner teilte er mit,

dass die Spenden zusammen mit Fördermitteln aus dem Wissenschaftsministerium und der Staatskanzlei nun ausreichen, um das Darlehen für den Kauf zurückzuzahlen. Böthig dankte den Spendern und lud sie zur Langen Nacht der Künste am 7. November ein. Dort will er das Buch bei der Langen Nacht erstmals der Öffentlichkeit präsentieren.

Damit hat Böthig die 10.000 Euro zusammen, die das Buch im Besitz eines privaten Sammlers kosten sollte. Und das Museum in der Tat ein faszinierendes Exponat mehr, dass laut Böthig »Herzstück einer Ausstellung zu Tucholskys 75. Todestag« werden soll.

20.6.2009

Die Welt der Berichtigungen

Aus nicht ganz ersichtlichem Anlass (obwohl es derzeit einen gäbe) hat die Nachrichtenagentur dpa das Tucholsky-Museum in Rheinsberg besucht. Gleich zu Beginn ihres Textes »Die Welt der Pseudonyme« verheddert sich Autorin Imke Hendrich allerdings ein wenig in Tucholskys vielgestaltigem Werk:

Der sensible Künstler hasste Rosenkohl, Lärm, das Militär und die Nazis, schön gespitzte Bleistifte mochte er dagegen sehr. Ebenso die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebte. Es ist eine kurze satirische Todesanzeige, die Kurt Tucholsky einst über sich selbst verfasste.

Nicht ganz ernstgemeinte Nachrufe hat Tucholsky mehrfach veröffentlicht. So unter anderem »Requiem» und »Mein Nachruf«. Die obige Aufzählung stammt jedoch aus der Tabelle »Kurt Tucholsky haßt – liebt«, die am 1. Januar 1928 in der Vossischen Zeitung erschien. Auf die Anfrage der Zeitung »Deutsche Satiriker sagen über sich selbst aus« antworteten neben Tucholsky auch Egon Friedell, Walter Mehring, A. R. Meyer, Mynona, Alfred Polgar, Peter Scher, Hans Reimann, Alexander Roda Roda, Marcellus Schiffer und Carl Sternheim.

Auch »Mein Nachruf« war übrigens eine Antwort auf eine Rundfrage, diesmal in der Literarischen Welt zum Thema »Wie soll Ihr Nekrolog aussehen? Eine kleine Anleitung für künftige Biographen zur richtigen Gestaltung des Nachruhmes«. Außer von Tucholsky erschienen Antworten von Egon Friedell, Hans Siemsen, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Walter Mehring, Carl Zuckmayer und Alfred Polgar.

In einem weiteren Punkt hat sich die Autorin ebenfalls etwas vertan:

Nur zehn Bücher hat Tucholsky geschrieben, das Museum hat alle in Erstausgaben, außerdem verfasste er mehr als 3000 Texte zwischen 1912 und 1932. Dann hörte er abrupt auf: »Das Spiel ist aus, die Nazis sind nicht mehr aufzuhalten«, notierte Tucholsky.

Tucholsky hat im Grunde nur drei Bücher geschrieben: Rheinsberg, Das Pyrenäenbuch sowie Schloß Gripsholm. Die übrigen sieben sind Sammelbände der mehr als 3000 Texte, die er in seiner Karriere verfasst hat. »Das Spiel ist aus« schrieb er in der Tat häufiger im Leben, so 1911, 1919 und zuletzt kurz vor seinem Tod im Dezember 1935, in seinem langen Brief an Arnold Zweig. Aber wo die Notiz steht, dass die Nazis nicht mehr aufzuhalten seien, hätte die dpa den Lesern und der Forschung gerne verraten dürfen.

17.5.2009

Eine Widmung für die Teuerste

Es manchmal schon erstaunlich, welche bibliophilen Schätze bei privaten Sammlern im Verborgenen schlummern. Tucholsky hatte 1921 bereits verraten, dass es von der Erstausgabe seines Rheinsberg-Büchleins eine limitierte Sonderausgabe von 30 Exemplaren gegeben hatte, und »weil wir es unsern Damen schenken mußten, die im Verhältnis 29:1 unter uns aufgeteilt waren, malten wir in alle Exemplare eine schöne 1, damit es keinen Ärger gäbe«. Der Tucholsky-Forschung waren bislang nur die Nummern 4, 14 und 28 bekannt (womit auch bewiesen wäre, dass Tucholsky etwas geflunkert hat). Doch nun ist überraschenderweise eine tatsächliche Nummer eins aufgetaucht: Gewidmet dem realen Vorbild der Claire, der Medizinerin Else Weil, Tucholskys erster Ehefrau. Dazu ist das Büchlein noch mit einem Widmungsgedicht versehen.

Kein Wunder, dass der Besitzer, der das Exemplar nun verkaufen will, dafür den stolzen Preis von 10.000 Euro verlangt. Ebenfalls kein Wunder, dass das Rheinsberger Tucholsky-Museum dieses Buch unbedingt haben möchte. »Das ist quasi die ideelle Gründungsurkunde unseres Museums«, sagte Museumsleiter Peter Böthig zur Begründung. Das Problem für Böthig: Sein Museum hat nur einen jährlichen Ankaufetat von 1300 Euro. Daher bittet er nun um finanzielle Unterstützung, um das Buch dennoch erwerben zu können. Die Märkische Allgemeine berichtete ausführlich über den Spendenaufruf. Und wies dabei darauf hin:

Das Buch wäre nicht nur wegen seiner Seltenheit wertvoll für das Museum. Böthig erarbeitet derzeit eine Ausstellung über Else Weil. »Frauen in Preußen und Brandenburg« ist das Thema des Kulturland-Jahres 2010, dazu passt das Schicksal der promovierten Ärztin und zeitweiligen Ehefrau von Tucholsky. […] 50 Dokumente und 20 Fotos hat Peter Böthig bereist zusammengetragen – und das Buch wäre das Highlight der Ausstellung.

Und anschließend des Tucholsky-Museums.

Mögliche Spender können sich beim Tucholsky-Museum melden: Telefon: 033931/3 90 07, E-Mail: mail@tucholsky-museum.de. Das Museum vergibt selbstverständlich Spendenquittungen.

9.5.2009

Der kleine Peter Pan(ter)

Für ein Spiegel-Sonderheft Wissen hat sich Renate Nimtz-Koester mit der schwierigen Kindheit von Literaten beziehungsweise Künstlerkindern beschäftigt. In ihrem Artikel »Wie das Ich entsteht« nimmt die familiäre Situation Tucholskys einen breiten Raum ein:

Kurt, das Kind aus gutbürgerlich-jüdischer Familie wurde, wie seine Geschwister, von der unerbittlichen Mutter malträtiert. »Ich könnte wie ein Gott in Frankreich leben, hätte ich die verfluchten Bälger nicht.« Als schreiende, übellaunige Tyrannin beherrschte die Frau ihre beiden Söhne und Tochter Ellen. Anerkennung oder gar Liebe gab es niemals: »Wir waren ein Nichts«, schrieb später Ellen.

Der geliebte, vielbeschäftigte Vater hatte auf das häusliche Leben wenig Einfluss, der 15-jährige Kurt musste dessen qualvollen Syphilistod miterleben und auch, wie die Mutter dem Sterbenden das Morphium verweigerte.

Das trifft alles durchaus zu und ist hinreichend bekannt. Es ist zu vermuten, dass Tucholsky-Biograf Michael Hepp dies das der Autorin sagte. Sagte? Ist Hepp nicht im September 2003 bereits gestorben? Dann kommt einem diesem Passage aber merkwürdig vor:

»Da betrieb einer öffentlich Psychoanalyse«, sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp, »sezierte seine eigenen Leiden und Empfindungen.«

Aber »sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp« klingt eben viel aktueller und persönlicher als »urteilt Michael Hepp in seiner 1998 erschienenen Tucholsky-Biografie«, wo sich das Zitat auf Seite 110 und der Hinweis auf das Peter-Pan-Syndrom an anderer Stelle findet.

8.3.2009

Sudelblog-Spezial: T.U.

In den vergangenen Wochen hat es eine medieninterne Debatte über die Zukunft des Agenturjournalismus gegeben. Meist geht es dabei um die Frage, ob der Agenturriese dpa sein Konzept gegen die Konkurrenz der kleineren Wettbewerber in Deutschland wie ddp, AFP oder AP durchhalten kann. Nur wenig bekannt ist dagegen, wie sehr sich die Arbeitsweise der heutigen Agenturen von denen der Vorkriegszeit unterscheidet. Einen Eindruck über den alles andere als unabhängigen Agenturjournalismus der Weimarer Zeit vermittelt der folgende Text, der in der Weltbühne vom 5. Juni 1928 erstmals erschien.

T.U.
Von Konrad Bolz

Unsre Kontrakte geben uns das Recht, die Zeitung ganz nach unserm Ermessen zu redigieren und sowohl die Haltung als die Parteistellung des Blattes selbständig zu handhaben …
Gustav Freytag, Die Journalisten

Lieber Zeitungleser, kennst du die Telegraphen-Union?

Du kennst sie nicht. Denn, mittlerer Bürger, der du bist, Abonnent einer mittelparteilichen Zeitung, die Kunst und Wissenschaft pflegend berücksichtigt, auch im Unterhaltungsteil laut Prospekt »auf Niveau« hält, bist du zufrieden, daß dein Blatt für Locarno ist, ohne die nationale Ertüchtigung zu vernachlässigen, für den gesunden Fortschritt, ohne das gesunde Alte darüber zu vergessen. Beim Überfliegen der politischen Depeschen wirst du dir kaum jemals Gedanken gemacht haben, was die mysteriösen Buchstaben in der Klammer hinter dem Datum wohl bedeuten. Das ist nämlich der Name des Nachrichtenbureaus, das die Meldung geliefert hat. Denn ich muß dir die optimistische Vorstellung rauben, als würde die Zeitung auch wirklich in der Zeitung gemacht. Das war so zu Zeiten meines seligen Großvaters. Heute fliegt der Inhalt buchstäblich ins Haus. Artikel, Informationen, politische und unpolitische Entrefilets, alles wird in Spezialbureaus fabriziert und geht von dort dann an die abonnierenden Blätter. Ganz besonders trifft das auf die Nachrichten zu. Denn ein Netz von eignen Korrespondenten über Nah und Fern zu breiten, ist nur einigen wenigen großen Blättern vorbehalten. Da das Publikum aber vom Zeitungswesen Begriffe hat, die schon der selige Gustav Freytag als veraltet abgelehnt hätte, so überwiegt noch immer die Meinung, daß Tatsache Tatsache bleibt, daß das Ereignis: »Zaglul Pascha in Kairo gestorben« oder »Demission eines belgischen Ministers« eindeutig ist und bleibt, einerlei, ob der Draht, der es übermittelt, zum »Vorwärts« oder zur »Kölnischen Zeitung« führt. Dem ist nicht so. Jede Nachricht von einiger Bedeutung unterliegt einer Appretur. Nicht erst die Glossierung in der Redaktion macht die Färbung, gewöhnlich wird sie schon in einer Form gedrahtet, die die redaktionelle Glossierung vorwegnimmt oder maßgebend bestimmt. Der Redakteur ist der Sklave der Nachrichten. Nicht allzuviele sind es, die wissen: Aha, an dieser Stelle ist falsch abgetönt worden, hier ist in die Tatsache gleich ein Werturteil hineingewirkt worden. Wenige Außenstehende nur ahnen, mit welcher Geschwindigkeit die Arbeit eines Redakteurs abrollt, wie wenig Zeit bleibt, um zu prüfen oder Nuancen gebührend herauszuholen.

Was wird nun, wenn ein paar hundert Zeitungen verschiedenster politischer Richtungen, die sich an grundverschiedene Leserkreise wenden, alle aus einem kolossalen Nachrichtentrog gespeist werden, der die Etikette trägt: Überparteilich …? Die größte unsrer Nachrichtenagenturen ist das Wolffsche Telegraphen-Bureau (W.T.B.). Es ist offiziös, also der jeweiligen Regierung zur Treue verpflichtet. Diese Treue dauert, wenn es sich um eine Rechtsregierung handelt, oft übers Grab. W.T.B. durch flotteres Tempo und Schlankheit der Form überlegen und deshalb von Blättern aller Richtungen gleich begehrt, ist die T.U. (Telegraphen-Union, Internationaler Nachrichtendienst, G. m. b. H., mit einer Anzahl von Zweigabteilungen). Die T.U. hat im Laufe der Jahre viele Herren kommen und gehen sehen. Ihre Existenz war nicht ohne Zwischenfälle. Ihre Qualität aber immer sehr hoch. Ihr heutiger Machthaber ist Herr Alfred Hugenberg.

Zur Zeit tobt zwischen W.T.B. und T.U. ein kleiner Pressekrieg, dem nachzugehen lehrreich ist. Beide Bureaus bombardieren ihre Kundschaft mit Erklärungen. Die T.U. ist furchtbar wütend, weil W.T.B. wieder auf ihre Geschäftsmethoden und ihre Propaganda hingewiesen hat. Die T.U. hat nun einen längern Schreibebrief an ihre Kundschaft losgelassen, der in seiner Selbstgefälligkeit für sich selbst spricht. Aber in diesem T.U.-Brief findet sich ein höchst interessanter Satz, den man doch nicht vorenthalten darf. Es heißt da nämlich: »Jeder Nachrichtenfachmann weiß, daß auch eine Nachrichtenagentur es bei Wahrung strengster Objektivität niemals allen Leuten recht machen kann…« Wie interessant! »Auch bei Wahrung strengster Objektivität?« Und diese interessante Feststellung wird von den Geschäftsführern der Firma getroffen, deren Aufsichtsratsvorsitzender Herr Geheimer Finanzrat Alfred Hugenberg und deren Aufsichtsratsdelegierter Herr Generaldirektor Ludwig Klitzsch vom Scherlverlag ist! Schulbeispiel für die Methoden des Hugenbergschen Propagandaapparates! Unter der Flagge der Neutralität wurde ein Nachrichtendienst mit großer Resonanz geschaffen, der sich nach außen als »unabhängige und neutrale nationale Agentur« anpreist, in Wirklichkeit aber nur ein Glied, oder besser nur eine Abteilung der von Hugenberg vollkommen abhängigen deutschnationalen Firmenkonstruktion Telegraphen-Union ist; zu der auch der seinerzeit aufgekaufte Dammertverlag und der harmlos klingende Patriaverlag gehören, wo ein paar Korrespondenzen mit mehr oder minder deutschnationaler oder besser Hugenbergscher Richtung erscheinen. Über allem schwebt als Geist Gottes Herr Hugenberg über den Wassern respektive die von ihm abhängige Geschäftsführung, die sich nicht nur juristische oder verlegerische, sondern auch direktoriale Befugnisse beilegt und auch ausübt.

Das alles wurde sehr hübsch durch einen Prozeß erhärtet, den der von Herrn Hugenberg gemaßregelte Chefredakteur der T.U., oder wie in der Gerichtsverhandlung so schön formuliert wurde: des Nachrichtendienstes der T.U. gegen die Telegraphen-Union angestrengt hat. Dieser Prozeß hat eine eigenartige Vorgeschichte. Der Chefredakteur soll vor mehr als zwei Jahren abfällige Bemerkungen über die Geschäftsführung der T.U. gemacht haben.. Wie der Kläger ausführte, sind diese angeblichen, von ihm übrigens energisch bestrittenen Äußerungen jetzt plötzlich ausgegraben worden, um ihn abzuhalftern, weil er politisch unbequem geworden war und man sonst keine Möglichkeit sah, den noch anderthalb Jahre laufenden Vertrag mit 2400 M. Monatsgehalt abzubiegen. Der Chefredakteur selbst hatte vor bald zwei Jahren, als ihm Andeutungen zu Ohren kamen, diese Dinge der Geschäftsführung gemeldet und eine Untersuchung gefordert, die ihm damals abgelehnt wurde, »weil es sich ja doch nur um Klatsch und Rachegelüste ihm feindlich gesinnter Leute handle«. Doch jetzt, da es grade vor den Wahlen war, brauchte man einen Grund und entließ den Chefredakteur fristlos. Dieser Chefredakteur hat eine ebenso energischen wie aussichtslosen Kampf gegen die redaktionelle Bevormundung durch Herrn Hugenberg und seine Beauftragten geführt. Vor Jahresfrist, kurz nach Erwerb der Ufa durch Hugenberg wurde dem Chefredakteur die Verbreitung einer reinen Interessentenmeldung (zu Gunsten der Hugenbergschen Ufa) zugemutet, obwohl ihm, wie im Prozeß ausgeführt wurde, vertraglich seine redaktionelle Unabhängigkeit von jeder parteipolitischen oder sonstigen Bindung ausdrücklich garantiert war und obwohl die T.U. doch bekanntlich sich selbst immer wieder als »unabhängige neutrale Telegraphenagentur« bezeichnet. Die Weigerung des Chefredakteurs, diese Nachricht zu verbreiten, trug ihm eine »Rüge wegen eigenmächtiger Durchkreuzung einer von der Direktion gegebenen Anordnung« ein. Auf seinen Widerspruch wurde ihm schriftlich von der »Direktion« eröffnet, daß »diese mit Befremden feststelle, daß er immer noch nicht zur Einsicht gelangt sei; die Tatsache der mit dem Vorstand abgeschlossenen Verträge ergäbe automatisch die Unterordnung der Chefredaktion unter diesen; es sei aber ungehörig, daß der Chefredakteur die Rüge, die ihm die Direktion leider nach Lage der Dinge habe erteilen müssen, zurückweise«. Im übrigen wurde ihm angekündigt, daß »die Direktion sich nicht in der Lage sehe, derartige Ansichten und sich daraus ergebende Handlungen weiter zu dulden!«

Aber nicht nur diese interessante Tatsache wurde im Prozeß erwiesen, sondern auch noch die eigenartigen Propagandamethoden der Telegraphen-Union, die sich doch jetzt wieder in dem Rundschreiben gegen das W.T.B. als unabhängige Nachrichtenagentur aufspielt. Der gemaßregelte Chefredakteur hatte nämlich nicht nur gegen die Verquickung seines vertraglich neutral zu haltenden T.U.-Dienstes mit der deutschnationalen Firma gekämpft, sondern ebenso gegen die Aspirationen der zu der Firma gehörenden deutschnationalen Korrespondenzen der vorher genannten Verlage Dämmert und Patria. Deren Herren machten sich die Namensübereinstimmumg zwischen Firma und T.U.-Dienst zu Nutzen und gerierten sich so, daß man sie als Chefredakteure (dort gibt es nämlich nur Chefredakteure!) der T.U. behandelte. Die Folge war, daß der Nachrichtendienst nur parteipolitisch gefärbtes Material dieser »Fachredaktionen« erhielt, ohne sich dagegen wehren zu können. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls vor vier Jahren, als einige Redakteure aus der T.U. austraten, nur weil sie sich keinem Gewissenszwange aussetzen wollten! Damals verbreitete die T.U. die Erklärung, daß sie niemals eine parteipolitische Pression bemerkt habe. Ja, so dumm sind Hugenbergs natürlich nicht. Wozu braucht man eine Redaktion zu drücken, wenn sie das »Material, auf das es ankommt«, auf die viel harmlosere redaktionelle Methode durch »zuverlässige«, also deutschnationale Informatoren angedreht bekommen kann. Das Wichtigste ist eben, daß man die Kanäle kontrolliert, die das Material heranschaffen, das dann als »neutral« — sicherlich in gutem Glauben — von der Nachrichtenredaktion verbreitet wird. Dieses System hatte der gemaßregelte Chefredakteur durchschaut und abgeändert, indem er eine eigne Organisation für den Nachrichtendienst der T.U. aufgebaut hatte.

Der Chefredakteur Doktor Belian gab sich begreiflicherweise mit seinem Hinauswurf nicht zufrieden, sondern strengte Klage an. Beim Landesarbeitsgericht stieß er auf einen Richter, Herrn Landgerichtsdirektor Samuel, der für Hugenbergs Interessen großes Verständnis zeigte, alle Beweisanträge des Klägers ablehnte und ihn schließlich abwies. Der Öffentlichkeit den Fall klar zu machen ist außerordentlich schwierig. Wir haben es hier mit einer maßlos verschachtelten Konstruktion zu tun, die zu übersehen fast unmöglich ist. Die Firma »Telegraphen-Union« ist das Dach für den »T.U.-Dienst«, der »neutral« die Zeitungen beliefert, aber er läuft neben einer Reihe andrer Bureaus, die ausgesprochen im Sinne der deutschnationalen Partei wirken, und diejenigen Stellen, die den Rohstoff liefern, sind ebenso gerichtet. So kommt ein Nachrichtendienst zustande, der unbedenklich auch von Linksblättern verwendet wird, weil er gut gemacht und seit Jahren eingeführt ist. Hugenberg getarnt, Hugenberg überparteilich maskiert, sichert sich so ein Monopol auch im Nachrichtenwesen. Die Einzelpersönlichkeit verschwindet in einem System, das neben seinem Riesenkörper auch noch seine unsichtbaren Ausläufer hat. Wer, wie jener Chefredakteur, den Mut findet, auf seine kontraktlich zugesicherte Unabhängigkeit zu pochen, wird auf trockenem Wege erledigt.

Die Kölner Pressa zeigt nur die Dynamik des modernen Zeitungsbetriebes, nicht, zu welchem Ende; die Maschinerie gewiß, nicht das Schmieröl. Und vor allem fehlt ein schmaler Raum, bereit, endlich die arme kleine, verschrumpfte und vergilbte Mumie aufzunehmen, die heute noch bei Pressetees und Kongressen festlich aufgeputzt herumgereicht wird: — die journalistische Freiheit.

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