24.2.2011

Plagiate und Doktortitel

Für Tucholsky hatte das Thema Plagiate eine besondere Bedeutung. War doch die Gründung der Schaubühne, wie sein Leib- und Magenblatt Die Weltbühne bis 1918 hieß, das Resultat einer Plagiatsaffäre gewesen. Sein späterer Mentor Siegfried Jacobsohn hatte als junger Theaterkritiker in der Welt am Montag mehrere Texte veröffentlicht, die Passagen aus früheren Artikeln des Kritikers Alfred Gold enthielten. Am 12. November 1904 hatte das Berliner Tageblatt unter der Überschrift »Ein psychologisches Rätsel« auf die Parallelen aufmerksam gemacht. Jacobsohn selbst versuchte die Übereinstimmungen damit zu erklären, dass sich die »Worte, Bilder, Sätze und ganze Satzfolgen« fremder Autoren eingeprägt hätten, als er für sein Buch Das Theater der Reichshauptstadt recherchiert habe. Das habe ihm dann häufig unmöglich gemacht, »einen eigenen Ausdruck für meinen Eindruck« zu finden. Sein gutes Gedächtnis habe ihm somit einen Streich gespielt, auch in Folge von Überarbeitung.

Doch die Erklärungsversuche verfingen nicht. Die Welt am Montag konnte ihren damals 23 Jahre alten Kritiker nicht mehr halten. Jacobsohn verließ Mitte Dezember 1904 Berlin und kehrte fünf Monate später mit der festen Überzeugung zurück, eine eigene Theaterzeitschrift zu gründen.

Könnte das nicht ein Vorbild in ähnlichen Fällen sein? Einen Schnitt machen und neu anfangen? Tucholsky hat auf jeden Fall davon profitiert und fand in Jacobsohn von 1913 an genau den Redakteur, den er für sein Talent brauchte.

Und wie kam Tucholsky zu seinem Doktortitel? Dazu ist hier einiges nachzulesen. Für ihn war dieser Titel extrem wichtig, da er nicht einmal das erste juristische Staatsexamen ablegen wollte. Ohne die Promotion, unter großen Mühen geboren, hätte er überhaupt keinen Studienabschluss vorweisen können. Zwar hat er nur ein schwaches cum laude für seine Doktorarbeit bekommen, aber wenigstens durfte er seinen Titel bis zum Lebensende behalten.

PS.: Auch im aktuellen Plagiatsfall zieht der Ertappte Konsequenzen. Es bleibt zu hoffen, dass die Abkürzung KT nun wieder ausschließlich einem wirklichen Dr. iur. zukommt. Und mit KTG sollte in Zukunft wieder ausschließlich die Kurt Tucholsky-Gesellschaft gemeint sein.

PPS.: Das Urheberrecht für folgendes Zitat liegt übrigens bei Tucholsky:

Das einzige an der Doktorarbeit, was von mir ist, ist die ehrenwörtliche Versicherung, daß sie von mir ist.

Das notierte er einst in seinem Sudelbuch.

22.12.2010

Würdigungen zum 75. Todestag

Am 21. Dezember jährte sich Tucholskys Todestag zum 75. Mal. Ein Anlass für die Medien, den Mann, der die »die Fackel ätzender Satire in die unheilschwangeren Bezirke der Weimarer Republik« schleuderte (Passauer Neue Presse), ausgiebig zu würdigen. Nach Tucholskys 75. Geburtstag (1965) bemerkte der Journalist Erich Kuby:

ARGUS, das Ausschnittbüro, vermochte aus Anlaß dieses 75. Geburtstages ein paar hundert Artikel über ihn zu sammeln.

Vom Hamburger Abendblatt bis zum Neuen Deutschland wird Tucholsky gefeiert, jenes ein Hausblatt Springers, dieses ein Hofblatt Ulbrichts.

Seitdem hat sich viel verändert. Das Hamburger Abendblatt ist nicht mehr das Hausblatt Springers, das Neue Deutschland hat ein anderes Layout, der Ausschnittdienst ARGUS heißt Infopaq. Dessen Aufgabe kann das Sudelblog nicht ganz übernehmen. Aber ein paar Würdigungen können wir hier schon sammeln.


Deutschlandfunk

Der Deutschlandfunk sendet am ersten Weihnachtsfeiertag eine lange Tucholsky-Nacht. Ab 23.05 Uhr.


goethe.de

Wie war das nochmal mit der Selbstreferentialität? (For our english speaking readers)


dapd

Wie bekannt und selbstreferentiell ist Tucholsky eigentlich noch in Schweden?


Frankfurter Rundschau

Die FR druckt Tucholskys Eigen-Nachruf »Letzte Fahrt« ab. In der Online-Ausgabe sind die Begriffe »Überdosis Tabletten«, »Trauerhaus«, »Matrone« und »Nutten« mit einer Kontextsuche hinterlegt. Hat diese Auswahl mehr mit der FR oder Tucholsky zu tun?


dpa

Für die dpa versammelt Wilfried Mommert die gängigen Klischees zu Tucholsky. Ein zeitloser Text, wie man ihn in fünf oder zehn Jahren wieder veröffentlichen könnte. Beim nächsten Mal aber bitte folgende Passagen ändern:

Vor 75 Jahren, am 21. Dezember 1935, starb Tucholsky, geplagt von Krankheiten, vereinsamt im schwedischen Exil an einer Überdosis Tabletten.

Wie dichtete Tucholsky bereits im Oktober 1930:

Dein tiefstes Lebensgefühl –
wann hast du das gehabt?
Mit einem Freund?
Immer allein.

Nun soll er in Schweden auf einmal »vereinsamt« gewesen sein?

Und weiter:

Schweden lehnte seinen Antrag auf Einbürgerung ab.

Tucholsky hat nie einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. Dazu hätte er sieben Jahre in Schweden seinen Wohnsitz haben müssen, was erst 1936 der Fall war.


Die Jüdische

Karl Pfeifer hat noch einmal die Geschichte hervorgeholt, warum er wegen Tucholsky 13 Jahre lang prozessieren musste.


Tagesanzeiger (Zürich)

Auch Alexandra Kedves hat sich anlässlich des Todestages das neue Buch von Raddatz angeschaut. Zwangsläufig geht es in ihrem Artikel vor allem um Tucholsky und Mary Gerold. Eigentlich schade, denn Tucholsky hatte seine letzte ernsthafte Beziehung mit einer Zürcherin, der Ärztin Hedwig Müller. Darüber hätte eine Zürcher Zeitung sicher das eine oder andere Wort verlieren können.


Mitteldeutsche Zeitung

Mit dem neuen Tucholsky-Büchlein von Fritz J. Raddatz beschäftigt sich Christian Eger. Er wundert sich aus mehreren Gründen, dass dieses Buch nun erschienen ist:

Bereits im Frühjahr war ein sehr gut geschriebenes Buch von Klaus Bellin über Mary und Kurt Tucholsky erschienen (Es war wie Glas zwischen uns); der Herder-Verlag ist ein protestantisches Haus, in das man Tucholsky nicht sofort einweisen würde; schließlich der irreführende biografische Titel. Es verblüfft, dass das eigentlich Sensationelle dieses Buches nicht hervorgehoben wird: Über 50 Seiten wird aus Marys Tagebüchern zitiert, die bis heute noch nicht veröffentlicht sind; die Autorin starb 1987.

In der Tat erstaunt, warum Raddatz im erzkatholischen Herder-Verlag veröffentlicht und nicht bei Rowohlt. Ob Raddatz nun trotz oder wegen Bellin seine eigene Version der Geschichte zwischen Tucholsky und Mary Gerold aufschreiben wollte, kann er wohl nur selbst wissen. Es war für Raddatz schon immer wichtig, die anderen Frauen, die Tucholsky auch hatte, möglichst aus dessen Biografie zu verdrängen (vor allem Lisa Matthias). Diese Frauen fanden bei Bellin zumindest ausreichend Platz. Nun kontert Raddatz offenbar mit dem Material, das er von Mary Gerold für die Tucholsky-Stiftung »geerbt« hat. Dass er damit macht, was er will, hat er seit ihrem Tod aber schon häufig genug bewiesen.


Thüringische Allgemeine

Matthias Biskupek, früherer Autor der DDR-Weltbühne, nimmt Tucholsky vor dem Vorwurf in Schutz, zu früh resigniert, zu früh mit dem Schreiben aufgehört zu haben:

Darf ein solcher manischer Schreiber sich nicht mit vierzig Jahren ausgeschrieben haben? Hatte er nicht alles versucht, was man in der Publizistik nur machen kann, vom knackigen Reim bis zum berlinernden Monolog, vom Schnipsel bis zum fingierten Schulaufsatz, von der Buchbesprechung bis zur Zeitgeist-Analyse? Hatte er nicht auch immer wieder Formen probiert und kreiert, die bis heute von beginnenden wie auch ausgelernten Journalisten durchaus studiert werden mit heißem Bemühn?


WDR 5

Der WDR 5 hat eine zweistündige Sendung zusammengestellt und würdigt

den großen deutschen Satiriker, Bühnenautor, Chansontexter, Erzähler, Literatur-, Filmkritiker und politischen Journalisten. Aus dem umfangreichen Werk Tucholskys wird Fröhliches, Nachdenkliches, Heiteres und Bedenkliches zu Gehör gebracht.

In literarischen Zeugnissen werden zudem Zeitgenossen zu Wort kommen, sowie seine Ehefrauen und Freunde.

Leider gibt es die Sendung nicht als Podcast.


Passauer Neue Presse

Für die PNP würdigt Franz Baumer den Autor, der in »viele Gewänder« schlüpfte. Auch ansonsten greift Baumer gern in die Metaphernkiste:

Sein »Gedankenklavier« ist eher eine Riesenorgel, an der der Organist selbst philosophisch-religiöse Themen mit anklingen lässt.

Ergänzt wird der Beitrag durch die gekürzte Fassung eines dapd-Hintergrundbeitrags über Tucholskys Tod.


Junge Welt

Der Historiker Kurt Pätzold veröffentlicht auszugsweise einen Tucholsky-Aufsatz, der anlässlich des 75. Todestages in der Edition Bodoni erschienen ist. (Mit Lateinisch überzeugt man keine Indianer. Nachdenken mit Kurt Tucholsky an seinem 75. Todes­tag). Von den Fehlern gleich am Anfang sollte man sich nicht abschrecken lassen: Anders als dort behauptet hat Tucholsky seine Villa in Hindas nicht gekauft, sondern nur gemietet. Und Mariefred liegt nicht südöstlich von Stockholm (auf einer Schäreninsel?), sondern gerade westwärts. Der Rest ist bestimmt besser recherchiert.


Kleine Zeitung etc.

Verschiedene österreichische Medien haben eine Würdigung Tucholskys von der Nachrichtenagentur APA übernommen.

21.12.2010

Wo kommen denn die Bücher von Tucholsky her?

Wer mag das nun eigentlich erfunden haben: sich jeweils zu erinnern, daß der oder jener große Mann hundert, hundertfünfzig, zweihundert Jahre grade tot oder geboren ist? Auf die Jahre, ja selbst auf Geburt oder Tod kommt es ja nicht mehr an. […] Aber die Kabbalistik unsrer Gedenktage nach dem Dezimalsystem, ganz gleich, in welche Zeit oder Zeitbewegung sie fallen, ist ein echtes Zeichen bürgerlicher Ausgeliefertheit an die Mechanik.

Das schrieb der Philosoph Ernst Bloch in der Weltbühne aus Anlass des 200. Geburtstages von Immanuel Kant. Rein mechanisch müsste demnach heute auch an den 75. Todestag Kurt Tucholskys erinnert werden. Ganz unabhängig davon, ob sein Leben und Werk uns heute noch etwas angehen.

Um Tucholskys heutige Relevanz einschätzen zu können, hilft mehr als der Blick auf die mechanischen Würdigungen eine Analyse des Buchmarktes. Dort zeigt sich eher, ob Tucholsky noch ein gefragter Autor ist und welche Aspekte seines Werkes noch »ziehen«. Das Ergebnis dieser Analyse ist ernüchternd.

Seit dem Wegfall des Urheberrechts vor fünf Jahren sind über 60 Tucholsky-Ausgaben auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Doch nach den Titeln zu urteilen, hatte der Mann mit den fünf PS ein recht enges Spektrum. Tucholsky, ein politischer Journalist? Ein Pazifist? Ein Kapitalismuskritiker? Fehlanzeige. Ignaz Wrobel hat es nie gegeben. Nur die leichten und beschwingten Feuilletons eines Peter Panter, die humorigen Gedichtes Theobald Tigers und die melancholischen Betrachtungen Kaspar Hausers scheint man dem heutigen Leser noch zumuten zu können. Und natürlich Schloß Gripsholm und Rheinsberg in allen Variationen. Das verschenkt jeder mal gern. Was vermutlich auch für Mit Tucholsky die Frauen verstehen gilt. Wie wäre es statt dessen mal mit Titeln wie Mit Tucholsky die SPD verstehen oder Frieden schaffen mit Tucholsky? Liebe Verleger: Bis zum 125. Geburtstag in knapp vier Jahren gibt es noch einiges zu tun.

(Zum Sortieren bitte Tabellentitel anklicken)

Titel Verlag Ort Jahr
Gedichte Fischer Frankfurt/Main 2010
Weihnachten mit Kurt Tucholsky Fischer-Taschenbuch-Verl. Frankfurt/Main 2010
Rheinsberg Anaconda Köln 2010
Unterwegs mit Kurt Tucholsky Fischer-Taschenbuch-Verl. Frankfurt/Main 2010
Lebenslust mit Kurt Tucholsky Insel-Verl. Berlin 2010
Das große Lesebuch Fischer-Taschenbuch-Verl. Frankfurt/Main 2010
Schloss Gripsholm Buchner Bamberg 2009
Schloß Gripsholm Greifenverl. Rudolstadt 2009
Träumereien an preußischen Kaminen WFB-Verl.-Gruppe Bad Schwartau 2009
Rheinsberg 2008 Accurat-Verl. Heinicke Berlin 2008
Rheinsberg Accurat-Verl. Heinicke Berlin 2008
Lerne Lachen ohne zu weinen Olms Hildesheim 2008
Kurt Tucholsky Volkshochschule Esslingen 2008
Schloss Gripsholm rh-Verl. Benshausen 2008
Schloss Gripsholm Anaconda Köln 2008
Schloß Gripsholm Fischer-Taschenbuch-Verl. Frankfurt/Main 2008
Rheinsberg Diogenes Zürich 2008
Liebesgedichte Insel-Verl. Frankfurt/Main 2008
Tucholsky in Berlin Berlin-Story-Verl. Berlin 2007
Rheinsberg Hamburger-Lesehefte-Verl. Husum/Nordsee 2007
Schloß Gripsholm Süddt. Zeitung GmbH München 2007
Panter, Tiger & Co. Anaconda Köln 2007
Ein Pyrenäenbuch Insel-Verl. Frankfurt/Main 2007
Rheinsberg Reclam Stuttgart 2007
Die schönsten Gedichte Area Erftstadt 2007
Schloß Gripsholm Rowohlt-Taschenbuch-Verl. Reinbek bei Hamburg 2007
Deutsche, kauft deutsche Zitronen Neues Leben Berlin 2007
Das Ganze halt! Fischer-Taschenbuch-Verl. FrankfurtM. 2007
Das Tucholsky Lesebuch Diogenes Zürich 2007
Augen in der Großstadt Büchergilde Gutenberg Frankfurt/Main 2006
Ausgewählte Werke Parragon Books Bath 2006
Gruß nach vorn Anaconda Köln 2006
Wenn die Igel in der Abendstunde Rowohlt-Taschenbuch-Verl. Reinbek bei Hamburg 2006
Augen in der Großstadt Ed. Büchergilde Frankfurt/Main 2006
Rheinsberg Faber und Faber Leipzig 2006
Ein Pyrenäenbuch Rowohlt-Taschenbuch-Verl. Reinbek bei Hamburg 2006
Schloß Gripsholm S. Fischer Frankfurt/Main 2006
Weihnachten mit Tucholsky Aufbau-Verl. Berlin 2006
Mit Tucholsky die Frauen verstehen Herder Freiburg im Breisgau 2006
Schloß Gripsholm Anaconda Köln 2006
Rheinsberg Husum Husum 2006
Gedichte Insel-Verl. Frankfurt/Main 2006
Rheinsberg Dt. Taschenbuch-Verl. München 2006
Schloss Gripsholm Dt. Taschenbuch-Verl. München 2006
Rheinsberg Diogenes Zürich 2006
Sehnsucht nach der Sehnsucht Diogenes Zürich 2006
Schloß Gripsholm Manesse-Verl. Zürich 2006
Wo kommen die Löcher im Käse her? Rowohlt-Taschenbuch-Verl. Reinbek bei Hamburg 2006
Hundert Gedichte Aufbau-Verl. Berlin 2006
Rheinsberg Marix-Verl. Wiesbaden 2006
Deutschland, Deutschland über alles Biblioviel Bochum 2006
Rheinsberg Insel-Verl. Frankfurt/Main 2006
Gedichte Insel-Verl. Frankfurt/Main 2006
Gedichte, Lieder, Couplets Reclam Stuttgart 2006
Rheinsberg Reclam Stuttgart 2006
Sag mal, verehrtes Publikum: bist du wirklich so dumm? Reclam Stuttgart 2006
Schloss Gripsholm Reclam Stuttgart 2006
Die schönsten Gedichte Diogenes Zürich 2006
Schloß Gripsholm Diogenes Zürich 2006
Rheinsberg Goldmann München 2006
Rheinsberg Dt. Taschenbuch-Verl München 2006
Dürfen darf man alles Dt. Taschenbuch-Verl. München 2006
Von Rheinsberg bis Gripsholm Aufbau-Taschenbuch-Verl. Berlin 2006

Nicht viel anders sieht es bei den Vertonungen aus, die seitdem auf den Markt gekommen sind. Auch dabei dominieren die leichten Texte. Rheinsberg bietet sich besonders für eine Lesung an.

Titel Verlag Ort Jahr
Klassiker des deutschen Humors ZYX Music Merenberg 2010
Frauen sind eitel: Männer? – Nie!! Bell-Musik Aichtal 2010
Die Satire darf alles Bell-Musik Aichtal 2010
Lerne lachen ohne zu weinen Bell-Musik Aichtal 2010
So klingt der Urlaub Jumbo, Neue Medien und Verl. Hamburg 2010
Ich vertreibe mir so mein Leben Eichborn Frankfurt/Main 2010
Merkt ihr nischt? Audiotrain-Verl. Berlin 2009
Anna Thalbach liest Kurt Tucholsky, Rheinsberg Argon-Verl. Berlin 2009
Mit Tucholsky auf Reisen Herbig München 2009
Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders Hörmal Bern 2008
Rheinsberg Litraton Hamburg 2008
Die Satire darf alles Bell-Musik Aichtal 2008
Lerne lachen ohne zu weinen Bell-Musik Aichtal 2008
Herr Wendriner … Gehlen München 2008
Frauen sind eitel: Männer? – Nie!! Bell-Musik Aichtal 2008
Was tun Frauen, bevor sie ausgehen … Delta Music Frechen 2007
Manfred Zapatka liest Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm Argon-Verl. Berlin 2007
Dieter Mann liest Kurt Tucholsky, Wenn tot, werde ich mich melden Eulenspiegel-Verl. Berlin 2007
Schloß Gripsholm Diogenes-Verl. Zürich 2007
Schauspieler singen Tucholsky Volker Bell Aichtal 2007
Bitte sehr! – Ich liege Ihnen zur Verfügung Cavalli Records Bamberg 2006
Rheinsberg – ein Hörbuch für Verliebte Power-Station-GmbH Mönchengladbach 2006
Humoresken und Satiren ZYX Music Merenberg 2006
Jürgen Goslar liest… Kurt Tucholsky Horchideen Hünfelden 2006
Humoresken und Satiren ZYX Music Merenberg 2006
Tucholsky, Kleine Geschichten Komplett-Media Grünwald 2006
Ein Ehepaar erzählt einen Witz Audiobuch Freiburg i. Br. 2006
Manfred Zapatka liest Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm Argon-Verl. Berlin 2006
Anna Thalbach liest Kurt Tucholsky, Rheinsberg Argon-Verl. Berlin 2006
Rheinsberg Diogenes-Verl. Zürich 2006

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man sich die Sekundärliteratur zu Tucholsky ausschaut. Da überwiegen natürlich eher Aspekte, die sich wissenschaftlich untersuchen lassen, wie Tucholskys politische Überzeugungen oder seine juristischen Auffassungen. Gleich zwei Autoren, Fritz J. Raddatz und Klaus Bellin, haben Tucholskys Verhältnis zu seiner zweiten Frau Mary Gerold näher beschrieben.

Titel Autor Ort Jahr
Kurt Tucholsky – Joseph Roth – Walter Mehring Mayer, Dieter Frankfurt/Main 2010
Mit der Schreibmaschine gegen die Katastrophe Greis, Friedhelm; King, Ian (Hg.) St. Ingbert 2010
Kurt Tucholsky Raddatz, Fritz J. Freiburg i. Br. 2010
Heinrich Heine und Kurt Tucholsky in Paris Trilse-Finkelstein, Jochanan Berlin 2010
Hej Tucholsky Mantel, Henk Bad Schwartau 2010
Es war wie Glas zwischen uns Bellin, Klaus Berlin 2010
Tucholskys Großkusine erinnert sich Rothert-Tucholsky, Brigitte Grimma 2009
… dieser Staat ist nicht mein Staat … Blanke-Kießling, Ursula Baden-Baden 2009
Kurt Tucholsky Scheer, Regina Berlin 2008
Der Antimilitarist und Pazifist Tucholsky Greis, Friedhelm; King, Ian (Hg.) St. Ingbert 2008
Tucholsky und die Weimarer Republik Di Bella, Antje München 2008
Man erspare es mir, mein Juristenherz auszuschütten Miederhoff, Thorsten Frankfurt/Main 2008
Tucholskys Großkusine erinnert sich Rothert-Tucholsky, Brigitte Berlin 2007
Kurt Tucholsky: ein Bild sagt mehr als 1000 Worte Hans, Sarah Saarbrücken 2007
Tucholsky und die Medien Greis, Friedhelm; King, Ian (Hg.) St. Ingbert 2006
Das hat alles nichts mehr mit Ihnen und Ihrer Arbeit zu tun. Wirsching, Daniel Wien 2006

Die kurioseste »Tucholsky«-Veröffentlichung der vergangenen Jahre stammt jedoch von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig. Diese hat das Büchlein Die verkehrte Welt. In Knüttelversen dargestellt von Kaspar Hauser neu herausgegeben. Allerdings steckt in diesem Fall hinter dem Pseudonym nicht Tucholsky. Das ist in der Forschung schon seit etlichen Jahren bekannt. Aber vielleicht fällt ja manch unbedarfter Käufer auf den falschen Autor herein…

21.11.2010

Eine Frau aus dem Bilderbuch

Hä? Kann man eine Ausstellung über einen Menschen machen, über den fast nichts bekannt ist? Dieser Frage musste sich das Tucholsky-Museum in Rheinsberg stellen, als man überlegte, das Leben von Tucholskys erster Ehefrau Else Weil zu präsentieren. Sie war die »reale Claire« aus Rheinsberg, dem Bilderbuch für Verliebte. Aber darüber hinaus war eigentlich nur das bekannt, was Sunhild Pflug in dem schmalen Band aus der Reihe Jüdische Miniaturen über sie zusammengetragen hat. Reicht das aus, um die fünf Räume im Tucholsky-Museum zu füllen?

Zur Ausstellungseröffnung am 13. November zeigte sich, dass dies den Kuratoren Peter Böthig und Alexandra Brach durchaus gelungen ist. Die Schau zeigt ein exemplarisches jüdisches Leben in Deutschland. Anhand von Dokumenten und Zeugnissen, die etwas mehr als ein Jahrhundert umfassen. Vom Bürgerbrief, den Else Weils Urgroßvater 1824 in Prenzlau erhielt, bis zur Transportliste Nr. 30 von Drancy nach Auschwitz am 9. September 1942. Dieses Familienleben war bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten eine Erfolgsgeschichte der heute so viel beschworenen Integration. Und nicht nur das. Else Weil war den meisten Frauen ihrer Zeit weit voraus, als sie ab 1911 Medizin studierte und 1917 eine Approbation als Ärztin erhielt. Der Erfolg von Tucholskys Rheinsberg, in dem laut Böthig ein »neues, libertinäres Lebensgefühl formuliert« wurde, war nur möglich, weil es für die Claire ein »reales« Vorbild gab. Eine junge Frau, die Tucholsky das »infantile Schlafzimmer-Gealber« – wie Walter Mehring es nannte – eingeflüstert hat. Und bereit war, fernab aller damaligen Konventionen mit ihrem etwas jüngeren Freund einige amouröse Tage in der Provinz zu verleben.

Im Zentrum der Ausstellung steht daher auch die exklusive Rheinsberg-Ausgabe, die Tucholsky im Jahre 1912 Else Weil widmete und die das Museum im vergangenen Jahr für 10.000 Euro antiquarisch erstanden hat. Die meisten anderen Dokumente stammen aus dem Besitz von Weils Nichte Gabriele, die die Familienerinnerungen im Londoner Exil aufbewahrt hatte. Weitere Schriftstücke fanden sich noch in diversen Archiven und zeigen vor allem, auf welche schwierige Weise sich Else Weil ihre Existenz sichern musste. Es wird deutlich, dass sie im Grunde nur kurze Zeit als niedergelassene Ärztin gearbeitet hat und offenbar die meiste Zeit als Sekretärin ihr Geld verdiente. Dies galt erst recht nach der Machtübernahme der Nazis, die ihr im Dezember 1933 die kassenärztliche Zulassung entzogen. Auch aus der Exilszeit finden sich viele Zeugnisse, die die Stationen ihrer Emigration dokumentieren. Von Else Weil selbst sind nur jedoch ganz wenige Fotografien erhalten. »Sie war sehr reizvoll, schlank, rothaarig, schöne Gesichtszüge, Stupsnase, große Augen«, beschreibt sie Pierre Paul Sagave. Heinz Ullstein bezeichnet sie in seinen Erinnerungen als »nicht hübsch, aber anziehend«. Laut Sunhild Pflug bezauberte sie »nicht nur durch ihre sinnliche Ausstrahlung, sondern war klug, gewitzt und nicht auf den Mund gefallen«.

Trotz dieser vielen Vorzüge war Claire Pimbusch, wie Tucholsky sie nach einer Figur aus Heinrich Manns satirischem Roman Im Schlaraffenland nannte, nur eine kurze und unglückliche Ehe mit ihrem Wölfchen beschieden. Im Mai 1920 hatten beide geheiratet, schon drei Jahre später war Tucholsky aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Nicht auf die feine Art: »Ich habe mich damals falsch benommen. Ich war nicht alt und reif genug, um das mit Takt und Delikatesse zu machen – ich war plump, roh, dumm. Ich tat weh, obgleich ich wissen mußte, weh zu tun – und ich tat unnötig weh«, schrieb er 1926 an seine zweite Frau Mary Gerold, mit der er genauso wenig zusammenleben konnte.

Dennoch war es nicht Else Weil, sondern Mary Gerold, von der kurz vor seinem Tod behaupten sollte: »hat nur ein Mal in seinem Leben geliebt«. Else Weil hingegen scheint erst im Exil wieder einen anderen lieben gelernt zu haben: den Emigranten Friedrich Epstein. Anders als vielen anderen Emigranten gelang ihnen jedoch nicht die Flucht aus Frankreich. Beide werden in Südfrankreich festgenommen und deportiert. Beide sterben in Auschwitz.

Es ist sicherlich zutreffend, wenn Böthig und Brach die Ausstellung mit »Fragmente eines deutsch-jüdischen Lebensweges« überschrieben haben. Leider sind zu wenig Zeugnisse von Else Weil selbst überliefert, um sie vor der Augen des Besuchers wirklich lebendig werden zu lassen. Aber, wenn Tucholsky sie richtig getroffen hat, hilft dazu auch nach 100 Jahren noch ein Lektüre eines kleinen Büchleins für Verliebte:

»Wölfchen, eß man Suppens mitm Messer?«

»Wa –?«

»Na, ich hab mal einen gesehen, der hat mitm Messer geessen.«

»Suppe?«

»Neieinn … « Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von »unerhört« und »Person« und so.

»Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs? – Söh mal, ich bin doch ’ne Feine, nich wahr? oder glaubsu, ich bin eine Prostitierte? Nei–n. Ich ja nich. Ich nich. Hä?«


Die Ausstellung ist bis zum 13. Februar 2011 in Rheinsberg zu sehen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10:00 – 16:30 Uhr
www.tucholsky-museum.de

2.11.2010

Zum Weinen gut

Es ist hinreichend bekannt, dass Tucholsky bis kurz vor seinem Tod den norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun sehr verehrte. Was für Hamsum galt, traf erst recht auf Leo Tolstoi zu, der am 7. November/20. November (greg.) vor 100 Jahren gestorben ist. Eine geradezu hymnische Lobpreisung des russischen Schriftstellers findet sich in einem »Q-Tagebuch« vom 28. und 29. März 1935. Seiner in Zürich lebenden Freudin Hedwig Müller schrieb Tucholsky aus dem schwedischen Exil über Tolstois Hauptwerk Krieg und Frieden:

Dieses Buch ist alles in einem: Bibel, Kriminalroman, Essai und Gesangbuch und was Du willst. Es ist ein Wunder. Den Epilog zum Beispiel konnte nur ein Genie schreiben. Wie da die schwarzäugige, romantische, etwas sinnliche und muntere Natascha als Mutter und Frau gezeigt wird, »sieben Jahre später« – das ist inspiriert. Sie wird gezeigt, durchaus mit ihren Windeln befaßt, in denen – Gott sei gelobt! – statt eines grünen ein gelber Fleck zu sehen ist; sie ist nicht unsympathisch, aber auch nicht sehr angenehm; sie vernachlässigt sich und ihr Äußeres, ist aber maßlos eifersüchtig, sie ist eine gute Mutter und Gluckhenne – und das Leben geht, geht. Tolstoi zeigt das, er kritisiert es nicht, er hebt gar nicht die Stimme. Nur einmal bedauert ein ehemaliger Verehrer diese Veränderung ganz leise, ihr Mann ist damit durchaus zufrieden. Und dann wachsen junge Kinder auf, eine neue Generation, und es geht alles weiter. Es ist ein Wunder.

Bevor ich wußte, daß Hamsun zu den Nazis übergegangen ist, wäre ich vor ihm aufgestanden, wenn er hereingekommen wäre. Vor Tolstoi hätte ich geweint. Und das ist keineswegs literarische Hysterie. Ich hatte in Berlin einen juristischen Repetitor, der hat Tolstoi einmal in einer Kino-Wochenschau gesehn. »Man kann doch den lieben Gott nicht filmen«, sagte er. Und Gorki schildert ihn, am Meer sitzend, »wie ein alter Stein, der zur See gehört«.

Dabei ist er mir, wenn er moralisiert, unerträglich; es gibt im Deutschen ein Wort, das man von miauenden kleinen Kindern sagt: er greint. Dann schiebe ich ihn fort, ich mag das nicht. Aber als Gestalter, als Former, als Bändiger der Formen, – das hat seinesgleichen nicht.

Ungefähr drei oder vier lange Kapitel sind in diesem Roman, den man nur in einer ungekürzten Ausgabe lesen darf, der Lehre gewidmet, daß es nicht die Gedanken und nicht die Worte sind, also daß es nicht die ratio ist, die den Menschen leitet. Das Irrationale in der Geschichte, das der Marxismus einfach nicht kennt, wird hier so klar ausgesprochen, soweit die Sprache, die vom Hirn kommt, etwas aussprechen kann, was im sympathischen Nervensystem begründet liegt. Wie »es« die Masse vorwärtsschiebt, warum? Weil.

Und eben darum glaube ich an den Fortbestand der Nazis in Deutschland – sie sind, es ist ihr Schicksal, es ist nicht eine Durchgangsstation, es ist eine Vollendung. Wieweit sie das selbst fühlen, steht dahin – aber es ist so.

P.S.: Ist eigentlich schon irgendeinem Tolstoianer aufgefallen, dass eine gewisse Lena Meyer-Landrut die ideale Verkörperung der Natascha darstellt? So wie Natascha als Jugendliche die Petersburger Hofgesellschaft begeisterte, schwärmte vor einigen Monaten das deutsche Feuilleton von Lena. Der Epilog dieser Geschichte muss jedoch noch geschrieben werden.

21.10.2010

Der Philosoph von der traurigen Gestalt

Von den über 500 Büchern, die Tucholsky im Laufe seiner Karriere besprochen hat, reizen viele durch sein begeistertes Lob noch heute zum Lesen. Daneben gibt es einige Werke, die von ihm derart heftig verrissen wurden, dass diese wütende Kritik wiederum neugierig macht. Dazu zählt beispielsweise Arnolt Bronnens Oberschlesien-Roman O.S., den Tucholsky in der fünfseitigen Rezension »Ein besserer Herr« zerpflückte. Während Bronnens Buch kaum antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich ist, lässt sich der Anlass eines anderen Verrisses nun in einer kommentierten Ausgabe nachlesen. Es handelt sich um Salomo Friedlaender/Mynonas 1929 erschienenes Buch Hat Erich Maria Remarque wirklich gelebt?. Der Band 11 von Mynonas Gesammelten Werken enthält außerdem die Broschüre Der Holzweg zurück (1931), die als ausführliche Replik auf Tucholskys Rezension des erstgenannten Werkes in der Weltbühne gedacht war. Wird die Neugierde mit der Lektüre belohnt?

Wie der Name von Mynonas Buch vermuten lässt, war der Hintergrund des Streits der Welterfolg des Remarque-Romans Im Westen nichts Neues. Von diesem Buch wurden schon im ersten Jahr des Erscheinens, 1929, sensationelle 900.000 Exemplare verkauft. Sein aufwühlendes Thema, die Erlebnisse eines einfachen Soldaten im Ersten Weltkrieg, gab Anlass zu heftigen Debatten über die Tendenz des Buches. Während es die einen für pazifistisch und deutschfeindlich hielten, erkannten andere darin nichts weiter als die übliche Kriegsromantik. Der gefeierte Autor hielt sich mit Stellungnahmen zurück. Erst später entwickelte er sich zu einem militanten Pazifisten, wie er sich 1962 erstmals bezeichnete.

Der Verleger Paul Steegemann kam schon 1929 auf die Idee, eine Parodie des Werkes aufzulegen. Dazu gewann er als Autor den Philosophen Salomo Friedlaender, der unter seinem Pseudonym Mynona (rückwärts für Anonym) bekannt geworden war. Tucholsky hatte ihn in der Schaubühne 1913 lobend rezensiert und später als »Schnurriker« bezeichnet. Mit dieser Sympathie war es aber nach dem Erscheinen der Remarque-Parodie schlagartig und für alle Zeiten vorbei. »Hat Mynona wirklich gelebt?« fragte Tucholsky in seiner Rezension und warf Mynona darin vor, »eine Unanständigkeit begangen« zu haben. Der Grund: Mynona habe sich die bürgerliche Existenz Remarques und dessen literarische Anfängerversuche vorgenommen, um Kritik am Buch zu üben. Das gehe an der eigentlichen Debatte um dessen Inhalt jedoch völlig vorbei und sei Ausdruck von Neid, Niedertracht und Konjunkturreiterei. Sind Tucholskys Vorwürfe auch nach 80 Jahren noch berechtigt?

Zunächst muss man ihm völlig zustimmen, wenn er schreibt:

Zum Glück ist die Schrift des streitbaren Philosophen unlesbar und von einer altbacknen Langeweile mit Wasserstreifen […] Und zum Glück ist es keine Parodie geworden; sondern eine aufgeschwollene Literaturpolemik aus dem Jahre 1905.

Das Interessanteste an der Neuausgabe ist in der Tat die umfangreiche Einleitung von Detlev Thiel sowie der Anhang, der dutzende zeitgenössische Rezensionen und Stellungnahmen auflistet. Der Effekt, der sich bei dem Rezensenten des Hannoverschen Kuriers während der Lektüre Mynonas einstellte, tritt heute immer noch ein:

War das Material zu dürftig oder die Zornwolke um Mynonas Haupt zu groß – der Satire fehlt der Funke, der sie zünden macht. Mynonas Satire irrlichtert im Kreise, statt geradeaus zu zielen; er hat in sein Buch so viele Anzapfungen und Anspielungen hineingepackt, er gefällt sich in einer so schwierigen Wortequilibristik, daß man schon nach wenigen Seiten ermüdet zurücksinkt. Er treibt uns mit seinen Geistreicheleien den Geist aus.

Wer sich dennoch durch die 200 Seiten quält und über »alraschidisch deskondeszierende Majestäten« stolpert, aber taumelnd wieder aufsteht, stellt voller Verwunderung fest: Eigentlich geht es Mynona ja gar nicht um Remarque. Durchaus erfüllt er, was er gleich zu Beginn als sein eigentliches Ziel postuliert:

Bevor ich den Clown spiele, möchte ich doch zuvor noch einen Augenblick mein ernstes Gesicht zeigen. Ich will in das Wespennest der triumphierenden Mittelmäßigkeit stechen. Die an sich zufällige Person des Herrn Remarque dient mir nur deshalb zum Angriffspunkt, weil sich in ihr jener Triumpf konzentriert.

Mynona will zusammen mit Remarque gleich die ganze Moderne erledigen. Doch dabei führt er sich nicht als lustiger Clown auf – oder gar »lachender Philosoph«, wie Tucholsky ihn nannte. Er kämpft wie ein philosophischer Ritter von der traurigen Gestalt, der aus einem vergangenen Zeitalter kommt und mit untauglichen Waffen gegen die Gegenwart zu Felde zieht. Er rennt gegen die Windmühle Remarque an und glaubt allen Ernstes, damit Riesen wie Albert Einstein besiegen zu können. Sein Amadis de Gaula ist Immanuel Kant, »das Genie der Vernunft« und »oberste Lehrmeister der Menschen«. Hinzu kommt eine besondere Verehrung für dessen »kongenialen Nachfolger« Ernst Marcus, der offenbar so genial war, dass nicht einmal das Metzler Philosophenlexikon ihn kennt (aber immerhin die Wikipedia).

Während Tucholsky bei der Lektüre zornig wurde, kann man heute nur noch traurig den Kopf schütteln, wenn man liest:

Man vergleiche Marcus‘ Weltäthertheorie und seine Widerlegung der speziellen Relativitätstheorie mit Einsteins rechenmaschinellen Talenten. Diese Rechenmaschine ist ein Talent allerersten Rangs ohne alles Genie und, obgleich mit akademischen Ehren bekleidet, dennoch so gut wie Remarques nackter Mensch, eine wohlbekleidete Ausnahme von der splitternackten Regel.

Spätestens an dieser Stelle müsste man das Buch eigentlich erschöpft als geistige Verirrung eines verbohrten Adepten beiseite legen. Aber es wird noch besser. 100 Seiten später behauptet er:

Hätte man nämlich Kants Ethik schon vor anderthalb Jahrhunderten verstanden und in die Schulen eingeführt, so hätt’s nebbich garkeinen Weltkrieg gegeben. Wie denn der nächste nur noch durch meinen »Kant für Kinder« verhindert werden kann […]

Ist nicht jahrhundertelang eine nicht minder pazifistische Grundhaltung ohne Erfolg gelehrt worden?

Von der quijotesken Selbstüberschätzung zeugt auch ein Brief Mynonas an seinen Verleger Steegemann:

Dieses Antiremarquebuch ist in Wahrheit eine Dynamitbombe, und ich werde die Illusion nicht mehr los, daß nicht ich, sondern sie [die »Mittelmäßigen«] daran krepieren sollten. Es muß gelingen, nicht nur Hintre zum Grunzen, sondern doch auch endlich die Stimme der Wahrheit zum Sieg zu bringen. Es gibt doch gewiß nicht nur diese Massenclique, sondern auch einzelne gute, große Publizisten. Wer sind sie? Wie kommt man an sie heran? Wie verschafft man sich ein wahres Gehör anstelle dieses ludermäßig verlotterten? Daß diese intelligenteren Hunde nicht spüren sollten, welcher brillanteste Satirenstil, welche wahrhaft satanische geistige Überlegenheit in meinem Opus steckt, ist ausgeschlossen; – es sind absichtliche Unterdrücker wider ihr bestes Wissen!!!

Mynona geriert sich wie ein haushoch überlegener Geisterfahrer, der nur mittelmäßige und »falsch orientierte« Autofahrer entgegenkommen sieht. Zum Glück gab es damals noch keine Autobahnen.

Nicht viel verständlicher ist Der Holzweg zurück. Auf dessen Umschlag prangte groß: »Gegen Kurt Tucholsky«. Laut Verlagsankündigung wurde das Werk »in der Tucholsky-Forschung bislang marginalisiert«. Zu recht. Denn, wie nicht anders zu erwarten, geht es darin weniger um das angekündigte Objekt der Kritik. Statt dessen – richtig geraten – mehr um die wahre Genialität eines Kant und Marcus (»Gewidmet allen Kannitkantverstans«). Was soll man auch zu einer »Kritik« sagen, die permanent Sätze produziert wie:

Hier stellen die diversen Ullsteins ihre mit Panther- und Tigerkrallen bewehrten wrobeligen Schmieresteher auf, um die Wahrheit meuchlings zur Strecke zu bringen …

Plötzlich aber – ah, welch Feuerwerk – erschien die tiger- und pantherhafte Anwröbelung des kasparhauserigen Weltfremdlings Tucholsky – qualis artifex!

Wozu den Panther- und Tigerfelle? – À la Kasparhauser weltfremd geschmückte ehrliche olle Wrobelhaut im Geschmack der Tucholskys genügt vollauf.

Wäre Mynona doch besser anonym geblieben. Statt dessen setzte er auf seinen Nachruhm:

Jeder Leser der Weltbühne weiß, wie Wrobel mich blamiert hat. Wie Wrobel sich vor mir, das werden die Leser von 2000 genau erfahren. Ich höre schon die Lachtauben, die es dann auf dem Essener Marcus-Platz gurren…

Auch 2010 müssen die Tauben weiter nach Venedig fliegen. Im Westen gibt es immer noch nichts Neues…

15.6.2010

Mit Tucholsky unterwegs

Wer glaubte, dass es mit den themenspezifischen Tucholsky-Bänden schon ein Ende genommen hätte, sieht sich getäuscht. Nach Tucholsky in Berlin, Mit Tucholsky die Frauen verstehen und (ja, tatsächlich) Weihnachten mit Tucholsky ist nun im Fischer-Verlag der Auswahlband Unterwegs mit Tucholsky erschienen. Das Reiseressort von Zeit Online hat sich mit dem Band, der Teil einer Buchreihe ist, befasst und bemerkt:

Unterwegs mit… heißt eine zunächst aus vier Bänden bestehende Taschenbuchserie bei Fischer Klassik, die sich den Reiseerlebnissen und -betrachtungen von Thomas Mann, Franz Kafka, Stefan Zweig und Kurt Tucholsky verschrieben hat – und die ihrerseits überrascht, da sie die Klassiker, vor allem Kafka und Mann, von wenig bekannten Seiten zeigt.

Darin rechne »Tucholsky in seinen brillanten Reisereportagen mit einem Tourismus ab, in dem unter minimalem Aufwand und zu stattlichen Preisen Illusionen ausgebeutet werden«.

Das Buch ist nach verschiedenen Reiseregionen thematisch gegliedert und enthält beinahe das komplette Pyrenäenbuch. Laut Inhaltsverzeichnis enthält es 57 Texte, wenn man die Kapitel aus dem Pyrenäenbuch einzeln zählt.

Die Freude an der Auswahl werde jedoch getrübt, findet der Rezensent:

Hier nun wird es vollends unverzeihlich, dass über die Lebenswege und -orte gerade dieser Autoren rein gar nichts in den Bänden zu erfahren ist; keine biografischen Daten, kein Nachwort. Nichts hilft, die vielen Dichterworte übers Reisen in den Zusammenhang ihres Lebens (und Reisens) zu stellen. So gut die Idee ist, einmal spannende literarische Texte nicht um einen Ort, sondern um einen Autor herum zu versammeln: Das Fehlen des Kontexts, minimal kompensiert durch vereinzelte Jahresangaben und Zwischenüberschriften, lässt den Leser unzufrieden zurück. Schließlich handelt es sich ja um Bücher, die nicht nur von, sondern auch für unterwegs sind; für Momente, in denen Lexikon oder Gesamtausgabe nicht zur Hand sind.

Das mag in der Tat stimmen. Aber was will man bei knapp 300 Seiten für acht Euro mehr erwarten? Gerade wenn Autorenwerke gemeinfrei geworden sind, lassen sich solche Auswahlbände schnell und billig zusammenleimen. Da würden Kommentare, Bilder und Vorworte die Sache nur unnötig verteuern. Und wie forderte schon Tucholsky selbst: Macht unsere Bücher billiger!

1.6.2010

Von den Frauen erzählt

Auf dieses Buch haben Tucholsky-Fans schon lange gewartet: Tucholsky und die Frauen – Das Psychogramm eines Beziehungsunfähigen heißt die im Verlag für Berlin-Brandenburg erschienene Studie von Klaus Bellin. Sie widmet sich endlich ausführlich einem Thema, das auch in Tucholskys Wikipedia-Biografie mit einem eigenen Abschnitt gewürdigt wird.

Aber nein, so heißt das Buch natürlich nicht. Es trägt den durchsichtigeren Titel Es war wie Glas zwischen uns. Die Geschichte von Mary und Kurt Tucholsky, was obendrein den irreführenden Eindruck erweckt, es gehe darin lediglich um die Beziehung zwischen Tucholsky und seiner zweiten Frau und möglicherweise vor allem um Mary. Und was die Märkische Allgemeine zu der abgedrehten Überschrift »Verrückt nach Mary« inspirierte.

Genauer sagt es dagegen der Einband: »Hier wird von den Frauen erzählt, die den Weg des Schriftstellers kreuzten – und von der einen Liebe, die nicht gelebt werden konnte und die trotzdem nicht starb.«

Bellin räumt ein, dass er für das Buch keine neuen Quellen ausgewertet hat. Es basiert vor allem auf dem vorliegenden biografischen Material (Raddatz, Hepp, Bemmann, Schmeichel-Falkenberg, Zwerenz), den Briefen Tucholskys sowie den in der Gesamtausgabe auszugsweise veröffentlichten Antworten Marys und den Bekenntnissen seiner anderen Frauen. Aber dennoch: In der Zusammenschau liest sich das Ganze wie eine eigenständige psychologische Studie, eine Art monothematische Biografie. Mit dem erschreckenden Fazit: Hier herrscht Beziehungsunfähigkeit auf höchstem Niveau, in fast jeder Lebenslage. Genug Material, um eine mittlere psychologische Gemeinschaftspraxis zu beschäftigen. Aber Tucholsky unterstützte mit seinem sauer erschriebenen Geld lieber die Blumen- und Süßwarenindustrie. Um nach geglückter Eroberung schnell wieder einen Rückzieher zu machen. Sehr traurig das Ganze.

Bellin geht mit Tucholsky durchaus hart ins Gericht. So urteilt er über dessen Verhalten, als Mary 1919 durch das kriegsgeschüttelte Baltikum irrte:

Sie steckt im Bürgerkrieg, inmitten von Mord und Terror, und er spricht von Soldatspielen. Falscher, kälter, unsensibler kann er kaum reagieren. (S. 47)

Wozu Tucholsky, der alte Alexithymiker, im August 1923 an Mary selbst geschrieben hatte:

Richtig ist eines: es muß in mir eine kalte, leere Stelle sein, die nicht reagiert, wenn man das erwartet. Ich habe das oft schon selbst gesehen – wie kalt-verwundert ich manchmal fremdem Schmerz zusehe, wie unbeteiligt, wie meilenweit entfernt.

Neben der Beziehung zu Mary widmet sich Bellin auch Tucholskys anderen Frauen: der ersten Verlobten Kitty Frankfurther, der ersten Ehefrau Else Weil (Claire Pimbusch aus Rheinsberg), seinem »Lottchen« Lisa Matthias, der »Nuuna« Hedwig Müller und dem »Fröken« Gertrude Meyer. Auch die merkwürdige Affäre mit Aline Valangin wird erwähnt.

Über die Gründe, die all diese Beziehungen scheitern ließen, kann auch Bellin nur spekulieren. Er verweist auf den Hass Tucholskys auf seine Mutter Doris und fragt:

Hat das Verhalten der Mutter, das der Sohn nie entschuldigen, nie in milderem Licht sehen wird (und das Schwester Ellen bezeugt hat), Tucholskys Verhältnis zu Frauen geprägt oder wenigstens beeinflusst? […] War Doris Tucholsky die Ur-Erfahrung, die beim Umgang mit Frauen, bewusst oder unbewusst, nicht auszublenden war? (S. 21)

Bellin antwortet darauf mit Mary, die die erste gewesen sei, die »daran nie zweifelte«.

Auch Tucholskys Arbeitswut, die ihn oft bis in die Nacht an die Schreibmaschine fesselte, machten das Zusammenleben nicht leichter. »Außerdem betrüge ich jede Frau mit meiner Schreibmaschine und erlebe daher nichts Romantisches«, hat er das in der Einleitung zu Schloß Gripsholm selbst beschrieben. Besonders aus den Briefen von 1925 bis 1927 geht hervor, dass Mary sich häufig wie seine Sekretärin gefühlt haben muss.

Ein ebenso großes psychologisches Rätsel wie die Beziehungsprobleme schimmert in dem Band ebenfalls kontinuierlich durch: Tucholskys Fixierung auf äußerliche Dinge und materiellen Wohlstand. Bellin schreibt:

Dass er Mary unentwegt erzählt, er müsse erst viel Geld verdienen, um ihr ein angemessenes Leben zu sichern, ist darum nicht nur Marotte und Ausrede. Es ist Hinhalte-Taktik, krampfhafte Abwehr, gewiss, aber zugleich eine existenzielle Bedingung, von der Kurt Tucholsky nicht lassen wird. (S. 43)

Wobei Tucholsky das Geld nicht nur für seine Frau(en) brauchte, wie Mary 1955 schrieb:

Er war ein Herr. Er hätte ohne Geld in der Misere nicht leben können, soviel bedeutete das Leben ihm nicht. Er hatte Freude an schönen Dingen. Im Mief oder in einer kleinbürgerlichen Atmosphäre hätte er nicht atmen können. (S. 144)

So ist das fehlende Geld einer der Gründe, die nach Ansicht Bellins hinter Tucholskys Tod im Dezember 1935 standen.

Kurt Tucholsky war krank und müde, lebensmüde. Die Frau, die er liebte und mit der er nicht leben konnte, verloren, das Buch, das er im Kopf mit sich herumtrug, ungeschrieben, die finanziellen Mittel erschöpft und keine Aussicht auf ein Deutschland ohne Nazis. (S. 152)

Nach dem Krieg machte sich Alleinerbin Mary unermüdlich an die Arbeit, das verstreute Werk Tucholskys zu sammeln. Sie setzte sich

an die alte Schreibmaschine und verfasst Brief um Brief. Forscht nach den alten Freunden, Kollegen und Kampfgefährten Tucholskys, bittet sie zu sich, fragt sie aus, jede Kleinigkeit ist wichtig, jede Auskunft, die sie einen Schritt weiterbringt. (S. 155)

In der Öffentlichkeit hielt sich Mary dagegen sehr zu zurück. Mit einer Ausnahme, wie Bellin bemerkt. 1957 intervenierte sie bei der Herausgabe eines Tucholsky-Sammelbandes, für den der Schriftsteller Hermann Kesten ein Vorwort geschrieben hatte. Die Debatte über Kestens Vorwort lässt sich gut in einem ausführlichen Spiegel-Artikel von 1958 nachverfolgen, in dem es heißt:

Mary Gerold-Tucholsky und der Verlag Rowohlt begründen ihre Klage gegen die Büchergilde auf Unterlassung im wesentlichen damit, daß sie ihre Rechte an Tucholsky-Texten nur für eine Lizenz-Ausgabe hergegeben hätten, zu der jedenfalls nicht ohne ihre Einwilligung ein »eigenständiger Text« gestellt werden dürfe. Hilfsweise ist beantragt, das Gericht möge untersuchen, ob Kestens kritischer Essay noch den Charakter eines Vorworts erfülle. Die klagenden Parteien sind der Ansicht, Kestens Einleitung sei geeignet, den Menschen und Schriftsteller Tucholsky »bei breitesten Leserkreisen zu diffamieren«.

Letzteres ist Kesten sicherlich nicht gelungen, was Mary Gerold und Fritz Raddatz auch dadurch verhinderten, dass sie den ganzen Tucholsky veröffentlichten.

Klaus Bellin hat mit seinem Buch sicherlich keine Forschungslücke geschlossen, aber einen gut lesbaren und informativen Blick auf einen besonderen und wichtigen Aspekt von Tucholskys Leben geworfen.

Klaus Bellin: Es war wie Glas zwischen uns. Die Geschichte von Mary und Kurt Tucholsky. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2010, 168 Seiten, 10 Abbildungen, 19,90 Euro, ISBN 978-3-86650-039-6

29.3.2010

Old Shatterhand – ein Pseudonym Tucholskys?

Bei der Lektüre eines Spiegel-Artikels über Blogger, die sich der Pseudonyme Tucholskys bedienen, dürften sich viele Leser gefragt haben: Ist Old Shatterhand wirklich ein weiteres Pseudonym des Mannes mit den 5 PS gewesen? Haben Panter, Tiger & Co. ihm nicht genügt?

Die Frage nach der Herkunft dieses Pseudonyms ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt dazu in der Forschung unterschiedliche Meinungen. In den Weltbühne-Registern von Elmar Holly und Joachim Bergmann wird das Pseudonym Tucholsky zugeschlagen. Die Herausgeber der Tucholsky-Gesamtausgabe nahmen die Texte jedoch nicht einmal als »ungesicherte Zuschreibungen« auf, weil die von Holly vorgebrachten Gründe nicht überzeugten. Ohnehin steht der Aufwand, alle Argumente Für und Wider Tucholskys Urheberschaft zu wälzen, in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Wie immer die Antwort ausfallen mag, sie ist für die Einschätzung von Tucholskys Werk ohne Belang. Denn sehr belanglos sind die beiden Texte, die von einem Old Shatterhand in den Jahren 1927 und 1929 in der Weltbühne erschienen sind. Aber dennoch finden sich Gründe, sie gerade Tucholsky zuzuschreiben.

Der erste der beiden Artikel erschien am 22. März 1927 unter dem merkwürdigen Titel: »Eine Rede ist keine Rede oder: Wat macht denn nu eijentlich Else Müller?«. Dahinter versteckt sich das Lamento einer Berlinerin, die offenbar vor einiger Zeit in ihrem Haus eine Unanständigkeit beobachtet hat:

Na, man hört ja so allerlei und denkt sich dann sein Teil. Ich will ja nischt gesagt haben, aber unsereins hat ja schließlich auch seine Augen im Kopp. Wissen Se, ich hab mir mein ganzes Leben kein X vorn U machen lassen, und uff meine alten Tahre werd ich damit ooch nich mehr anfangen.

Diese Rede, die keine Rede ist, weil die entrüstete Nachbarin von Else Müller am Ende »nischt jesacht ham will«, ist kein typischer Weltbühne-Text. Die Geschichte hat keine rechte Pointe und bezieht ihren Unterhaltungswert vor allem daraus, dass die Erzählerin heftigst berlinert. Wenn in der Weltbühne jemand berlinert, ist der Gedanke an Tucholsky natürlich nicht weit. Schließlich hat er unter allen seinen Pseudonymen immer wieder Berlinismen eingeflochten und ganze Texte im Berliner Dialekt verfasst. Sogar als anonymer Autor berlinerte er, wie in dem Text »Der Portier vom Reichskanzlerpalais spricht«. Dennoch hat man in diesem Fall den Eindruck, dass diese »Rede« etwas unter dem Niveau Tucholskys liegt, weil es in diesem Fall nur um das sinnfreie Reden im Dialekt geht. Man weiß als Leser nicht, was eigentlich vorgefallen ist, von dem es heißt: »aba wat zu vill is is zu vill ick kann Ihnen nur eins saren sowat find ich unanständich einfach unanständich«. Es scheint sich um einen Insiderspaß zu handeln, eine Anspielung, die nur sehr wenige Menschen verstehen.

Wenn der Text aber nur bedingt komisch und reichlich kryptisch ist, stellt sich die Frage: Warum hat ihn der Herausgeber der Weltbühne ins Blatt genommen? Worauf die Antwort fast nur lauten kann: Er hat ihn selbst geschrieben. Denn im März 1927 war Tucholsky verantwortlich für das Blatt, da der Weltbühne-Begründer Siegfried Jacobsohn im Dezember 1926 überraschend gestorben war und der bisherige Pariser Korrespondent die Leitung übernommen hatte. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum er einen solchen Text ins Blatt genommen haben sollte, wenn es für ihn nicht genügend Gründe dafür gab. Wenn nicht journalistische, so doch andere, persönliche. Denn gerade Tucholsky war sehr kritisch, wenn es ums Berlinern ging (»Bevor ich berlinere, überlege ich es mir dreimal, und zweimal tue ichs nicht.«). Wobei sich nun die Frage stellt, warum er nicht als Autor in Erscheinung treten wollte. Dafür lassen sich eine Reihe von Argumenten ins Feld führen.

Zunächst spricht dagegen eine Regel, die schon Tucholskys Mentor Jacobsohn aufgestellt hatte: Jeder Autor nur einmal in jeder Nummer. In besagter Ausgabe vom 22. März 1927 finden sich aber schon ein Peter Panter, Theobald Tiger und ein Ignaz Wrobel. Bleiben also noch Kaspar Hauser und Kurt Tucholsky selbst. Für die »Rede« kommt Tucholsky als Autorname nicht in Frage, da solcherart gekennzeichnete Texte meist wichtige und grundsätzliche Themen behandelten. Für den melancholischen Kaspar Hauser ist der Artikel hingegen reichlich belanglos. In dieser Zeit erschienen von Hauser vor allem die Wendriner-Geschichten und die Lebensreflexionen in der Serie »Nachher«. Ein Peter Panter hätte vielleicht noch am ehesten diesen Artikel zeichnen können, doch der war schon mit einem drei Seiten langen Artikel vergeben.

Möglicherweise war es Tucholsky auch ganz recht, nicht als Urheber in Erscheinung zu treten. Denn es gibt eine kleine Bemerkung in der Mitte des Textes, die einerseits für Tucholskys Autorschaft und andererseits für deren Verschleierung spricht:

da geh ich grade mit Lottchen iebern Hoff zum Verwalta

Bei dem Namen »Lottchen« wird man natürlich hellhörig. Für Holly, der 1989 sein Register sämtlicher Weltbühne-Autoren vorgelegt hat, ist der Name der Schlüssel zur Identifizierung des Autors:

Mit der im ersten »Old Shatterhand«-Beitrag vom 22. III. 1927 vorkommenden Figur »Lottchen« ist in Wirklichkeit die Journalistin Lisa Matthias gemeint, mit der der verheiratete Tucholsky seit Februar 1927 eine heimliche Liaison hatte. Nur acht Tage bevor der mit »Old Shatterhand« gezeichnete Tucholsky-Beitrag »Eine Rede ist keine Rede oder: Wat macht denn nu eijentlich Else Müller?« in der »Weltbühne« erschien, notierte Lisa Matthias in ihr Tagebuch, daß es »natürlich Spaß [mache], so heimlich bedichtet zu werden« (zit. nach: Lisa Matthias: Ich war Tucholskys Lottchen, Hamburg 1962, [S. 39])

Elmar Holly: Die Weltbühne 1918–1933: ein Register sämtlicher Autoren und Beiträge. Berlin 1989, S. 30

Nun hat sich Holly mit seiner Behauptung, hinter dem Weltbühne-Pseudonym Hugo Grotius stecke Tucholsky, auch schon kräftig geirrt. Aus dieser einen Feststellung von Matthias lässt sich das Pseudonym noch nicht herleiten, zumal sie in ihrem Buch zahlreiche andere Texte nennt, die sich auf ihr Verhältnis zu Tucholsky beziehen, jedoch nicht den unter Old Shatterhand veröffentlichten. Allerdings gibt es zwei Stellen in ihrer Autobiografie, die wiederum für Tucholskys Autorschaft sprechen. So heißt es auf Seite 42 über die ersten Wochen ihrer Liaison:

Aber es hatte sich doch während unseres mehr als zweimonatigen Zusammenseins herausgestellt, daß wir beide absolut die gleiche Sprache redeten — manchmal in fürchterlichstem Berliner Dialekt […]

Und da ist noch eine Widmung, die ihr Tucholsky auf einen Korrekturabzug des am 5. April 1927 veröffentlichten Gedichts »Subkutan« schrieb:


»Zur Erinnerung an einen kl. Hausstand für Lottchen von Daddy«, kritzelte Tucholsky in Sütterlin-Schrift. Schon damals benutzte er also den Spitznamen »Lottchen« für Lisa Matthias, so wie sie ihn von Anfang an »Daddy« genannt hatte (S. 44).

»Subkutan« nimmt am Ende auch das Motiv auf, wonach die Nachbarn eine verfängliche Beobachtung machen könnten:

Und dann sieht dich jemand in ihrem Haus.
Und dann ist die ganze Bescherung aus.

Warum Matthias den Old Shatterhand-Text in ihrem Buch nicht erwähnt, bleibt ihr Geheimnis. Hat am Ende diejenige, die die Anspielungen verstanden haben könnte, gar nichts von dem kleinen Spaß mitbekommen? In dem Abschnitt ihres Buches (S. 50f.), der über die Entstehung der literarischen Figur des Lottchens handelt, bemerkt sie lediglich:

Der Name selbst kommt in Tucholskys Produktion frühzeitig vor. Lottchen ist an und für sich die typische Berliner Jöhre.

Womit Matthias in beiden Fällen recht hat. Allerdings tauchen die Lottchens in der Weltbühne bis auf eine Ausnahme nur in Tucholsky-Texten auf.

Alles in allem gibt es sicherlich mehr Argumente, die für eine Autorschaft Tucholskys in dem Fall sprechen. Vor allem gibt es keinen ersichtlichen Grund, warum Tucholsky als Herausgeber diesen nicht besonders originellen Artikel unter einem neuen Pseudonym ins Blatt nehmen sollte, wenn er keinen Hintergedanken dabei hatte.

Wie verhält es sich nun mit dem zweiten »Old Shatterhand«? Dabei handelt es sich um den Text »Festprogramm zur berliner Season«, erschienen am 21. Mai 1929 in der Weltbühne. Auch in diesem Fall könnte es sich von Stil und Thema her um einen Text Tucholskys handeln, allerdings nicht um einen seiner besten. Ähnlich wie bei den Aphorismen-Sammlungen »Nationales« oder »Schnipsel« enthält auch das »Festprogramm« eine Reihe spöttischer Bemerkungen, in diesem Fall sogar durchnummeriert. So heißt es unter Punkt 5:

Eröffnung der Großen berliner Kunstausstellung im Funkturmrestaurant; im Fahrstuhl: Max Liebermann mit seinem Originalgemälde: Der Reichspräsident in Stahlhelmuniform vor schwarzrotgoldnem Grunde, von 21.30 bis 24.15 Scheinwerferbeleuchtung; anschließend Besichtigung der Rundfunkzensur unter sachverständiger Führung. Jeder Teilnehmer zahlt 5000 Mark Konventionalstrafe.

Und so fort. Verständlich, wenn Tucholsky diese Liste nicht unbedingt unter seinem Namen hat erscheinen lassen wollen. Gegen seine Urheberschaft könnte sprechen, dass er im Mai 1929 keinen besonderen Bezug mehr zu Berlin besaß, wo er zuletzt im März einige Tage verbracht hatte. Allerdings sind die meisten Motive recht zeitlos. Auch die Personen, über die sich Old Shatterhand mokiert, tauchen immer wieder in Tucholskys Texten und Briefen auf (Georg Bernhard, Gertrud Bäumer, Katharina von Oheimb). Über den »Dachschützen« Kurt Robitschek, Kabarettist und Theaterdirektor, beklagte sich Tucholsky nur wenige Tage zuvor in einem Brief an seine Frau Mary Gerold: »Herr Robitschek mit seinem Publikum hat keine Veranlassung sich über Wendriner lustig zu machen«. Auch die Tennisspielerin Cilly Außem war ihm ein Begriff, sie tauchte 1931 in dem Text »Weltbild, nach intensiver Zeitungslektüre« wieder in der Weltbühne auf. Über die Angst von einer Konventionalstrafe hatte er Mary Gerold in einem Brief vom 12. Juli 1926 berichtet.

Das alles sind keine hieb- und stichfesten »Beweise« für die Urheberschaft Tucholskys, sondern höchstens Indizien, über deren Aussagekraft wohl jeder Leser selbst sein Urteil fällen muss. Aber zusammengenommen deuten beide Texte schon sehr stark auf einem Autor vom Profil Tucholskys hin. Und zu guter Letzt: Welcher andere Weltbühne-Mitarbeiter sollte gerade diese beiden Texte geschrieben haben?

15.3.2010

Goldene Zwanziger in Idada-Oberstein

Einen musikalische Revue der besonderen Art konnten die Idar-Obersteiner am vergangenen Sonntag erleben. Wenn es stimmte, was die Allgemeine Zeitung in ihrer Ankündigung schrieb, wurden bislang nie gehörte Werke aufgeführt:

Den widersprüchlichen Gefühlen der »Goldenen 20er« entsprachen mit dadaistischen Texten Autoren wie Kurt Tucholsky und Walter Mehring, Mitbegründer des Berliner politisch-literarischen Kabaretts, und spröde Musik wie die Paul Hindemiths.

Nun kann man von Tucholskys und Mehrings* Gedichten ja sagen, was man will, aber dadaistisch waren sie auf jeden Fall nicht. Derartiges behaupten auch nicht die Künstler in ihrem Programmzettel, sondern die Zeitung exklusiv für sich. Was Tucholsky von Dada hielt, brachte er 1920 auf die knappe Formel:

Wenn man abzieht, was an diesem Verein Bluff ist, so bleibt nicht so furchtbar viel.

Peter Panter, »Dada«, in: Berliner Tageblatt, 20. Juli 1920

Das gilt auch für so manche Pressemeldung.


* Mehring war wohl doch ein bisschen dada. Dank an R. Templin für den Hinweis!

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