13.12.2006

Tucholsky zieht wieder in die Schlacht

Das hätte sich Tucholsky wohl nicht träumen lassen. Mehr als 88 Jahre, nachdem er als Feldpolizeikommissar seinen Dienst im deutschen Heer quittierte, darf er noch mal in eine Schlacht ziehen. Zum Glück in eine ganz unmilitärische, denn bei der Darmstädter Dichterschlacht geht es darum, andere lebende und tote Dichterkollegen aus dem Feld zu schlagen. Im „Darmstädter Echo“ heißt es dazu:

Vier Schauspieler der „Theaterquarantäne“ werden dafür in Kostüme schlüpfen und Lyrik und Prosa von Schiller, Tucholsky, Gertrude Stein und der 1999 verstorbenen britischen Autorin Sarah Kane vortragen. Jan Büttenbender von der „Theaterquarantäne“ wird den Abend moderieren. Vier slamerfahrene Poeten, darunter Nora Gomringer und Alex Dreppec, treten für die lebenden Dichter auf.

Vermutlich dürfte Tucholsky noch postum ganz aufgeregt sein. Denn es ist mit Sicherheit sein erster Poetry Slam. Diese Art des Dichterwettstreites wurde erst vor 20 Jahren in den USA erfunden.

29.5.2006

Das Gegenteil von Adof


„Ist Kurt Tucholsky noch der Größte?“
titelt Michael Angele heute in der Netzeitung. Anlass für diese Frage, die nur rhetorisch gemeint sein kann, ist eine „Neuausgabe“ des „Deutschland, Deutschland über alles“-Buches. Als „Die beste Kritik zur Lage der Nation“ hat Herausgeber Timo Rieg diese Ausgabe bezeichnet.

Eine Behauptung, die Angele anhand der Originaltexte überprüfen möchte. Dabei kommt er zu dem wohl naheliegenden Schluss, dass sich seit den Zeiten Tucholskys viel verändert hat:

Nicht nur im deutschen Verkehr. Auch das Verhältnis zu Militarismus und Obrigkeit ist ein anderes geworden, die „Beamtenpest“ scheint nicht mehr unbesiegbar, die Presse mag gegängelt werden, die Justiz sich irren, die selben sind sie nicht mehr. Nein, was bleibt, ist eine einmalige, unverkennbare Stimme, die über die Zeiten hinweg aus den Texten von „Deutschland, Deutschland über alles“ spricht.

Um diese Stimme zu beschreiben, bedient sich Angele einer eleganten Methode:

Sie enthält alles, was dieser fehlt:

„Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst nichts: nichts, nichts, nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht (…). Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, – nichts.“

Wer mit dieser Beschreibung gemeint ist, steht hier. An Tucholskys Einschätzung hat sich auch durch Bruno Ganz hoffentlich nichts geändert.

Das Eine-Million-Euro-Gedicht

Diese Frage war aber wirklich schwer. Von wem stammen die Verse „Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten, Gott sei Dank!“ wurde Günther Jauch am Samstag in seiner eigenen Show gefragt. War es A: Kurt Tucholsky, B: Erich Kästner, C: Heinz Erhardt oder D: Joachim Ringelnatz? Die richtige Antwort steht hier. Da Jauch sie nicht wusste, riskierte er lieber nicht die auf dem Spiel stehenden 500.000 Euro und ließ sie direkt der Deutschen AIDS-Stiftung zukommen.

Ernsthaft in die Auswahl wären als Antworten wohl nur C und D gekommen. Denn Kästner reimte irgendwie anders, und Tucholsky hat sich offenbar so wenig für Fußball interessiert, dass der Sport ihm nicht einmal ein kritisches Gedicht wert war. So schrieb er 1932 von Wien aus an seine Freundin Hedwig Müller:

Was da so brüllt, sind die Zuschauer eines Fußballmatches in der Nähe. Wofür sich die Leute so begeistern können, wie?

Wobei an der richtigen Antwort D wiederum erstaunt, dass der Autor des Gedichtes schon 1934 gestorben ist. Was lange wahnt, wird nicht immer gut.

30.4.2006

Die ganze Empfehle

Der Benimmonkel der Zeit wurde diese Woche mit einer Frage behelligt, die wohl jeder gerne für beantwortet hätte. Wie halte ich eine gute Rede? Was im dargestellten Falle noch dadurch verschärft wird, dass ein 21-jähriger Enkel eine Tischrede zum 85. Geburtstag seines Großvaters halten soll. Michael Allmeier beantwortet die „Geschmacksfrage“ in seinem Text „Das ganze Gerede“ natürlich sehr pädagogisch, und wird am Ende dann doch etwas konkreteter:

Wenn Sie sich vorbereiten wollen, lesen Sie Tucholskys Ratschläge für einen schlechten Redner. Die sind fast so alt wie Ihr Großvater, aber noch immer unerreicht. Da geht es darum, wie man lernt, schlecht zu reden. Natürlich nur, damit man nicht auf den schlechten Rat hört und das Gegenteil macht. Mit so einem einfachen Dreh macht Tucholsky das dröge Thema lustig. Sicher fällt Ihnen für Ihre Rede auch so etwas ein.

Und wenn die Zeit das schon meint, sollten die „Ratschläge für einen schlechten Redner“ niemandem vorenthalten werden.

16.4.2006

63 Minuten Glück

Nach dem Wegfall der Urheberrechte haben sich gleich mehrere Verlage auf Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“ gestürzt. In diesem Jahr erscheinen bei Diogenes, dtv, Husum und Reclam Neuausgaben von „Rheinsberg“. Eine neue Hörbuch-Edition von Diogenes hat sich dagegen die Berliner Zeitung angeschaut, beziehungsweise -gehört. „Schokoladenkind“ Abini Zöllner war davon recht angetan:

Helene Grass liest dieses „Hörbuch für Verliebte“ erfrischend, macht die Charaktere sympathisch und aus einer Stunde einen Gewinn. Das Glück dauert genau 63 Minuten, ist wunderschön verpackt, hat ein ausführliches Booklet, anmutige Illustrationen und erscheint, natürlich, im Wonnemai. Und – das ist versprochen – es huscht nicht an einem vorüber.

Wozu eigentlich noch selber lesen?

9.4.2006

Fritze Griinbaum

Wenn es darum geht, Originalaufnahmen aus der kabarettistischen Frühzeit zu präsentieren, ist der Berliner Regisseur und Produzent Volker Kühn nicht weit. Die bereits vor einem Jahre von Kühn herausgegebene Doppel-CD „Das Cabaret ist mein Ruin“, die dem österreichischen Kabarettisten Fritz Grünbaum gewidmet ist, hat die FAZ nun in ihrer Ausgabe vom Samstag besprochen. Autor Uwe Ebbinghaus kommt in seinem Text „Mit Heineschem Zug“ gleich zur Sache:

Am Anfang hieß das Kabarett überall noch Cabaret, war körperbetont, erotisch aufgeladen, und eines seiner Hauptverdienste bestand darin, die Uneingeweihten von der „Existenz des außerehelichen Geschlechtsverkehrs“ in Kenntnis zu setzen, wie Kurt Tucholsky einmal witzelte.

Dieser Witz stammt mehr oder weniger sinngemäß aus Tucholskys Text „Berliner Cabarets“ vom März 1913. In diesem Artikel wird Grünbaum nicht eigens erwähnt. Dass Tucholsky den Wiener Künstler durchaus kannte, zeigt eine Passage aus einem Text über Gussy Holl, der nur wenige Monate später erschien:

Sie ist der Spiegel. Sie kann Fritze Griinbaum nachmachen und Schneider-Dunker und die Waldoff’n.
Peter Panter: „Gussy Holl“, in: Die Schaubühne, 3.7.1913, S. 688

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeiteten Tucholsky und Grünbaum für Rudolf Nelsons Revue „Total Manoli“ zusammen. Grünbaum steuerte die Texte, Tucholsky den Titelsong bei.

In dem Artikel „Des deutschen Volkes Liederschatz“ bezog sich Tucholsky wenige Jahre später auf Grünbaums populäre Schlagertexte:

Was aber sind alle diese schönen Lieder, wie:
    Am Hügel, wo der Flieder blüht,
    und eine Rosenhecke glüht und:
(…)
Da mögen Welsche und Polen, Tschechen und blatternasige Kosaken dräun: solange wir solche Lieder haben, kann Deutschland nicht untergehn. Der Text stammt von zwei wiener Juden.

Wen Tucholsky mit den „zwei wiener Juden“ tatsächliche gemeint hat, ist unklar. Fest steht nur: Den Schlager „Dort unterm Baum“ , aus dem die obigen Verse entnommen sind, hat der im tschechischen Brünn geborene Jude Grünbaum geschrieben.

Kleine CD-Hörprobe gefällig?

28.3.2006

Wo gekalauert wird

Also, was die taz heute auf ihrer Wahrheit-Seite an Dichter-Anekdoten präsentiert, das ist ja ungeheuerlich. Da berichtet Thomas Schäfer über eine geradezu unglaubliche Begebenheit in der Weltbühne-Redaktion:

Wieder einmal hatte Kurt Tucholsky dem Schriftleiter der Weltbühne, Siegfried Jacobsohn, ein, diesmal unter dem Pseudonym „Ignaz Wrobel“ verfasstes, die Spitzen der Weimarer-Republik-Gesellschaft böse aufs Korn nehmendes politisches Feuilleton auf den Redaktionstisch gelegt, das so heikel war, dass Jacobsohn erhebliche Schwierigkeiten mit Zensur-, Polizei- und sonstigen Behörden befürchtete und Tucholsky bat, den Artikel ein wenig abzumildern. Tucholsky jedoch winkte ab, bezichtigte seinen Auftraggeber der Feigheit und verließ dessen Büro mit dem Hinweis: „Wo gewrobelt wird, da fallen eben Späne.“

Also, wenn man der apokryphen Kalauer-Forschung Glauben schenken darf, kann es sich bei diesem Manuskript nur um den Text „Ludendorffs Luderleben“ gehandelt haben, wobei Jacobsohn jedoch weniger Schwierigkeiten mit Zensur und Polizei befürchtete, sondern…

15.3.2006

Neues Chanson

Die FAZ wartet in ihrer heutigen Literaturbeilage mit einer literarischen Rarität auf. In einem Artikel, der sich mit Ruth Berlaus Erzählungen über das kärgliche Liebesleben der Frauen befasst, schreibt Autor Dieter Bartetzko:

„Im alten Stile leben wir geregelt. Und nur am Sonnabend, da wird ,gekegelt‘ – das ist die älteste Gymnastikart.“ Dieses Chanson, 1926 von Kurt Tucholsky verfaßt, tönt noch heute von jeder Kleinkunstbühne.

Das Lied mag zwar tatsächlich in einigen Kabaretts gesungen werden. Aber von Tucholsky ist es deswegen trotzdem noch nicht.

8.3.2006

Linkes Lachen

Die Wochenzeitung Jungle World beschäftigt sich in ihrer heutigen Ausgabe ausgiebig mit dem Thema „linker Humor“. Ob das etwas mit dem Weltfrauentag zu tun hat, wird nicht erklärt.

In den Artikeln „Die SPD, juchhee, juchhee, juchhee!“ von Gerhard Henschel, „Ernst der Lage“ von Kay Sokolowsky sowie in einem Interview mit Martin Buchholz geht es irgendwie auch um Tucholsky.

Richtig schlimm dagegen ist das, was dabei rauskommt, wenn „Linke aller Couleur“ nach ihrem Lieblingswitz gefragt werden. Vielleicht haben die lustigen Linken die Anfrage auch nur mit dieser Aktion verwechselt.

Extreme Historie

Etliche Wochen nach der FAZ hat nun auch die Frankfurter Rundschau ein Buch des Historikers Riccardo Bavaj rezensiert, das sich mit „linkem, antiparlamentarischem Denken in der Weimarer Republik“ beschäftigt.

Sowohl die FAZ als auch die FR tun sich schwer damit, das Buch einzuordnen. Bavaj lasse zwar keinen Zweifel daran, dass die Weimarer Republik im wesentlichen von rechts zerstört wurde. Mit der Einschränkung:

Doch auch von links suchten extremistische Kräfte, der ersten Demokratie ein Ende zu bereiten. Auch diese Seite brachte einen Extremismus hervor, der beständig gegen die Weimarer Republik agitierte, sie bekämpfte, sie mit ideologischer Energie zu überwinden trachtete.

Nun sollte einen wundern, dass sich Bavaj in seinem Buch überhaupt mit der Weltbühne beschäftigt. Wenn Journalisten wie Carl von Ossietzky oder Kurt Tucholsky des Linksextremismus bezichtigt werden, stellt sich in der Tat die Frage, was die normale Linke gewesen sein soll. Etwa die SPD? Auch der FR gefällt diese Einordnung nicht:

Erstens verwendet Bavaj den nicht leicht universalisierbaren Terminus des Linksextremismus für die Weimarer Republik, ohne ihn näher zu erläutern. So läuft er Gefahr, manche durchaus ambivalente Position von vornherein zu stigmatisieren und zu enthistorisieren. Andere Begriffe wie Linkskommunismus, -sozialismus und -radikalismus, die oftmals nur in Nuancen zu variieren scheinen, kann er nicht von ihren Unschärfen befreien.

Festzuhalten bliebe, dass Bavaj die Weltbühne zu den Vertretern des Linkssozialismus innerhalb des damaligen Kulturlebens rechnet. Was durchaus zutreffend ist, wenngleich es nichts darüber aussagt, welche Stellung die Zeitschrift zu Demokratie und Parlament bezog.

Ein wenig merkwürdig erscheint, wie sehr sich FAZ-Rezensent Joachim Radkau auf Aussagen Tucholskys und Ossietzkys stürzt, als gäben die beiden besonders gute Beispiele dafür ab, wie die Weimarer Republik von links unterminiert wurde. Wobei er später zu dem Schluss kommt:

Nicht jede Kritik am aktuellen Parlamentsbetrieb zeugt von Demokratiefeindschaft, ganz im Gegenteil: Die Demokratie braucht solche Kritik.

Wie überraschend.

Bei der FR schafft es Tucholsky mit dem Begriff „Ri-Ra-Rücksichten“ sogar in die Überschrift der Rezension. Es ist aber bezeichnend, wie der Ausdruck innerhalb des Textes Verwendung findet:

Ihr Hass galt zuvorderst Parlament und Parteien, deren Partikularinteressen, Kompromisslertum und „Ri-Ra-Rücksichten“, wie Tucholsky einst spottete.

Im Original hat die Rücksichtnahme überhaupt nichts mit Hass oder Spott zu tun. Als Chefredakteur der Satirebeilage Ulk gebrauchte Tucholsky den Ausdruck in einem Brief vom 27.12.1918 (!) an den Schriftsteller Hans Erich Blaich:

Mit den Zeichnern will ich versuchen, was ich machen kann. Es ist zur Zeit sehr schwer – und künstlerisch ist die ganze Aufgabe ja überhaupt nicht lösbar, wegen der Ri-Ra-Rücksichten. Aber gründet vielleicht ein idealer Billionär ein gutes, großes, deutsches Witzblatt und stellt mich als Redaktionssekretär ein? Mit nichten.

Wenn das Jammern über fehlende künstlerische Freiheit schon als linksextremer Antiparlamentarismus ausgelegt wird, dann hat die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen den zukünftigen Historikern viel Stoff für dicke Wälzer geliefert.

Nebenbei bemerkt: Laut FAZ schmähte Ossietzky mit Heinrich Brüning „den letzten parlamentarisch gewählten Reichskanzler der Weimarer Republik“. Räusper. Laut Artikel 53 der Weimarer Verfassung wurde der Reichskanzler nicht vom Reichstag gewählt, sondern vom „Reichspräsidenten ernannt und entlassen“. Das galt auch für Brüning. Und im Gegensatz zu der großen Koalition unter Hermann Müller (SPD) stützte sich die Regierung Brüning eben nicht mehr auf die Mehrheit des Reichstages, sondern nur noch auf das Vertrauen des Reichspräsidenten, der nun einmal Paul von Hindenburg hieß.

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