27.10.2019

Relotius, Moreno und das „weltbekannte Faktenluder“

Es ist nicht unbedingt jedem Buch zu wünschen, dass die erste Auflage schnell ausverkauft ist, damit die zweite umgehend nachgedruckt werden kann. Bei Juan Morenos Buch „Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ (Rowohlt, 18,- Euro) trifft das jedoch zu. Der Wunsch rührt nicht nur daher, dass das aufschlussreiche Aufarbeitung des Relotius-Skandals beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel von vielen Menschen gelesen werden sollte.

Hinzu kommt noch die Möglichkeit, dass mit einer zweiten Auflage Fehler getilgt werden. Beispielsweise ein falsches Tucholsky-Zitat, das sich auf Seite 100 eingeschlichen hat. „Das Leben ist gar nicht so, es ist ganz anders“ wird dort dem Kapitel 5 vorausgestellt.

Aber moment mal: Ist der Aphorismus nicht eines der bekanntesten Tucholsky-Zitate? Veröffentlicht im August 1925 in der ersten „Schnipsel“-Sammlung? Dort heißt es:

Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: „Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.“

Das ist zweifellos ein Zitat von Tucholsky. Was auch bei Moreno nicht anders ist. Allerdings stammt es bei ihm nicht von Kurt, wie man es erwarten würde, sondern von dessen zweiter Frau Mary. Wie kann das sein?

Von Mary Gerold-Tucholsky ist vor allem bekannt, dass sie Zeit ihres Lebens darauf bedacht war, mit ihrer eigenen Person im Hintergrund zu bleiben und nach dem Zweiten Weltkrieg das literarische Erbe ihres 1935 im schwedischen Exil gestorbenen Mannes zu sammeln und zu verbreiten. Erst kurz vor seinem eigenen Tod hat sich Tucholsky-Herausgeber Fritz J. Raddatz getraut, umfangreiche Passagen aus Marys Briefen zu veröffentlichen. Sollte Moreno etwa dort das Zitat entdeckt und übernommen haben? Und damit gleichzeitig belegen, dass Kurt Tucholsky gar nicht der eigentliche Urheber ist?

Da sich das Zitat nicht in „Tucholsky – Eine biografische Momentaufnahme“ findet, hilft nur eine direkte Nachfrage bei Moreno selbst. Dieser verweist in seiner Antwort tatsächlich auf Raddatz. Allerdings nicht auf das Tucholsky-Büchlein, sondern auf dessen 2003 erschienene Autobiografie „Unruhestifter“. Dort habe Raddatz das Zitat Mary zugeschrieben.

Nun ist bei Raddatz bekanntlich Vorsicht angesagt. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bezeichnete ihn nicht ganz unbegründet als „das weltbekannte Faktenluder“. Im „Unruhestifter“ findet sich auf Seite 233 tatsächlich die entsprechende Passage. Darin schreibt Raddatz:

Mary Tucholskys betrügerisch sie liebender Mann hat geschrieben – ein mir von ihr in vielen Widmungen zitierter Satz: „Das Leben ist gar nicht so, es ist ganz anders.“

Auch wenn nicht ganz klar ist, was der zweite Teil des Satzes genau meint, aus dem ersten geht eindeutig hervor, dass Kurt der Urheber des Satzes ist.

Ein solches Missverständnis kann jedem einmal passieren. In einem Buch, in dem es vor allem darum geht, warum beim Spiegel die Faktenkontrolle versagte und der Reporter Claas Relotius eine Märchengeschichte nach der anderen fabrizieren konnte, ist ein solcher Lapsus aber besonders ärgerlich. Einmal kurz gegoogelt, und Moreno hätte herausgefunden, dass Kurt Tucholsky der Urheber ist und Raddatz obendrein die Interpunktion des Originals verändert hat. Dass Morenos Buch in Tucholskys Hausverlag Rowohlt erschienen ist, macht die Sache nicht besser.

Und leider passt es auch zu den Vorwürfen, die Relotius selbst gegen Moreno erhoben hat. So behauptet Moreno am Ende des Buches, dass Relotius von einer Spiegel-Sekretärin in Hamburg auf dem Fahrrad gesehen worden sei, obwohl er einem Ex-Kollegen versichert habe, sich in Süddeutschland in einer Klinik aufzuhalten. Das will Moreno von dem Kollegen erfahren haben. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schreibt dazu:

Darf man eine solche Anekdote, vor allem eine so mächtige und prominent platzierte, allein auf der Grundlage von Hörensagen veröffentlichen, ohne wenigstens selbst mit der Sekretärin gesprochen zu haben?

Für Niggemeier „ist es besonders ärgerlich, dass sich Moreno so angreifbar gemacht hat“.

Dabei beschreibt Moreno in langen Passagen des Buches, welchen Rechercheaufwand er betreiben musste, um das Lügengebäude von Relotius zum Einsturz zu bringen. So suchte er im Netz stundenlang nach einer Person, die auf einem Foto in dem Artikel abgebildet war, den er zusammen mit Relotius geschrieben hatte (warum er die umgekehrte Bildersuche nicht nutzte, bleibt unklar).

Da die vielen E-Mails mit Indizien den verantwortlichen Spiegel-Redakteuren Matthias Geyer und Ullrich Fichtner nicht ausreichten, fuhr Moreno sogar auf eigene Faust nach Arizona, um die vermeintlichen Gesprächspartner Relotius‘ aufzuspüren. „Wenn meine Chefs tatsächlich diese E-Mails nicht verstanden haben, frage ich mich, wie sie es an die Spitze des deutschen Journalismus geschafft haben“, kritisiert Moreno. Allerdings schreckte Relotius selbst vor dem Fälschen von E-Mails und Facebook-Seiten nicht zurück, um seine Chefs von seiner Version der Geschichte zu überzeugen. Moreno gab aber nicht auf und lieferte die entscheidenden Hinweise.

Das alles liest sich nicht besonders schmeichelhaft für den Spiegel und die ganze Reporterzunft, die sich gerne mit namhaften Journalistenpreisen schmückt. Moreno kritisiert deutlich die Privilegien der „Starreporter“ beim Spiegel, die eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft etablierten.

So eine Konstruktion ist eine grandiose Rezeptur für ein katastrophales Betriebsklima, da sich Edel-Reporter oft die besten Themen schnappen. Fachredakteure haben möglicherweise über Jahre Expertise aufgebaut, der Reporter trifft sich mit einigen Gesprächspartnern, schreibt fünf, sechs knackige Seiten und lässt nicht selten einen Haufen verbrannter Erde zurück.

Moreno verteidigt dennoch die Reportage gegen Fundamentalkritik anderer Journalisten. Was legitim ist.

Nicht behandelt wird bei Moreno aber die Frage, ob es sinnvoll ist, für Reportageressorts wie im Spiegel große Summen bereitzustellen, während die Politikberichterstattung gekürzt wird. Oder was es bringt, schönschreibende Starreporter in Krisenregionen einzufliegen, während die Zahl der dauerhaften Auslandskorrespondenten immer geringer wird. Da Moreno selbst „nur“ freier Journalist und kein angestellter Redakteur ist, fehlt ihm die Innenperspektive, um die Situation nicht nur vom Hörensagen zu schildern. Anders bei den früheren Spiegel-Redakteure Horand Knaup und Hartmut Palmer, die im Mai 2019 in der taz ausführlich beschrieben haben, welche systemischen Ursachen hinter dem Relotius-Skandal stecken.

Bleibt zu hoffen, dass bei Rowohlt die Fehlerkultur besser als beim Spiegel ist und das falsche Tucholsky-Zitat in Folgeauflagen oder unmittelbar beim E-Book verschwinden. Sonst muss der gar nicht böse Tucholsky-Bot demnächst nicht nur angebliche Zitate von Kurt, sondern auch solche von Mary korrigieren.

9.4.2019

Die Weltbühne und das Bauhaus

Im April 2019 jährte sich zum 100. Mal die Gründung des Bauhauses in Weimar. Gut ein Jahr vorher, im April 1918 und noch mitten im Ersten Weltkrieg, hatte die frühere Theaterzeitschrift „Die Schaubühne“ ihren neuen Namen „Die Weltbühne“ erhalten. Sowohl die Zeitschrift als auch die Kunstschule stehen auf ihrem Gebiet exemplarisch für einen weltoffenen und modernen Geist im Deutschland der Weimarer Republik. Die „Weltbühne“ für einen linksintellektuellen, der Völkerverständigung und dem Pazifismus verpflichteten Journalismus, das Bauhaus für einen Aufbruch in der Architektur hin zu mehr Funktionalität, Einfachheit und Sachlichkeit. Beide Ikonen der Weimarer Republik sind mit dieser untergegangen und haben als ihr eigener Mythos die Zeiten überdauert.

Überdauert haben glücklicherweise auch die 45.000 Texte der „Schau“- und „Weltbühne“. Angesichts der Rolle des Bauhauses in der Weimarer Republik wundert es nicht, dass sich diese Bedeutung in vielen Texten widerspiegelt. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Fragen oder um Architekturkritik. Auch die soziale Bedeutung des Bauens in der Weimarer Republik und die Pädagogik der Bauhauses spielten eine wichtige Rolle. Und natürlich die politischen Debatten über die diversen Versuche, die Schule an ihren Standorten in Weimar, Dessau und Berlin zu bekämpfen. Darüber hinaus gab es sogar einen gegenseitigen Austausch, der über die kritische Analyse und Würdigung des Bauhauses in der „Weltbühne“ hinausging.

In den gut 14 Jahren zwischen der Gründung des Bauhauses und dem Verbot der Zeitschrift durch die Nationalsozialisten im März 1933 sind in der „Weltbühne“ knapp 40 Texte erschienen, in denen das Bauhaus ausführlich diskutiert oder zumindest am Rande erwähnt wurde. Bemerkenswert in diesem Fall: Sowohl der erste Text aus dem September 1923 als auch der letzte aus dem Januar 1933 stammen von Adolf Behne, der mit mehr als 70 Artikeln der führende Architekturkritiker der Zeitschrift war. In den zehn Jahren dazwischen befassten sich der ungarische Schriftsteller und Kunstkritiker Ernö (Ernst) Kállai, der Stadtplaner und Architekturkritiker Werner Hegemann, die Künstlerin Dora Wentscher, der Filmkritiker Rudolf Arnheim, der Kunsthistoriker Ferdinand Eckhardt sowie der Architekt und frühere Bauhäusler Ernst Blumenthal intensiver mit dem Bauhaus an seinen drei Standorten.

Doch nicht nur das. Die „Weltbühne“ verstand sich in gewissem Umfang auch als Mitteilungsblatt der Schule. So hieß es im August 1928 in der Rubrik „Antworten“:

„Das Bauhaus, Hochschule für Gestaltung in Dessau, beginnt sein diesjähriges Wintersemester am 30. Oktober, Anträge zur Aufnahme in das erste Semester können schon jetzt gestellt werden. (…) Lehrkräfte: L. Feininger, W. Kandinsky, Paul Klee, Hannes Meyer, Oskar Schlemmer, J, Albers, H. Scheper, J. Schmidt, Gunta Stölzl, Hanns Wittwer, Mart Stam, zwei Ingenieure, drei Dozenten im Nebenamt und zwei Dozenten für Sport. Aufnahmegebühr 10 RM., 1. und 2. Semester je 60 RM, Nähere Bedingungen durch das Bauhaus-Sekretariat, Dessau (Anhalt).“

„Antworten“, Nr. 33, 14.8.1928, S. 266

Offenbar war der damalige Chefredakteur Carl von Ossietzky der Ansicht, dass unter den „Weltbühne“-Lesern potenzielle Bauhaus-Schüler zu finden seien.

Das dachte wohl auch das Bauhaus selbst. Denn am 28. April 1925 fand sich folgende Kleinanzeige in der Zeitschrift:

Leider sind die vollständigen Umschläge der „Weltbühne“ mit ihren Anzeigen nicht digitalisiert worden, so dass sich nicht ermitteln lässt, wie regelmäßig solche Anzeigen erschienen. Über deren Erfolg lässt sich nur spekulieren.

Eine erste Begegnung mit dem Bauhaus erfuhren die „Weltbühne“-Leser am 20. September 1923. Anlass für die umfangreiche Würdigung der ersten vier Jahre durch Behne war die erste Bauhaus-Ausstellung von August bis September 1923 in Weimar, eingeleitet durch eine „Bauhaus-Woche“. Behne war voll des Lobes für die Arbeit von Bauhaus-Gründer Walter Gropius:

„Diese Bauhausarbeit zu unterschätzen, wäre ungerecht, fragen wir, wo in Deutschland seit Kriegsende eine neu aufbauende, kühne und zähe, eine vorurteilslose und großgesinnte Arbeit im Gebiet der bildenden Künste geleistet wurde, so werden wir außer dem Weimarer Bauhaus nicht viel finden. (…) Es ist hier an vielen Dingen Kritik möglich, aber die große und entscheidende Leistung von Gropius zu verkennen, wäre unverantwortlich. Nicht das Weimarer Bauhaus, wie es ist, aber das Weimarer Bauhaus, daß es ist und arbeitet, hat Deutschlands künstlerische Ehre in schwierigster, aber auch wichtigster Zeit verteidigt. In einer Zeit allgemeinster künstlerischer Indolenz an allen offiziellen Stellen war das Bauhaus ein Platz unabhängiger Arbeit, und dafür muß ihm gedankt werden. (…) Wir wiederholen: die Leistung ist trotz starker Einwände wichtig und bedeutend. Und wenn es Gropius gelingt, zu einer strengsten Klarheit … nicht von den Richtungen und den Personen, sondern von der Sache her zu kommen, so wird das Bauhaus bei der Zähigkeit und der großen Gesinnung von Gropius eine unschätzbare Arbeit leisten.“

Adolf Behne: „Das Bauhaus Weimar“, Nr. 38, 20.9.1923, S. 289

Kritisch sah Behne beispielsweise die Entscheidung, ein Einfamilienhaus „in den Mittelpunkt der Ausstellung“ zu stellen.

„Es wäre besser gewesen, eine ganz bestimmte und begrenzte Aufgabe zu wählen, eine, die nicht von der Stellung zu vorausgehenden Problemen abhängig ist. Das Wohnhaus ist verknüpft mit Dienstbotenfragen, mit Erziehungsfragen, mit oekonomischen und sozialen Problemen.“

Ebd.

Eher kritisch befasste sich die Künstlerin Dora Wentscher im Februar 1924 mit dem Ausbildungskonzept des Bauhauses.

„Wer erzieht uns eine Jugend, die dieser mechanischen, entgotteten Zeit neue lebendige Kräfte löse? Das Bauhaus in Weimar bemüht sich und rühmt sich, das zu tun. Es wäre das Wichtigste, ja das einzig Wichtige, was jetzt auf der Erde zu geschehen hat. Sehr ungern setzt man ein großes Fragezeichen hinter solches Streben.“ Laut Wikipedia hatte Wentscher selbst im Jahr 1922 einen Studienplatz in Weimar erhalten, ihn wegen einer Erkrankung der Mutter aber nicht antreten können. Daher scheint nicht ganz klar, inwieweit sie die folgende Kritik aus eigener Anschauung heraus formuliert: „Man gibt in Weimar den jungen Leuten ein halbes Jahr lang aller Art Materialien in die Hände: Ton, Blech, Holz, Farben, Fäden, Papier, Eisen, Gewebe. Wie junge Wilde formen sie daraus, was der Geist ihnen eingibt. Man sucht ihren Sinn auf das Wesentliche und Lebendige zu richten. So spielend sollen sie allmählich finden, in welchem Material sie am leichtesten sich auszudrücken vermögen. Dann erst wählen sie ein Handwerk, und die Ausbildung beginnt.
Ein höchst lebendiger Gedanke, ein vorzüglicher Auftakt zu persönlicher Arbeit scheint diese Probezeit. Dennoch ist dem Bauhaus seine schöne Absicht, das Elementare aus der Seele herauf in der Hände Arbeit zu fördern, bisher nicht geglückt.
Woran liegt das?
Zunächst wohl an der ewigen Unzulänglichkeit aller Reformer, die an Stelle des gewollten Ursprünglichen nur das Neue und Sonderbare geben.“

Dora Wentscher: „Erziehung zu schöpferischem Leben“, Nr. 09, 28.2.1924, S. 269

Wentscher empfahl statt dessen das Konzept der von Albrecht Merz in Stuttgart gegründeten Werkschule für Kinder und Arbeiter. „Sie scheint Das zu können, was das Bauhaus will: pro­duktive Kräfte im Menschen befreien“, schrieb die Künstlerin.

Einer Auffassung, der Behne nur wenige Wochen später entschieden widersprach:

„Was Herr Merz in Stuttgart macht, ist, wenn er verstehen wird, sich vor falschem Ambitionen zu hüten, nett und lobenswert. Die Arbeiten seiner Kinder beweisen wieder einmal, daß die Kunstgewerbeschulen mit ganz wenigen Ausnahmen ein kulturelles Verbrechen begehen, und daß man sie abbauen soll (oder man mache das Lehramt an ihnen erblich und überlasse sie ihrem Schicksal). Aber man verstehe doch endlich, daß aus dem glücklichen Spiel des Kindes schlechterdings keine Brücke zur Gestaltung einer modernen Stadt führt. (…) Nicht das also ist die Aufgabe moderner Erziehung, das Kind zu konservieren, sondern es zur Reife zu entwickeln. Nur keine Sentimentalitäten! Das Problem, das sich das Bauhaus – hoffentlich immer klarer! – stellt, ist bei Herrn Merz vorläufig noch gar nicht berührt.“

Adolf Behne: „Hoffmann, Taut, Gropius, Merz“, Nr. 15, 10.4.1924, S. 471

Der nächste Text Behnes ist hochaktuell und verdient es, in voller Länge dokumentiert zu werden. In „Abbau der Kunst“ vom 13. Januar 1925 kommentierte Behne die Vertreibung des Bauhauses von Weimar nach Dessau als Versuch der „Reaktion“ gegen eine ihr ungenehme Kunstrichtung:

„Jedes Kunstwerk spiegelt in der Ordnung seiner Elemente die allgemeinen Ordnungsprinzipien seiner Zeit. Deshalb steht heute mit Notwendigkeit das abstrakte Bild und jede elementare künstlerische Gestaltung im Mittelpunkt eines erbitterten Kampfes, denn sie sind Prototypen einer allgemeingültigen Ordnung von betont sozialem Charakter. Deshalb gilt der abstrakten Kunst, dem Neo-Plastizismus, wie ihn Mondrian unerschüttert vertritt, der erbitterte Kampf aller am Kapitalismus Interessierten. Deshalb sieht das abstrakte Kunstwerk gegen sich in gemeinsamer Front Fascisten, Nationalisten und Demokraten.“

Adolf Behne: „Abbau der Kunst“, Nr. 02, 13.1.1925, S. 57

Vielleicht hätte die derzeitige Leiterin der Dessauer Bauhaus-Stiftung, Claudia Perren, den Artikel Behnes gelesen haben sollen, bevor sie in der Debatte um einen Auftritt der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet erklären ließ: „Wir als Bauhaus sind ein bewusst unpolitischer Ort.“ Behne schrieb dem damaligen Bauhaus-Chef Gropius ins Stammbuch, der ebenfalls unpolitisch sein wollte:

„Alle politische Enthaltsamkeit hat dem Bauhaus nichts genützt. Und wie könnte es auch anders sein? Es ist Utopie, in einer politisierten Umwelt apolitisch sein zu wollen. Wer nicht aktiv politisch sein will, muß es passiv sein. Und wenn Politik ein Übel sein sollte, so ist passive Politik das größere. Das Schicksal des Bauhauses ist dafür Beweis. Es war schließlich nur noch ein Spielball zwischen den politischen Parteien, und es findet sein Ende nicht in einem offenen Kampf um künstlerische Prinzipien, wie es das als ein ehrenhaftes Ende gewiß für möglich gehalten hat, sondern Politiker treiben es aus politischen Gründen zur Selbst-Auflösung.“

Ebd.

Foto: Lelikron, Lizenz: CC-by-SA 3.0, Original bearbeitet

Diese Selbst-Auflösung hat es zum Glück nicht gegeben. An seinem neuen Standort in Dessau setzte das Bauhaus noch sieben Jahre seine Arbeit fort. Zunächst unter Gropius, von 1928 an dann unter dem Schweizer Hannes Meyer. Sehr angetan war der damals 22 Jahre alte Filmkritiker Arnheim von den neuen Bauhaus-Gebäuden.

„Der Wille zur Sauberkeit, Klarheit und Großzügigkeit hat hier einen Sieg errungen. Durch die großen Fenster kann man schon von außen den arbeitenden Menschen auf die Finger, den ruhenden in ihr Privatleben sehen. Jedes Ding zeigt seine Konstruktion, keine Schraube ist versteckt, keine schmückende Ziselierkunst verheimlicht, welches Rohmaterial da verarbeitet worden ist. Man ist sehr versucht, diese Ehrlichkeit auch moralisch zu werten.“ In seiner weiteren Beschreibung zeigt sich schon der Einfluss der Psychologie auf den jungen Arnheim: „Während in einem Zimmer, das von schiefen Portieren durchkreuzt ist, in dem ein Sofa über Eck steht und zehn verschieden große, vollbeladene Tischchen wahllos aufgebaut sind, kaum irgendein Zwang dafür besteht, wie eine neue Stehlampe gestellt werden muß, läßt sich in einem solchen Bauhausraum der Platz jedes Dinges beinahe gesetzlich festlegen. Man wird bald auch theoretisch begreifen lernen, daß es sich hier gar nicht um subjektive Geschmacksdinge handelt, sondern daß so ein ‚Gefühl‘ ein sehr sichres und allgemeingültiges psychologisches Phänomen ist, das bei den verschiedenen Menschen zu sehr ähnlichen Resultaten führt. Deshalb kann man selbst bei diesen Aufgaben von ’sachlich zwingenden Lösungen‘ sprechen.“

Rudolf Arnheim: „Das Bauhaus in Dessau“, Nr. 23, 7.6.1927, S. 920

Der Wechsel von Gropius zu Meyer wurde in der „Weltbühne“ nur am Rande erwähnt. „Das Bauhaus konnte sich den Abgang von Gropius leisten, es besteht schließlich kaum erst zehn Jahre, man kann noch gespannt sein, was es nun macht“, schrieb ein Florian am 20. März 1928 in einem Artikel über die Freie Schule Wickersdorf.

Ein Hinweis über eine stärkere Politisierung des Bauhauses zeigt sich in einem kurzen Hinweis in den „Antworten“ vom 24. Dezember 1929: „Bauhaus Dessau. Ihr sucht Verbindung mit jungen und jüngsten Bühnendichtern extremer Haltung; erwünscht sind vor allem Sketchs, kurze Stücke, Szenerien, die sich für Eure Theaterexperimente eignen.“

Gerade die Erwähnungen in den Jahren 1929 und 1930 zeigen, dass das Bauhaus schon als Topos in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen war. So schrieb Kurt Tucholsky im August 1929 in dem Vorwort zu einem Fotoband:

„Gegenüber – auf dem Blatt 52 von Hinnrich Scheper – schwimmt die neue Zeit; selbstverständlich Bauhaus Dessau, eine zweidimensionale Frau … Frau: Platz; Stil: Sieg.“

Peter Panter: „Neues Licht“, Nr. 35, 27.8.1929, S. 323

Arnheim schrieb im Januar 1930 in einer Filmkritik:

„Unsre Manuskriptautoren pflegen ja ihre Werke aus Steinchen zusammenzusetzen, die ein für allemal fest- und zurechtgelegt sind: ein junger ungarischer Offizier, ein Eisenbahnunfall, die Bauhausmöbel im Privatkontor, ein kleines Ladenmädel, ein Porträtmaler, ein Staatsanwalt im Smoking, eine Kaschemme … und daraus zimmern sie sich immer neue Kombinationen.“

Rudolf Arnheim: „Garbo und Feyder“, Nr. 03, 14.1.1930, S. 102

Der Schriftsteller Walter Mehring witzelte im Juli 1930 in seinem satirischen „Aufruf zur Gründung der Neuen Kaiser-Partei (N.K.P.)“:

„Unsre Regierungen gleichen den Bauhausfabrikaten: man weiß nicht, was oben und was unten ist; wo man den parlamentarischen Sitz vermutet, ist der Artikel 48 angebracht; und eh man sich dessen bedient, greift man schon lieber zum alten Plüsch.“

Walter Mehring: „Aufruf zur Gründung der Neuen Kaiser-Partei (N.K.P.)“, Nr. 31, 29.7.1930, S. 160

Allerdings wurde um das Jahr 1930 die Kritik am Bauhaus in der „Weltbühne“ deutlich schärfer. Den Anfang machte der ungarische Schriftsteller und Kunstkritiker Kállai, der zuvor unter Hannes Meyer die Zeitschrift „bauhaus“ geleitet hatte. In seinem Artikel zum zehnjährigen Bestehen des Bauhauses machte er sich über die Rezeption der Kunstschule in der Weimarer Republik lustig:

„Heute weiß jeder Bescheid. Wohnungen mit viel Glas- und Metallglanz: Bauhausstil. Desgleichen mit Wohnhygiene ohne Wohnstimmung: Bauhausstil. Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil. Lampe mit vernickeltem Gestell und Mattglasplatte als Schirm: Bauhausstil. Gewürfelte Tapeten: Bauhausstil. Kein Bild an der Wand: Bauhausstil. Bild an der Wand, aber was soll es bedeuten: Bauhausstil. Drucksache mit fetten Balken und Grotesklettern: Bauhausstil, alles kleingeschrieben: bauhausstil. ALLES GROSSGESPROCHEN: BAUHAUSSTIL.

Ernst Kállai: „Zehn Jahre Bauhaus“, Nr. 04, 21.1.1930, S. 135

Doch für diese Beliebigkeit des Bauhausstils machte Kállai die Bauhäusler selbst verantwortlich.

„Gropius und seine Mitarbeiter sind selbst schuld daran, daß dem Bauhaus ein wahrer Rattenschwanz von mehr oder minder üblen Kunstgewerblereien anhängt, die alle als Bauhausstil präsentiert werden. Wo hört der echte Bauhausstil auf, wo fängt der falsche an? Das Bauhaus hat ein schöngeistiges A gesagt und muß sich nun gefallen lassen, daß andre das B und alles Weitere dazufügen bis an ein scheußliches Ende.“

Ebd.

Kállai warf dem Bauhaus vor, die Möglichkeiten der modernen Bautechnik nicht wirklich zu nutzen, um beispielsweise die Wohnungsnot zu lindern:

„Es genügt nicht, zwar industrietechnische Massenherstellung zu forcieren, aber dabei im Entwurf ein, wenn auch schematisch reduziertes so doch ästhetizistisch-eigenwilliges Künstlertum über den Ingenieur siegen zu lassen.“

Ebd.

Auch Meyer habe das nach dem Weggang von Gropius und Moholy-Nagy nicht ändern können. Kallai schrieb:

„Doch so viel richtige Einsicht und guten Willen er auch zeigen mochte, zu durchgreifenden Änderungen hat er offenbar weder Sicherheit noch Kraft und Konsequenz genug. Seine Korrekturen sind bis heute Stückwerk geblieben und komplizieren die Lage nur, weil sie an das in Lehrkörper, Geist und Praxis immer noch vorherrschende Erbe des früheren Leiters stoßen, ohne es überwinden zu können.“

Ebd.

Noch schärfer ging der Kunsthistoriker Ferdinand Eckhardt ein Jahr später mit dem Bauhaus ins Gericht. Anlässlich der Deutschen Bauaustellung von 1931 in Berlin warf er dem neuen Bauhausleiter Ludwig Mies van der Rohe vor, sich mit seinen Ausstellungsmodellen nicht am wirklichen Bedarf der Zeit orientiert zu haben. Anstatt günstige Mietwohnungstypen zu präsentieren, habe man

„extravagante Luxuswohnungen in den Mittelpunkt desjenigen Saals gestellt, dem die größte pädagogische Bedeutung zukommt, weil er als einziger den Besucher nicht vor nichtssagende Tabellen oder vor unfertige und zusammenhanglose Waren stellt sondern vor wirkliche Räume und Häuser. Glaubt Mies van der Rohe, den wir bisher doch als einen bedeutenden Architekten schätzten, mit seinem Erdgeschoßwohnhaus, das er unmittelbar daneben von seiner Mitarbeiterin L. Reich wiederholen läßt, einen Zukunftstyp geschaffen zu haben, indem er an den brennendsten Fragen der Gegenwart vorübergeht? Wir brauchen heute keine Ausstellung der Wohnung des Menschen, der zuviel Geld hat.“

Ferdinand Eckhardt: „Epilog zur Bauhausausstellung“, Nr. 31, 4.8.1931, S. 194

Dadurch habe die Ausstellung ihre „große pädagogische Aufgabe“ verfehlt. „Es ist fast erschreckend zusehen, wieviele Menschen täglich dorthin kamen, um sich belehren zu lassen, und wie sie kopfschüttelnd herumirrten. Ist wirklich, wie wir immer geglaubt haben, die Architektur die fahrende Kunst unsrer Zeit? Und wo ist die Werktreue und Sachlichkeit, von der wir so schönes in den Büchern lesen?“, fragte Eckhardt.

Bekanntlich geriet das Bauhaus auch nach der Ablösung des „roten Direktors“ Meyer durch Mies van der Rohe nicht in ruhigeres Fahrwasser. Nach ihrem Wahlsieg in Dessau wollten die Nationalsozialisten eine Schließung des Bauhauses durchsetzen. Der frühere Bauhaus-Student Ernst Blumenthal rechnete aus diesem Anlass im Juli 1932 mit Mies van der Rohe ab. Unter der Leitung dieses „Kommunistenreinigers“ habe eine „folgerichtige Entwicklung zum Fascismus“ eingesetzt. Um nicht auf die Stimmen der Kommunisten im Dessauer Gemeinderat angewiesen zu sein, habe Mies van der Rohe gehofft,

„daß Gruppen, wie etwa die Wirtschaftspartei, für die Erhaltung des Hauses zu bewegen sein würden, wenn es mit eisernem Besen von allem gesäubert würde, was im Verdacht stand, kommunistisch zu sein. Man zog, weil man die wirklichen Gründe nicht offen bekanntgeben konnte, alle mögliche Anschuldigungen an den Haaren herbei, um gegen die als revolutionär bekannten Studierenden vorzugehen“.

Ernst Blumenthal: „Das Schicksal des Bauhauses“, Nr. 28, 12.7.1932, S. 86

So seien 16 Studenten entlassen worden, weil sie eine Einschränkung ihrer Rechte nicht hätten hinnehmen wollen. Blumenthal kam zu dem Schluss:

„Keiner der beteiligten Meister, weder Mies, noch Kandinsky, noch Albers, ist offener Fascist. Indem sie aber dem fascistischen Druck weichen und das Haus den Erfordernissen des Dritten Reiches anpassen, unterstützen sie in Wirklichkeit den Fascismus.“

Ebd.

Die Strategie blieb jedoch erfolglos. In ihrer „Wochenschau des Rückschritts“ hielt die „Weltbühne“ am 26. Juli 1932 fest:

„Im dessauer Gemeinderat hat nunmehr die Nazifraktion einen Antrag auf Schließung des Bauhauses zum 1. Oktober eingebracht. Der Antrag wird vermutlich mit den Stimmen der bürgerlichen Stadtverordneten angenommen werden.“

„Wochenschau des Rückschritts“, Nr. 30, 26.7.1932, S. 141

Wenige Wochen später schrieb Walter Mehring in seinem Artikel „Rückkehr zur Lebensfreude“ einen Satz, der von seiner Aktualität nichts eingebüßt zu haben scheint:

„Mehr und mehr bin ich davon überzeugt, daß die Aufgaben, die einst der augenblicklich jüngsten, spätestens aber der folgenden Generation zufallen werden, nicht so sehr in der Übertrumpfung unsrer Wirtschafts- und Schnelligkeitsrekorde als in der Wiedereroberung der persönlichen Freiheit bestehen werden.“

Walter Mehring: „Rückkehr zur Lebensfreude“, Nr. 33, 16.8.1932, S. 234

Mit Blick auf die Ereignisse in Dessau konstatierte er Mitte August 1932:

„Wie gefährlich die Unterschätzung der kritischen Vernunft, ja auch der Ästhetik war, lehrt jetzt der ‚Aufbauwille‘ der Gegenseite: Niederreißung des Dessauer Bauhauses, Ausschluß aller des Kulturbolschewismus, das heißt: des Denkens Verdächtigen, also – durch Verfolgung – negative Anerkennung vieler Linkskräfte, die bureaukratischer Parteihader dem eignen Lager entfremdet hatte.“

Ebd.

Zwei Wochen später hieß es in der „Wochenschau des Rückschritts“:

„Der Gemeinderat von Dessau hat den nationalsozialistischen Antrag auf Schließung des Bauhauses zum 1. Oktober angenommen.“

„Wochenschau des Rückschritts“, Nr. 35, 30.8.1932, S. 329

Doch schon eine Woche stellte der Architekturkritiker Werner Hegemann eine gewisse Reue in der konservativen Presse über die Schließung der Schule fest. „Nicht eine politsche Partei hat gesiegt sondern Kurzsichtigkeit, eine Eigenschaft jener Geister, die in politisch noch nicht geformten Zeiten sich gern als Regierende aufspielen“, zitiert er aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ). Zwar macht sich Hegemann in dem Text über Hitlers Buch „Mein Kampf“ lustig, „in deren Kloake er alle Lesefrüchte zusammenpanschte, die er halbverdaut wieder von sich geben musste“. Doch hielt er es am Ende für möglich, dass die Nationalsozialisten ebenso wie die Faschisten in Italien und die katholische Kirche für einen modernistischen Baustil entscheiden könnten.

„Wenn Hitler sich sein Präsidenten-Palais in Berlin errichten läßt, wird es sicher von Mies van der Rohe im dessauer Bauhausstil gebaut werden. Vorausgesetzt, daß man ihm ungestört die gesamte politische Macht einräumt, wird Adolf wie Mussolini und Friedrich der Große Geistesfreiheit gewähren.“

Werner Hegemann: „Nazi-Reue über Dessau“, Nr. 36, 6.9.1932, S. 369

Das war eine eklatante Fehleinschätzung, wie sich wenige Monate später herausstellen sollte. Aber schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 erklärte die „Weltbühne“ das Bauhaus für gescheitert. „Aus dem Bauhaus Dessau ist nunmehr ein ‚Unternehmen‘ des Herrn Mies van der Rohe geworden, das zwar aus spekulativen Gründen den Namen Bauhaus führt, von dem Geist dieser Schule aber nichts mehr spüren läßt. Das einzige Recht, das den Studierenden an dieser einstmals freien Schule geblieben ist, besteht darin, daß sie jährlich 300 bis 600 Mark an das Institut abzuführen haben“, schrieb Walther Karsch, der spätere Mitbegründer des Berliner Tagesspiegels. Sein abschließendes Urteil:

„Das Bauhaus galt bisher als die fortschrittlichste Kunstschule der Welt. Das Bauhaus ist tot. Der größte Teil, der Kunstschulen in Deutschland ist heute bereits fortschrittlicher als das Unternehmen Mies van der Rohes in Steglitz.“

„Antworten“, Nr. 51, 20.12.1932, S. 923

Doch damit war für die „Weltbühne“ das Kapitel Bauhaus noch nicht abgeschlossen. Die letzte Erwähnung der Kunstschule findet sich im vorletzten Text Behnes mit dem Titel „Wie werde ich deutsch und lebendig?“. In dem Text vom 17. Januar 1933 geht es um drei Ausstellungen, die die Kunstsammler Grete Ring, Paul Cassirer und Alfred Flechtheim von Dezember 1932 bis Februar 1933 in Berlin organisierten. Behle lobte darin:

„Die erste Abteilung haben sie jetzt mit Baumeister, Belling, Campendonck, Dix, Feininger, Fiori, Garbe, Grosz, Kandinsky, Kirchner, Klee, Levy, Nauen, Purrmann, Röder, Schlemmer, Sintenis und E. R. Weiß eröffnet. Es ist eine durchaus sehenswerte Ausstellung geworden, in der Schlemmers blendende ‚Bauhaustreppe‘ den Ehrenplatz hat.“

Adolf Behne: „Wie werde ich lebendig und deutsch?“, Nr. 03, 17.1.1933, S. 104

Ein durchaus passender Abschluss der kritischen Begleitung des Bauhauses durch die „Weltbühne“. Denn Oskar Schlemmer hat sein berühmtes Gemälde als Protest gegen die Schließung des Bauhauses in Dessau gemalt.

Nun ereilte die Zeitschrift selbst dieses Schicksal. Im März 1933 hätte sie sich selbst in die „Wochenschau des Rückschritts“ eintragen müssen.

24.12.2018

Der Fall Relotius und der Journalismus

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und viele andere deutschsprachige Medien sind einem Betrüger aufgesessen. Nach dem, was in den vergangenen Tagen bekannt wurde, hat ein gewisser Claas Relotius viele seine Texte ebenso gefälscht wie Konrad Kujau 40 Jahre zuvor die Hitler-Tagebücher. Der Stern brüstete sich damals damit, dass die Geschichte umgeschrieben werden müsse. Relotius hat mit seinen Texten ebenfalls versucht, die Geschichte ein bisschen umzuschreiben. Sind nun der Spiegel im speziellen, der deutschsprachige Journalismus im allgemeinen und die Form der Reportage in der Krise?

Diesen Fall zu einer Krise des gesamten Journalismus hoch zu schreiben, ist völlig überzogen. Das wäre genauso, als würde man wegen des jahrelangen Erfolgs des Hochstaplers Gert Postel das Gesundheitssystem als solches in Frage stellen. Die bislang bekanntgewordenen Vorwürfe gegen Relotius sprechen dafür, dass bei ihm viel kriminelle Energie im Spiel war, um seine Betrügereien zu vertuschen. Dass er offenbar arglose Leser dazu brachte, ihm Spendengeld für syrische Waisenkinder zu überweisen, zeigt eine Skrupellosigkeit, die über den Journalismus hinausreicht.

Zudem war Relotius anders als Postel kein Hochstapler, wie nun oft zu lesen ist (und von Postel ebenfalls bestritten wird). Relotius hat keine Qualifikationen oder Titel vorgetäuscht, um seinen Redakteursposten beim Spiegel zu ergattern. Journalist kann sich jeder nennen, der für journalistische Medien arbeitet. Er soll tatsächlich Journalismus an der Hamburg Media School studiert haben. Seine vielen Reporterpreise hat er sich ebenfalls nicht ausgedacht. Ebenso wie der Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg ordentlich promoviert wurde, erhielt Relotius die Preise für tatsächlich veröffentlichte Artikel. Doch etliche seiner journalistischen Preziosen waren nur vergoldetes Blech statt echtes Edelmetall.

Zugegeben: Journalisten sind wie die Angehörigen aller anderen Berufsgruppen nicht fehlerfrei. Darüber hinaus sind viele ihrer Texte tendenziös und nehmen es mit der Wahrheit bisweilen nicht so genau. Das Bildblog oder Uebermedien.de verschaffen einem täglich einen ernüchternden Überblick darüber. Doch wer in der aktuellen Boomphase ein Haus gebaut hat, kann ein Lied davon singen, wie viel in anderen Branchen schief läuft. Zudem hat der jahrelange Sparzwang dazu geführt, dass die Arbeitsbedingungen für Journalisten deutlich schlechter geworden sind.

Geradezu paradiesische Zustände scheinen hingegen noch beim Spiegel zu herrschen. Welches Medium ist sonst noch in der Lage, einen Reporter 38 Tage lang in eine US-amerikanische Kleinstadt zu schicken, um etwas über die Menschen herauszufinden, die 2016 Donald Trump gewählt haben? Das Erschreckende an dem Fall: Relotius scheint sich für die dortigen Bewohner gar nicht interessiert zu haben. Die Geschichte, die er schreiben wollte, ließ sich nicht mit der Realität in Übereinstimmung bringen. „Der Plan geht schief, und solche Dinge passieren im Journalismus dauernd. Relotius findet keine Protagonisten, mit denen er etwas anfangen kann“, erläuterte Ullrich Fichtner die Probleme im ersten Enthüllungsbericht über den Fall.

Das ist in mehrfacher Hinsicht entlarvend. Unter einem Protagonisten wird laut Wikipedia „in Literatur und Film die Hauptfigur, der Held eines Romans, einer Erzählung oder eines anderen literarischen oder filmischen Werkes verstanden oder ganz allgemein die Hauptrolle in einer Handlung oder Handlungsreihe“. Obwohl die Newsstories oder Reportagen des Spiegel keine Fiktion sind (oder sein sollen), brauchen sie ebenfalls solche „Protagonisten“, die im Text immer wieder auftauchen und ihn damit auch strukturieren. An diesem Dogma kommt kein Spiegel-Autor vorbei. Ebenso wenig wie am „szenischen Einstieg“ und der Vorgabe, beim Ausstieg den Artikelanfang mit einer Pointe wieder aufzugreifen. Doch Relotius fand keinen Protagonisten, „mit denen er etwas anfangen kann“. Die also seine These von den hinterwäldlerischen Trump-Wählern exemplarisch bestätigen konnten.

Das Schlimme daran: Gerade die Tatsache, dass es solche Klischee-Wähler nicht gibt, hätte die Möglichkeit gegeben, dem Phänomen genauer auf den Grund zu gehen. Diese Geschichte wäre wirklich interessant und lesenwert gewesen. Im Gegensatz zum erfundenen Verriss von Fergus Falls. Dass dies weder von Relotius noch vom Spiegel offenbar so erkannt wurde, ist in der Tat sehr bedenklich. Wenn die Form dem Inhalt vorgeht, das Geschichten-Erzählen wichtiger als die Geschichte, begünstigt dies solche Fehlentwicklungen. Aber bei Relotius ist sogar vorstellbar, dass selbst das Lamento erfunden war. Dann erscheint es am Ende umso lobenswerter, dass er durchgehalten und doch noch einen „schönen“ Text zustande gebracht hat.

Dass die Reportage ein anspruchsvolles Genre ist, wusste schon Kurt Tucholsky. „Reportage ist eine sehr ernste, sehr schwierige, ungemein anstrengende Arbeit, die einen ganzen Kerl erfordert“, schrieb er 1925 in einer kurzen Rezension von Egon Erwin Kischs Sammelband „Der rasende Reporter“. Die Formulierung „ein ganzer Kerl“ wird inzwischen eher mit Hundefutter-Werbung verbunden. Aber was damit gemeint ist, trifft immer noch zu: Ein Reporter muss sich etwas trauen, nahe an Menschen und Situationen ran gehen, die bisweilen auch gefährlich sein können.

Vor allem muss er seiner eigenen Wahrnehmung und seinem eigenen Gespür trauen. Im Zweifel muss er derjenige sein, der erkennt, dass der Kaiser in Wahrheit nackt ist. Wer von seiner Redaktion in die USA geschickt wird, um hinterwäldlerische Trump-Wähler zu finden, kann sich als Versager fühlen, wenn er sie nicht findet. Oder er muss den Mut haben, zu der Erkenntnis zu stehen, dass Menschen Trump gewählt haben, obwohl sie eigentlich ganz nett sind. Schade, dass ein Spiegel-Autor wie Alexander Osang nicht nach Minnesota gefahren ist.

Noch besser wäre es aber, wenn die Redaktionen genug Geld hätten, um Reporter dauerhaft in den Weltregionen einsetzen zu können. Nach Ansicht von Weltbühne-Begründer Jacobsohn hätte der Erste Weltkrieg vielleicht verhindert werden können, wenn die Deutschen vor dem Krieg besser über die Entwicklungen im Ausland unterrichtet worden wären. Auch Tucholsky forderte Mitte der 1920er Jahre eine angemessene Ausstattung der deutschen Auslandskorrespondenten. „Denn man versteht Politik eben nicht, wenn man sich damit begnügt, den Meinungskompost von zwanzig Zeitungen auszuschreiben. Dieser Kram interessiert die Fachleute, ist eng begrenzt und in keiner Hinsicht für das ganze Land so maßgebend, wie es der Fettdruck vorgibt“, heißt es im Artikel „Auslandskorrespondenten“.

Einfacher und günstiger ist es hingegen. seine „Starreporter“ mal für ein paar Tage oder Wochen in die „Krisenregionen“ zu schicken. Dort fehlen ihnen oft das Hintergrundwissen oder die Sprachkenntnisse, um fundierte und authentische Texte zu schreiben. „Sie kommen sich so wirklichkeitsnah vor, die Affen – und dabei haben sie nichts reportiert, wenn sie nach Hause kommen. Nur ein paar Notizen, die sie auswalzen. Reportahsche … Reportahsche …“, kritisierte Tucholsky 1931 in dem Text „Die Reportahsche“. Peinlich für den Spiegel, dass nun USA-Korrespondent Christoph Scheuermann nach Fergus Falls reisen musste, um Abbitte zu leisten und den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den Relotius mit seinem Text angerichtet hatte.

Dabei scheint sich der ganze Aufwand ohnehin publizistisch gar nicht zu lohnen. Auch dem Autor dieser Zeilen erging es wie etlichen anderen Journalistenkollegen, denen der Name des betrügerischen Autors vorher nie aufgefallen war. Nicht obwohl, sondern eher weil er so viele Journalistenpreise abgesahnt hatte. Solche Texte sind inhaltlich und formal so erwartbar und langweilig wie eine Zehn-Zeilen-Agenturmeldung. Man liest die Überschrift und den Teaser und blättert im Café oder in der Kantine weiter. Die Geschichten sind „totaler Zeitgeist“, sagte dessen Spiegel-Kollege Juan Moreno, der den Fall am Ende aufgedeckt hat. Wozu das lesen?

Ein Problem des Spiegel und anderer „Qualitätsmedien“ besteht darin: Weil sie ihren Journalisten so viele Freiheiten und Recherchemöglichkeiten bieten, steigt der Erwartungsdruck an die Autoren, Journalistenpreise einzuheimsen. Wenn diese Indiskretion an dieser Stelle erlaubt sein darf: Es war vor einigen Jahren traurig mit anzusehen, wie Spiegel-Redakteure bisweilen ihre Texte für den Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik andienten. Wie der verzweifelte Versuch, wenigstens irgendeine journalistische Auszeichnung für seine Arbeit zu bekommen. Als wäre der eigene Journalismus nichts wert, wenn er nicht einen der 500 Preise in Deutschland erhielte.

Dabei ist die Verleihung des Tucholsky-Preises schon seit Jahren zu einer Farce verkommen, für die sich zu recht kein Mensch mehr außerhalb der Tucholsky-Gesellschaft interessiert. Das gilt wohl für fast alle anderen Journalistenpreise. Beim Tucholsky-Preis kommt noch hinzu, dass selbst der Namensgeber diesen wohl nicht gut finden würde. Wie antwortete Tucholsky 1931 auf die Frage der Zeitschrift Pologne Littéraire, ob er einen Literaturpreis des damaligen Völkerbundes befürworten würde: „Je me permets de vous faire savoir que je suis par principe un adversaire de tout prix littéraire.“ („Ich erlaube mir Ihnen mitzuteilen, dass ich aus Prinzip ein Gegner aller Literaturpreise bin.“) Diese Einschätzung dürfte sicherlich auch für einen Preis für literarische Publizistik gelten.

Die Preisgeber würden daher besser daran tun, beispielsweise Recherchestipendien zu finanzieren. Diese könnten auch von Medien in Anspruch genommen werden, die normalerweise nicht die finanziellen Ressourcen haben, um ihre Mitarbeiter wochen- und monatelang an einem Thema arbeiten zu lassen.

Der Fall Relotius ist daher ein krasser Einzelfall, der durch bestimmte Strukturen beim Spiegel durchaus begünstigt wurde. So verhinderte die Größe des Verlages beispielsweise, dass verschiedene Verdachtsmomente überhaupt die zuständigen Personen erreichten. Zudem schien Relotius alle Erwartungen, die die Redaktion an einen Reporter haben konnte, geradezu im Übermaß zu erfüllen. Das machte ihn fast unangreifbar, wie Moreno am eigenen Leib erfahren musste. Und natürlich zieht ein solch großes Medium einen Betrüger eher an als eine kleine Lokalzeitung, bei der nicht viel zu herauszuholen ist. Dort wäre ein erfundenes Interview mit dem Bürgermeister eher aufgeflogen als ein Interview mit der letzten Überlebenden der Weißen Rose in den USA.

Relotius als Beleg für eine angebliche „Lügenpresse“ zu nehmen, ist daher infam. Dieser Vorwurf kommt selbstverständlich von solchen Menschen, die mit demselben Brustton der Überzeugung behaupten, alle Medien seien gleichgeschaltet und bekämen ihre Anweisungen direkt von Angela Merkel oder George Soros. Wer den Medien ohnehin nichts glauben möchte, sieht sich durch den Fall in seinem kruden Weltbild bestätigt.

Die wirklichen Probleme vieler Medien sind hingegen durch starke Einnahmenverluste wegen rückläufiger Werbeeinnahmen und Auflagenverluste begründet. Die Folgen sind ein zunehmender Stellenabbau und der Verlust der publizistischen Vielfalt durch eine starke Zusammenlegung der überregionalen Mantelseiten. Bei den Auslandskorrespondenten hat sich die Situation seit Jahren verschlechtert. Im vergangenen Sommer/Herbst traf es viele Korrespondenten der Verlagsgruppe Madsack. Es ist leider zu befürchten, dass die Lehren aus dem Fall Relotius nicht dazu führen werden, diese Probleme zu beheben.

27.1.2018

Der wiederentdeckte Leo Lania

Leo Lania gehörte neben Heinz Pol zu der jungen Garde an Weltbühne-Autoren, deren Karriere durch den Aufstieg der Nationalsozialisten und die dadurch erzwungene Emigration ein allzu frühes Ende fand. Während Pol nach dem Krieg in den USA blieb und als Korrespondent deutscher Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau journalistisch tätig war, kehrte Lania vor seinem Tod sogar wieder nach Deutschland zurück. Trotz seiner vielfältigen journalistischen und literarischen Produktion ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Daher ist es verdienstvoll, dass Michael Schwaiger im vergangenen Jahr einen 461 Seiten lange Biografie Lanias vorgelegt hat (Hinter den Fassaden der Wirklichkeit – Leben und Werk von Leo Lania. Mandelbaum Verlag, Wien 2017, 24,90 Euro).

Für die Österreich-Seiten der Zeit hat sich Joachim Riedl die Biografie angeschaut und Lanias Leben in Kurzform präsentiert. Dabei darf Lanias größter „Scoop“ natürlich nicht fehlen: Lania hatte sich im Sommer 1923 in München als italienischer Faschist ausgegeben und zehn Tage lang den außerhalb Münchens damals noch recht unbekannten Adolf Hitler aus nächster Nähe beobachten können. Für die Weltbühne beobachtete Lania nach dem gescheiterten November-Putsch den Hitler-Prozess. Er schilderte Hitler in den Verhandlungen als „maßlos eitel“, allerdings nehme die „innere Wärme, der Schwung, die Plastik der Bilder und Vergleiche“ nach und nach für den Redner ein. Und zwar genau deswegen, weil die Rede „von keines Gedanken Blässe angekränkelt“ sei.

Von 1922 bis 1926 schrieb Lania 24 Artikel für die Weltbühne. Über „Italien und der Fascismus“, über „Das sanierte Österreich“ und natürlich über die „Waffenschieber“. Seine Recherchen zum Waffenschmuggel im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Lania zudem in dem Buch Gewehre auf Reisen, das Kurt Tucholsky am 16. Oktober 1924 in der Weltbühne rezensierte. Darin lobte er Lanias Büchlein als

von der ersten bis zur letzten Zeile interessant

und schloss mit den prophetischen Worten:

Aber es ist gewiß, dass das Land in seiner jetzigen, völlig unveränderten Geistesverfassung wieder in eine Katastrophe hineintaumeln wird, genau wie im Jahre 1914: dummstolz, ahnungslos, mit flatternden Idealen und einem in den Landesfarben angestrichenen Brett vor dem Kopf. Dann gehen wieder Gewehre auf Reisen.

Tucholskys Warnung sollte 15 Jahre später Wirklichkeit werden.

Ein Nachdruck von Lanias Text „Hitler-Prozeß“ findet sich in der Weltbühne-Anthologie Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne. S. 451f.

1.10.2015

Zum Gedenken an Volker Kühn

2015 scheint das Jahr zu sein, in dem uns die alte Garde der Tucholsky-Fans für immer verlässt. Nach Fritz J. Raddatz, Roland Links und Gerhard Zwerenz starb zuletzt Volker Kühn. Während Raddatz (im Westen) und Links (im Osten) die gedruckte Verbreitung von Tucholskys Werk entscheidend beeinflussten, versuchte Zwerenz mit der 1979 erschienenen Biographie einige der damals noch großen Lücken in der Tucholsky-Forschung zu schließen. Kühn gehörte in den sechziger und siebziger Jahren zu den prägenden Figuren der westdeutschen Kabarettszene. Daneben war er ein hervorragender Kenner der Kabarettgeschichte. Seinen Stern im „Walk of Fame“ in Mainz hat er sich redlich verdient.

Während „Dandy“ Raddatz die gut dotierte Tucholsky-Stiftung ins Leben rief, engagierten sich Links und Kühn jahrzehntelang ehrenamtlich in der Tucholsky-Gesellschaft. Legendär waren die Matineen im Deutschen Theater, die Kühn zur Verleihung des Tucholsky-Preises regelmäßig inszenierte. 2005 brachte er für das Programm „Eisler meets Tucholsky“ stattliche 16 Schauspieler und Sänger auf die Bühne. Darunter Gisela May, Rainer Basedow, Maxim Mehmet, Ilja Richter und natürlich seine Frau Katharina Lange. Selbstverständlich, dass alle Beteiligten nur Volker Kühn zuliebe auftraten und auf ein Honorar verzichteten.



Volker Kühn (m.) neben der Sängerin Gisela May
(Zum Vergrößern bitte anklicken)

Seine letzte Preisverleihung arrangierte „Vauka“ im Jahr 2007 mit „Musik und Lyrik gegen den Krieg“. Zum 75. Todestag Tucholskys stellte er in der Berliner Akademie der Künste ein Programm mit dem Titel „Fisch sucht Angel oder: Die im Bett hat immer Recht“ mit Katharina Lange und Walter Plathe auf die Beine. Sein letztes Tucholsky-Programm wurde im März 2013 im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz aufgeführt.

Dabei hatte Kühn schon seit Jahren große gesundheitliche Probleme, die ihn in seinem Schaffensdrang stark behinderten. „Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen“, heißt es nun auf seiner Website. Das Herz eines „schöpferischen Menschen, der viele, viele positive Spuren hinterlassen hat“. Nicht für das Kabarett im allgemeinen, sondern auch sehr für das Erbe Tucholskys.


Volker Kühn auf der Veranstaltung zum 75. Todestag Tucholskys

Links zu Nachrufen auf Volker Kühn

Der Tagesspiegel: Ich lache Tränen, heule Heiterkeit

Frankfurter Rundschau: Zum Tod des Kabarett-Autors Volker Kühn

Berliner Zeitung: Der Virtuose im Hinschauen

30.9.2015

Tucholsky before the Gates

Die traditionsreiche Berliner Restaurantion Tucholsky in der Torstraße hat seit einigen Wochen geschlossen. Das ist schade, denn der Wirt Lutz Keller hatte sich von Beginn an darum bemüht, seinen Gästen den Namenspatron seines Lokals näher zu bringen. Schon vor der Wende, 1987, hatte Keller die „Tucholsky Stuben“ am nördlichen Ende der Tucholskystraße eröffnen wollen. Doch auf Protest von Tucholskys Großcousine Brigitte Rothert musste Keller vorübergehend den Namen ändern. „Zur alten Tankstelle“ hieß die Kneipe dann bis 1993, als ihr Name schließlich in „Restauration Tucholsky“ umgeändert wurde.

Damit ist es nun vorbei.

Doch Tucholsky bleibt der vielfältigen Berliner Kneipenlandschaft erhalten. Aber nicht wie gehabt. Der neue Kneipenname lautet: „Tucholsky’s“.

Das tut schon weh. Das schicke, in der Ankündigung typografisch falsche Apostroph kommt offenbar aus dem Englischen. Und Englisch ist hip. Und die hippen Touristen oder noch hipperen Hipster sind offenbar die Zielgruppe für den neuen Laden in der Gate Street.

Da passt es gut, dass die rührige Eva Schweitzer einen weiteren Band mit Tucholsky-Texten ins Englische übersetzen ließ: Prayer After the Slaughter. Passend zum allgegenwärtigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren enthält der schmale Band einige Texte, die Tucholsky im und nach dem Krieg geschrieben hat. Anders in der Textsammlung Berlin! Berlin! sind der englischen Übersetzung die deutschen Originaltexte gegenüber gestellt.

Der Band enthält bekannte Gedichte wie „Memento“ (1916), „Krieg dem Kriege“ (1919) und „Gebet nach den Schlachten“ (1924). Zu den längeren Prosatexten gehören die Kriegsbetrachtungen „Die Katze spielt mit der Maus“ (1916), „Das Grammophon“ (1916) und ein Teil der aufsehenerregenden Militaria-Serie, „Unser Militär“ (1919). Peter Appelbaum und James Scott übersetzten die 21 Texte. Von dem New Yorker Germanisten Noah Isenberg stammt ein kundiges Vorwort. Darin beschreibt er, wie sein Interesse an Tucholsky Anfang der 1990er Jahre entstand:

I remember becoming increasingly interested in this seemingly obscure literary figure known as Tucholsky, who despite having been translated into some fourteen languages had not found much of an Anglo-American critical reception.

Vielleicht greift das neue „Tucholsky’s“ eine Idee seines Namenspatrons auf und belebt die Bücherbar, Verzeihung, Book Bar, wieder neu. Für fünf getrunkene Cocktails erhalten die Gäste ein Exemplar des englischsprachigen Kriegsbuches oder von Berlin! Berlin!. Das würde der anglo-amerikanischen Tucholsky-Rezeption sicherlich nützen und wäre wirklich hip.

Nachtrag vom 3. Dezember 2015

Das „Tucholsky’s“ hat im Oktober dann doch noch eröffnet. Ein Besuch scheint aber nicht zu lohnen. Zumindest dann, wenn man etwas essen will und der vernichtenden Gastro-Kritik der Berliner Zeitung vertraut.

Mein Abend im Tucholsky’s begann zunächst einmal damit, dass sich alles in mir gegen den Apostroph sträubte. Ich vermute, die Betreiber wollten es nach englischer Manier schreiben. Aber in Berlin ein Restaurant Tucholsky’s zu nennen, halte ich für einen Fehler.

schreibt die Autorin Tina Hüttl. Das Essen war nicht besser als die Orthografie:

Ein Kollege, der mich begleitete, sprach von „solidem Kantinenniveau“. … Gut, könnte sein, dass die Küche Braten und Knödel nicht beherrscht, doch die anderen Gerichte auf der sehr deutsch gehaltenen Karte waren nicht besser. … Und gegen die Beilage, eine aus dem Wasser gezogene halbierte Fenchelknolle mit Rosmarinzweig, rebellierten meine Geschmacksnerven.

Hüttls Fazit: „Wären sie nur beim Cuba Libre geblieben.“

27.2.2015

Fritz J. Raddatz ist tot

Der Literaturkritiker und Verleger Fritz J. Raddatz ist am 26. Februar 2015 im Alter von 83 Jahren gestorben. Raddatz hatte seit Beginn der 1950er Jahre maßgeblich die Tucholsky-Rezeption in Deutschland geprägt. Zusammen mit Tucholskys zweiter Ehefrau und Alleinerbin Mary Gerold gab Raddatz die Gesammelten Werke und zahlreiche andere Auswahl- und Briefbände Tucholskys heraus. Gemeinsam mit Gerold gründete er 1969 die Kurt Tucholsky-Stiftung, die nach dem Tode Gerolds im Jahr 1987 die Urheberrechte an Tucholskys Werk verwaltete. Die Stiftung förderte mit den Einnahmen zu einen die wissenschaftliche Aufarbeitung von Tucholskys Leben und Werk, zum anderen vergibt sie weiterhin Stipendien.

Raddatz hatte schon Anfang 2012 den Vorsitz der Stiftung niedergelegt und an eine Hamburger Kanzlei weitergegeben. Im September 2014 kündigte er dann an, sich aus dem aktiven Journalismus zurückzuziehen und erklärte: „Ich habe mich überlebt.“ Dabei zitierte er ein letztes Mal Tucholsky: „Vorbei, verweht, nie wieder.“

Medienberichten zufolge nahm sich Raddatz in der Schweiz das Leben. Postum erscheint noch das Buch Jahre mit Ledig, seine Erinnerungen an den Verleger Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, dessen Stellvertreter er neun Jahre lang war. Raddatz hatte Ledig-Rowohlt 1952 in Hamburg kennengelernt, als er von Ost-Berlin in den Westen gefahren war, um über eine gesamtdeutsche Tucholsky-Ausgabe zu verhandeln. Welch große Bedeutung diese Reise für sein Leben haben sollte, ging auch aus Raddatz‘ Autobiografie Unruhestifter hervor. Aus Anlass von Raddatz‘ Tod hier noch einmal eine Rezension des 2003 erschienenen Buches:

Gesammelte Wertungen

Unter den vielen Promi-Biographien im Herbst 2003 ist sie aus Sicht von Tucholsky-Lesern die interessanteste: „Unruhestifter“, die Erinnerungen von Fritz J. Raddatz. Der Vorsitzende der Kurt Tucholsky-Stiftung und Mitherausgeber seiner Werke dürfte neben Mary Gerold-Tucholsky die Rezeption des Schriftstellers nach 1945 am stärksten beeinflusst haben. Dass sich das deutsche Feuilleton (siehe Links) begierig auf die Memoiren des 72-Jährigen stürzte, hatte jedoch andere Gründe. Als Vize-Chef des Rowohlt-Verlages und Feuilleton-Chef der „Zeit“ war Raddatz jahrzehntelang einer der schillerndsten Figuren des deutschen Literaturbetriebs. Er kannte alle. „Viele Berühmte werden das Buch von hinten, vom Namensregister her lesen“, spekulierte daher die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Derjenige, zu dem es die meisten Registereinträge gibt, wird dies jedoch nicht mehr können: Kurt Tucholsky. Schon das Namensregister zeigt daher, wie eng Raddatz verlegerisches Wirken über mehrere Jahrzehnte mit diesem Autor verknüpft war.

Dabei verlief die erste Begegnung mit dessen Werk eher ernüchternd. Ende der 40er Jahre stieß der junge Germanistikstudent Raddatz in einem Berliner Antiquariat auf ein Exemplar von Theobald Tigers „Fromme Gesänge“.[1] Da er keine Ahnung hatte, dass sich dahinter der Autor Tucholsky verbarg, musste er sich von einem Kommilitonen eine herbe Kritik anhören: Wer so etwas nicht wisse, solle doch lieber keine Germanistik studieren. Doch die Begeisterung für Tucholsky war bei Raddatz geweckt. Auch beruflich.

Lockenkrull trifft Königin

Der Plan einer gesamtdeutschen Tucholsky-Ausgabe war es denn auch, der Raddatz im Frühjahr 1953 eine offizielle Reise in den Westen verschaffte.[2] Der 22-Jährige war damals stellvertretender Cheflektor des DDR-Verlages „Volk und Welt“ und besuchte in Hamburg zunächst den Rowohlt-Verlag, der vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Sammelbände von Tucholsky und dessen Roman „Schloß Gripsholm“ gedruckt hatte. Nach einem kurzen Treffen mit Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt fuhr Raddatz weiter ins oberbayerische Rottach-Egern, wo Tucholskys geschiedene Frau Mary Gerold-Tucholsky nach dem Krieg ein Haus gekauft hatte. Für Raddatz entwickelte sich aus der Begegnung eine „immer stabiler werdende Beziehung“, eine der „großen, wichtigen und verlässlichen meines Lebens“. Raddatz widmet Mary, die er seine Königin – „ma reine“ – nennt, ein eigenes Kapitel in dem Buch. Die Tucholsky-Erbin gab dem jugendlichen Gast zunächst den Spitznamen „Locken-Krull“. Der Grund: Sein „hochstaplerischer Editionsplan“ und die „wilden schwarzen Locken“. Später habe sie ihn dann „Mein Fürst“ genannt. Auf ihrem Totenbett sprach sie von Raddatz gar als „Tucho“ und fragte ihre Betreuerin, warum dieser sie qua Testament als Urheberrechtserbin eingesetzt habe.

Das Verhältnis der beiden wurde jedoch auch von einem gewissen Misstrauen und „selbst anerzogener Kühle“ von Seiten Marys geprägt, wie Raddatz schreibt. Besonders habe ihn ihre Entscheidung getroffen, ihm nicht Tucholskys „Sudelbuch“ zu schenken, das er sich als „erstes, letztes und einziges Intimes“ gewünscht hatte.[3] „Wer, wenn nicht ich, wäre würdig, dieses Stück Tucho-Mary zu besitzen, das muss ich mich doch fragen“,[4] beklagte sich Raddatz später in einem Brief an seine „Königin“. Für die „FAZ“ ist der Brief charakteristisch für „diesen hypersensiblen Narziß in seiner grundverlorenen Einsamkeit“.
Raddatz schreibt es auch seiner Beharrlichkeit und seinem Vertrauensverhältnis zu Mary zu, dass diese schließlich einwilligte, die Briefe Tucholskys an sie zu veröffentlichen.[5] Auch die Gründung der Kurt Tucholsky-Stiftung mit der Übertragung der Urheberrechte gehe auf eine Anregung von ihm zurück.[6]

Gemeinsam gegen das Lottchen

Einig waren die beiden von Anfang an auch in der feindseligen Haltung gegenüber Lisa Matthias, deren Autobiographie „Ich war Tucholskys Lottchen“ im Jahre 1962 für Aufsehen und Empörung sorgte. In Raddatz‘ Memoiren kommt zwei Mal die Rede auf Tucholskys langjährige Geliebte. „Ich bin überzeugt, dass es eine sehr üble Sache werden wird, nicht nur, dass sie sich an Tucho rächen wird, weil er sie quasi herausgeschmissen hat, sondern sie wird auch Jauchekübel über mich ergießen und ‚Tatsachen‘ berichten, die von A bis Z erfunden sind“,[7] zitiert Raddatz aus einem Brief von Mary Gerold-Tucholsky aus dem Jahr 1961. Mit der „üblen Sache“ ist offensichtlich die „Lottchen“-Biographie gemeint, was Raddatz jedoch nicht erläutert und daher für die meisten seiner Leser nicht verständlich sein wird. Allerdings hätte er dann auch hinzufügen müssen, dass Matthias mitnichten Jauchekübel über die damalige Ehefrau Tucholskys auskippte und fast alle ihre Aussagen belegen konnte.

Raddatz bleibt mit seinem Vorgehen gegenüber Matthias damit seiner Linie treu. Noch immer steht in Raddatz‘ Vorwort zu den Gesammelten Werken der Satz, dass Tucholsky „Schloß Gripsholm“ in „nicht unbedingt liebenswürdiger Weise“[8] einer Autonummer gewidmet habe. Nun müsste Raddatz spätestens seit der „üblen Sache“ wissen, dass Lisa Matthias die Besitzerin des besagten Wagens mit der Nummer IA 47407 war. Außerdem habe sie diese Art der Widmung selbst vorgeschlagen, schreibt sie in ihren Memoiren[9]. Raddatz, für den Tucholskys „Gratwanderung zum Gradmesser eigener Arbeit wurde“[10], führe damit Millionen Leser bewusst in die Irre, wie Gerhard Zwerenz in seiner Tucholsky-Biographie vermutlich zu Recht behauptet.[11]

Kampf um Editionen

Mit einem anderen Vorwurf, wonach Raddatz und Gerold-Tucholsky eine Anzahl von Tucholskys „politisch oder erotisch schärfsten Produktionen“ nicht abgedruckt hätten, liegt Zwerenz jedoch falsch. Zwar fehlen in den Gesammelten Werken rund 1100 von 2900 Texten Tucholskys, doch von einer Entschärfung des Werkes kann nach kritischer Untersuchung der ausgewählten Stücke nicht die Rede sein.[12] Als wolle er diese These unterstützen, geht Raddatz ausführlich auf die Auseinandersetzungen um die Tucholsky-Ausgabe ein, die er in den fünfziger Jahren mit der DDR-Führung führte. „Der Kampf um die Tucholsky-Ausgabe – so rührend wie töricht – markiert meine DDR-Endzeit“[13] , heißt es in der Biographie. Auf mehreren Seiten schildert Raddatz den Streit mit der Zensurbehörde um den fünften Band der Ausgabe. Der Kampf endete schließlich mit der Flucht des damals 27-Jährigen aus der DDR. Zu einer ihm inzwischen wohlvertrauten Adresse: dem „Knusperhäuschen“ Mary Gerold-Tucholskys in Rottach-Egern.

Mit dem Abschluss der Gesamtausgabe wird die editorische Beziehung zwischen Raddatz und Tucholsky wohl ihr Ende finden. Von der Beziehung profitierten sicherlich das Werk und dessen Herausgeber. Allerdings versucht Raddatz auch den Eindruck zu erwecken, sein Wirken bei Rowohlt und der „Zeit“ sei letztlich an seiner dort ungewollten Radikalität gescheitert. Eine Radikalität, die unausgesprochen wohl eher in ein Blatt wie die „Weltbühne“ unter Siegfried Jacobsohn gepasst hätte. Richtig in Schwierigkeiten kam Raddatz durch Tucholsky nur einmal, als er einen Brief an einen Juden mit „Heil Hitler“ unterschrieb. Weil Tucholsky das ebenfalls so gemacht habe, sah Raddatz darin keinen Affront.[14] Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass er seinen Abgang als Feuilletonchef bei der „Zeit“ mit einem Fauxpas zu Tucholsky beschleunigt hätte. Das war dem Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe vorbehalten.

Links zu Rezensionen der Raddatz-Biographie:

„Berliner Zeitung“: „Da war ich …“
Arno Widmann empfiehlt die Biographie als „egoman und verrückt, aber gerade darum großartig“

„FAZ“: Völlig aus dem Reim gegangen
Nach Ansicht von Heinz Ludwig Arnold hat es Raddatz leider nicht vermocht, ein Erinnerungsbuch der Republik zu schreiben.

„FAS“: Grüße aus dem Unruhestand
Nils Minkmar besucht Raddatz im Hamburger Büro der Tucholsky-Stiftung.

„Der Spiegel“: Torero und Weltenschlürfer
Die besten Sprüche und Verunglimpfungen aus „Unruhestifter“ hat Mathias Schreiber zusammengestellt.

„Die Zeit“: Kämpfe und Krämpfe
Der frühere „Zeit“-Chefredakteur Theo Sommer versucht einige Äußerungen von Raddatz richtigzustellen.

Fußnoten

[1] Raddatz, Fritz J.: Unruhestifter. Erinnerungen. München 2003, S. 83. Im Folgenden zitiert unter: Raddatz.

[2] Raddatz, S. 186

[3] Raddatz, S. 160

[4] Raddatz, S. 160f

[5] Raddatz, S. 144f

[6] Raddatz, S. 149f

[7] Raddatz, S. 151f

[8] Raddatz, Fritz J.: Vorwort. In: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Bd. 1. Reinbek 1985, S. 31

[9] Matthias, Lisa: Ich war Tucholskys Lottchen. Hamburg 1962, S. 249

[10] Raddatz, S. 145

[11] Zwerenz, Gerhard: Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen. München 1979, S. 293

[12] Ackermann, Irmgard; Heß, Dieter; Lindner, Katrin: Zur Forschungssituation. In: Ackermann, Irmgard (Hg.).: Kurt Tucholsky: 7 Beiträge zu Werk und Wirkung. München 1981, S. 8ff

[13] Raddatz, S. 130

[14] Raddatz, S. 209

5.1.2015

Die Rettung des Schwejk

Kurt Tucholsky gehörte zu den frühen deutschsprachigen Fans des Schwejk, den er in Auszügen schon in einer Humoranthologie Roda Rodas (Band 6) entdeckt hatte:

Hervorzuheben die kleine Erzählung eines Tschechen: Hascheks, ich habe den Namen nie gehört. Sie ist das Muster einer politischen Satire, von einer Bitterkeit, die doppelt wirkt, weil sie eingemummelt ist in sanfte Blödheit, die scheinbar von nichts nicht weiß. Was ist das für ein Mann -?

schrieb er im Dezember 1925 in der Weltbühne. Hätte Tucholsky das Konkurrenzblatt Tagebuch gelesen, wäre ihm 1923 vielleicht schon der Nachruf Egon Erwin Kischs auf den früh gestorbenen Schwejk-Erfinder Jaroslav Haschek aufgefallen. So aber stellte ein Weltbühne-Leser den Autor und dessen Hauptwerk im April 1926 mit den Worten vor:

Seit Jahrzehnten ist kein tschechisches Buch so gelesen und so gekauft worden. Es ist kaum zu übersetzen, und das ist schade. Denn aus diesem Buch kann man den Krieg kennen lernen, wie er wirklich gewesen ist. Karel [sic] Haschek war ein Vollblut-Tscheche und eine Vollblut-Europäer.

in: »Antworten«: Peter Panter, Die Weltbühne, 6.4.1926, S. 557 f.

Richtig populär wurde der »brave Soldat« auch in Deutschland, als der erste von vier Bänden übersetzt wurden. Die Übersetzerin Grete Reiner hatte ihr Werk zuvor schon den Lesern der Weltbühne angekündigt und sehr selbstbewusst der Einschätzung des zitierten Lesers widersprochen:

Der Schreiber dieser begeisterten Zeilen hat nur zum Teil recht, nämlich in Bezug auf die einzigartige Bedeutung dieses Werkes. Dagegen irrt er ein wenig, wenn er dieses köstliche Buch für unübersetzbar hält und bedauert, dass es dem deutschen Publikum dauernd entzogen bleiben soll. Ich habe es übersetzt und soeben im Verlag A. Synek zu Prag erscheinen lassen.

in: »Antworten«: Grete Reiner in Prag, Die Weltbühne, 27.4.1926, S. 676

Keine Frage, dass sich Tucholsky alias Peter Panter sogleich auf die Übersetzung stürzte und sie wenige Wochen später ausführlich rezensierte.

Obwohl er kein Tschechisch konnte, war er von der Leistung Reiners nicht überzeugt:

Das Buch ist aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen worden – soweit ich das beurteilen kann, nicht sehr glücklich. Vielleicht ist es gut übersetzt, aber der Eindruck dieses Jargons, den Schwejk spricht, ist nicht lustig. Seine Grammatik ist farblos und steht in gar keinem Verhältnis zu den herrlichen Sachen, die er zusammenphilosophiert – man ahnt, was einem da Alles verloren gegangen sein mag. Ich gebe zu: dergleichen überträgt sich nicht. »Du bist woll mit de Muffe jebufft?« heißt nicht: »Hat Sie Jemand unsanft mit einem Pelzmuff angerührt?« – sondern etwas anders. Und das bleibt freilich am Bodensatz des Dialekts kleben, es kommt nicht herauf, und hier steckt die Tragik des Buches.

Auch den zweiten Band nahm er sich direkt nach dem Erscheinen vor. Darin kanzelte er Reiner noch schärfer ab:

Gott weiß, was uns durch diese unmögliche Übersetzung verloren geht – aber es bleibt noch genug.

Dieses »genug« reichte immerhin aus, dass bis vor kurzem keine weitere deutsche Übersetzung des Schwejk gegeben hat.

Ein Makel, den nun der 1962 in Prag geborene Übersetzer Antonín Brousek beseitigt hat. Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg sind zwar schon im vergangenen Jahr bei Reclam erschienen, werden aber weiterhin fleißig in den Feuilletons besprochen. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie »kongenial« Reiners Übersetzung war, oder, besser gesagt, wie sehr sie das Werk verfremdete und umdeutete. Reiner ließ den Schwejk »böhmakeln«, laut Wikipedia ein »gesprochenes Deutsch mit auffallendem ›böhmischen‹ Akzent«. Als deutscher Leser nimmt man nun mit Erstaunen zur Kenntnis, dass eine solche Sprechweise überhaupt nicht dem Original entspricht. Mit den Worten Brouseks:

Grete Reiner hat sich mit ihrem »Böhmakeln« etwas Neues ausgedacht. Dabei hat sie das Buch nicht übersetzt, sondern interpretiert und umgeschrieben und damit ein eigenständiges Werk geschaffen. Das bedeutet, die deutsche Fassung entsprach nicht nur nicht der tschechischen, sondern war auch noch eine eigenständige neue Interpretation, die mit dem Original nur bedingt etwas gemeinsam hat. […]

Hašeks Roman ist im Original in einem modernen Umgangstschechisch geschrieben. Es musste also ein modernes Umgangsdeutsch her. Das Buch enthält teilweise altertümelnde Begriffe, aber in der Regel reden alle Leute völlig normal. Das heißt, es ist genau umgekehrt zu Grete Reiner. […]

Alle Dialoge sind in einem normalen Umgangstschechisch verfasst, das auch »Schwejk« spricht. Die einzigen, die im Roman komisch sprechen, sind die Deutschen, denn diese können kein richtiges Tschechisch – und sobald sie versuchen Tschechisch zu sprechen, hört sich dies lächerlich an.

Brousek gibt im Interview mit Radio Prag der Kritik Tucholskys an der merkwürdigen Sprache der Protagonisten ausdrücklich recht:

Ich finde es erstaunlich, dass Tucholsky damals fast als Einziger dies bemerkte, obwohl er kein Tschechisch sprach. Den meisten gefiel Reiners Übersetzung bei der Veröffentlichung. Bert Brecht fand die Übersetzung beispielsweise urkomisch. Doch Kurt Tucholsky hat es richtig beschrieben, die Übersetzung ist in gewissem Sinne »unmöglich«.

Gut möglich ist aber, dass Reiner auch inhaltlich in den Roman eingriff. So schimpft Schwejk bei Brousek über die Deutschen: »Das sind solche Drecksäcke, wie sonst keiner auf der Welt.« Diese Passage zu Beginn des Buches findet sich bei Reiner nicht, wie die Berliner Zeitung kritisch bemerkt:

Bisher war dieser Satz, gesprochen zum Auftakt des Romans im Wirtshaus Zum Kelch, allen Lesern des Svejk bekannt – nur den titulierten Drecksäcken nicht. Denn in der einzigen deutschen Übertragung des Romans von 1926 und sämtlichen Neuauflagen fehlen diese Worte.

Kein Wunder, dass die Rezensenten die neue Übersetzung als »bahnbrechend« (Berliner Zeitung) und »überfällige Rettung eines modernen Klassikers aus dem K.-u.-k.-Komödienstadel« (Tagesspiegel) loben.

Umso besser, dass Brousek die Lorbeeren für sein Werk noch zu Lebzeiten ernten kann. Nicht nur die Schwäbische Zeitung hat ihn mit einem Namensvetter verwechselt und bereits 2013 sterben lassen. Auch der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek schreibt dem gleichnamigen Dichter und Literaturkritiker Brousek die neue Schwejk-Übersetzung zu. Wie quicklebendig der Übersetzer und laut Reclam in Berlin lebende Richter Brousek ist, zeigte er auch auf einer Lesung während der Leipziger Buchmesse 2014.

17.6.2014

too-HOLE-skee spricht Englisch

Viel zu lange ist an dieser Stelle schon versäumt worden, auf die neuen englischsprachigen Tucholsky-Ausgaben aus dem Berlinica-Verlag von Eva C. Schweitzer hinzuweisen. Im vergangenen Jahr erschien bereits der umfangreiche Band Berlin! Berlin! Dispatches from the Weimar Republic, der zahlreiche Texte Tucholskys nebst biografischen Erläuterungen und vielen zeitgeschichtlichen Fotos enthält. Zuletzt ließ Schweitzer noch Rheinsberg übersetzen, Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“, das ihn vor 100 Jahren in der Literaturwelt bekanntmachte.

Dass Tucholsky in der englischsprachigen Welt nahezu unbekannt ist, mag sicher auch am Mangel an Übersetzungen liegen. Die von Harry Zohn herausgegebenen Ausgaben liegen schon Jahrzehnte zurück. What if – ?; Satirical writings of Kurt Tucholsky stammt aus dem Jahr 1967, das Deutschland-Buch wurde 1972 übersetzt. Der Sammelband »Germany? Germany«: a Kurt Tucholsky Reader erschien 1990.

Die neuen Ausgaben des Berlinica-Verlages haben sogar das Interesse der New York Times geweckt. Anfang Juni porträtierte William Grimes unter der Überschrift »Giving a Satirist of the Third Reich the Last Laugh« den Schriftsteller, der 1936 in dem renommierten Blatt immerhin einen Nachruf erhalten hatte. Grimes stellt Tucholsky seinen Lesern wie folgt vor:

In Weimar Germany, Tucholsky (pronounced too-HOLE-skee) was big, the most brilliant, prolific and witty cultural journalist of his time. He remains big in Germany, a widely read author, with sales in the millions. In the English-speaking world, however, he barely exists.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Letzteres aufgrund der beiden Bände ein wenig ändert. Dass Tucholskys Sprache durch eine Übersetzung einiges an ihrer Wirkung verliert, lässt sich wohl nicht vermeiden. Aber zumindest scheint die Übersetzerin Cindy Opitz den Ton gut getroffen zu haben. Tucholsky-Fan Fred Roberts, der selbst ein Blog mit Übersetzungen betreibt, schrieb über Berlin! Berlin!:

Cindy Opitz hat ins zeitgenössische Englisch übersetzt, aber ich hatte das Gefühl, dass die Gedanken exakt wie die von Tucholsky klangen. Dies ist das erste Mal, dass ich ihn nicht auf Deutsch gelesen haben. Kompliment an Cindy Opitz. Es ist nicht einfach, Tucholsky auf Englisch zu artikulieren.

Um Tucholsky für die amerikanischen Leser literarisch einordnen zu können, vergleicht die New York Times ihn zum einen mit dem Humoristen Robert Benchley, zum anderen mit dem Satiriker H. L. Mencken.

Jemand, der wie Tucholsky gleich »mit 5 PS« schrieb, gab es aber selbst in den USA offenbar nicht.

7.9.2013

Stipendien für Tucholsky-Forschung

Es gibt zwar nur noch wenige weiße Flecken in der Tucholsky-Forschung, aber ein einjähriges Stipendium in Deutschland oder im Ausland dürfte für Tucholsky-Fans unter jungen Wissenschaftlern durchaus interessant sein. Ausgeschrieben werden die beiden Stipendien für 2014 von der Kurt Tucholsky Stiftung zusammen mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA). Der Ausschreibung zufolge werden insbesondere Doktoranden der Germanistik, Publizistik, Soziologie oder Politologie gefördert, die sich mit Werk und Ideen Kurt Tucholskys und angrenzenden Themenbereichen beschäftigen. Die Stipendien sind mit monatlich 900 Euro dotiert. Für Stipendiaten besteht das Angebot, während des Aufenthaltes im Deutschen Literaturarchiv Marbach ein Zimmer im Collegienhaus zu mieten. Weitere Details zu den Stipendien stehen in der Ausschreibung.

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