5.1.2015

Die Rettung des Schwejk

Kurt Tucholsky gehörte zu den frühen deutschsprachigen Fans des Schwejk, den er in Auszügen schon in einer Humoranthologie Roda Rodas (Band 6) entdeckt hatte:

Hervorzuheben die kleine Erzählung eines Tschechen: Hascheks, ich habe den Namen nie gehört. Sie ist das Muster einer politischen Satire, von einer Bitterkeit, die doppelt wirkt, weil sie eingemummelt ist in sanfte Blödheit, die scheinbar von nichts nicht weiß. Was ist das für ein Mann -?

schrieb er im Dezember 1925 in der Weltbühne. Hätte Tucholsky das Konkurrenzblatt Tagebuch gelesen, wäre ihm 1923 vielleicht schon der Nachruf Egon Erwin Kischs auf den früh gestorbenen Schwejk-Erfinder Jaroslav Haschek aufgefallen. So aber stellte ein Weltbühne-Leser den Autor und dessen Hauptwerk im April 1926 mit den Worten vor:

Seit Jahrzehnten ist kein tschechisches Buch so gelesen und so gekauft worden. Es ist kaum zu übersetzen, und das ist schade. Denn aus diesem Buch kann man den Krieg kennen lernen, wie er wirklich gewesen ist. Karel [sic] Haschek war ein Vollblut-Tscheche und eine Vollblut-Europäer.

in: »Antworten«: Peter Panter, Die Weltbühne, 6.4.1926, S. 557 f.

Richtig populär wurde der »brave Soldat« auch in Deutschland, als der erste von vier Bänden übersetzt wurden. Die Übersetzerin Grete Reiner hatte ihr Werk zuvor schon den Lesern der Weltbühne angekündigt und sehr selbstbewusst der Einschätzung des zitierten Lesers widersprochen:

Der Schreiber dieser begeisterten Zeilen hat nur zum Teil recht, nämlich in Bezug auf die einzigartige Bedeutung dieses Werkes. Dagegen irrt er ein wenig, wenn er dieses köstliche Buch für unübersetzbar hält und bedauert, dass es dem deutschen Publikum dauernd entzogen bleiben soll. Ich habe es übersetzt und soeben im Verlag A. Synek zu Prag erscheinen lassen.

in: »Antworten«: Grete Reiner in Prag, Die Weltbühne, 27.4.1926, S. 676

Keine Frage, dass sich Tucholsky alias Peter Panter sogleich auf die Übersetzung stürzte und sie wenige Wochen später ausführlich rezensierte.

Obwohl er kein Tschechisch konnte, war er von der Leistung Reiners nicht überzeugt:

Das Buch ist aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen worden – soweit ich das beurteilen kann, nicht sehr glücklich. Vielleicht ist es gut übersetzt, aber der Eindruck dieses Jargons, den Schwejk spricht, ist nicht lustig. Seine Grammatik ist farblos und steht in gar keinem Verhältnis zu den herrlichen Sachen, die er zusammenphilosophiert – man ahnt, was einem da Alles verloren gegangen sein mag. Ich gebe zu: dergleichen überträgt sich nicht. »Du bist woll mit de Muffe jebufft?« heißt nicht: »Hat Sie Jemand unsanft mit einem Pelzmuff angerührt?« – sondern etwas anders. Und das bleibt freilich am Bodensatz des Dialekts kleben, es kommt nicht herauf, und hier steckt die Tragik des Buches.

Auch den zweiten Band nahm er sich direkt nach dem Erscheinen vor. Darin kanzelte er Reiner noch schärfer ab:

Gott weiß, was uns durch diese unmögliche Übersetzung verloren geht – aber es bleibt noch genug.

Dieses »genug« reichte immerhin aus, dass bis vor kurzem keine weitere deutsche Übersetzung des Schwejk gegeben hat.

Ein Makel, den nun der 1962 in Prag geborene Übersetzer Antonín Brousek beseitigt hat. Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg sind zwar schon im vergangenen Jahr bei Reclam erschienen, werden aber weiterhin fleißig in den Feuilletons besprochen. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie »kongenial« Reiners Übersetzung war, oder, besser gesagt, wie sehr sie das Werk verfremdete und umdeutete. Reiner ließ den Schwejk »böhmakeln«, laut Wikipedia ein »gesprochenes Deutsch mit auffallendem ›böhmischen‹ Akzent«. Als deutscher Leser nimmt man nun mit Erstaunen zur Kenntnis, dass eine solche Sprechweise überhaupt nicht dem Original entspricht. Mit den Worten Brouseks:

Grete Reiner hat sich mit ihrem »Böhmakeln« etwas Neues ausgedacht. Dabei hat sie das Buch nicht übersetzt, sondern interpretiert und umgeschrieben und damit ein eigenständiges Werk geschaffen. Das bedeutet, die deutsche Fassung entsprach nicht nur nicht der tschechischen, sondern war auch noch eine eigenständige neue Interpretation, die mit dem Original nur bedingt etwas gemeinsam hat. […]

Hašeks Roman ist im Original in einem modernen Umgangstschechisch geschrieben. Es musste also ein modernes Umgangsdeutsch her. Das Buch enthält teilweise altertümelnde Begriffe, aber in der Regel reden alle Leute völlig normal. Das heißt, es ist genau umgekehrt zu Grete Reiner. […]

Alle Dialoge sind in einem normalen Umgangstschechisch verfasst, das auch »Schwejk« spricht. Die einzigen, die im Roman komisch sprechen, sind die Deutschen, denn diese können kein richtiges Tschechisch – und sobald sie versuchen Tschechisch zu sprechen, hört sich dies lächerlich an.

Brousek gibt im Interview mit Radio Prag der Kritik Tucholskys an der merkwürdigen Sprache der Protagonisten ausdrücklich recht:

Ich finde es erstaunlich, dass Tucholsky damals fast als Einziger dies bemerkte, obwohl er kein Tschechisch sprach. Den meisten gefiel Reiners Übersetzung bei der Veröffentlichung. Bert Brecht fand die Übersetzung beispielsweise urkomisch. Doch Kurt Tucholsky hat es richtig beschrieben, die Übersetzung ist in gewissem Sinne »unmöglich«.

Gut möglich ist aber, dass Reiner auch inhaltlich in den Roman eingriff. So schimpft Schwejk bei Brousek über die Deutschen: »Das sind solche Drecksäcke, wie sonst keiner auf der Welt.« Diese Passage zu Beginn des Buches findet sich bei Reiner nicht, wie die Berliner Zeitung kritisch bemerkt:

Bisher war dieser Satz, gesprochen zum Auftakt des Romans im Wirtshaus Zum Kelch, allen Lesern des Svejk bekannt – nur den titulierten Drecksäcken nicht. Denn in der einzigen deutschen Übertragung des Romans von 1926 und sämtlichen Neuauflagen fehlen diese Worte.

Kein Wunder, dass die Rezensenten die neue Übersetzung als »bahnbrechend« (Berliner Zeitung) und »überfällige Rettung eines modernen Klassikers aus dem K.-u.-k.-Komödienstadel« (Tagesspiegel) loben.

Umso besser, dass Brousek die Lorbeeren für sein Werk noch zu Lebzeiten ernten kann. Nicht nur die Schwäbische Zeitung hat ihn mit einem Namensvetter verwechselt und bereits 2013 sterben lassen. Auch der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek schreibt dem gleichnamigen Dichter und Literaturkritiker Brousek die neue Schwejk-Übersetzung zu. Wie quicklebendig der Übersetzer und laut Reclam in Berlin lebende Richter Brousek ist, zeigte er auch auf einer Lesung während der Leipziger Buchmesse 2014.

17.6.2014

too-HOLE-skee spricht Englisch

Viel zu lange ist an dieser Stelle schon versäumt worden, auf die neuen englischsprachigen Tucholsky-Ausgaben aus dem Berlinica-Verlag von Eva C. Schweitzer hinzuweisen. Im vergangenen Jahr erschien bereits der umfangreiche Band Berlin! Berlin! Dispatches from the Weimar Republic, der zahlreiche Texte Tucholskys nebst biografischen Erläuterungen und vielen zeitgeschichtlichen Fotos enthält. Zuletzt ließ Schweitzer noch Rheinsberg übersetzen, Tucholskys “Bilderbuch für Verliebte”, das ihn vor 100 Jahren in der Literaturwelt bekanntmachte.

Dass Tucholsky in der englischsprachigen Welt nahezu unbekannt ist, mag sicher auch am Mangel an Übersetzungen liegen. Die von Harry Zohn herausgegebenen Ausgaben liegen schon Jahrzehnte zurück. What if – ?; Satirical writings of Kurt Tucholsky stammt aus dem Jahr 1967, das Deutschland-Buch wurde 1972 übersetzt. Der Sammelband »Germany? Germany«: a Kurt Tucholsky Reader erschien 1990.

Die neuen Ausgaben des Berlinica-Verlages haben sogar das Interesse der New York Times geweckt. Anfang Juni porträtierte William Grimes unter der Überschrift »Giving a Satirist of the Third Reich the Last Laugh« den Schriftsteller, der 1936 in dem renommierten Blatt immerhin einen Nachruf erhalten hatte. Grimes stellt Tucholsky seinen Lesern wie folgt vor:

In Weimar Germany, Tucholsky (pronounced too-HOLE-skee) was big, the most brilliant, prolific and witty cultural journalist of his time. He remains big in Germany, a widely read author, with sales in the millions. In the English-speaking world, however, he barely exists.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Letzteres aufgrund der beiden Bände ein wenig ändert. Dass Tucholskys Sprache durch eine Übersetzung einiges an ihrer Wirkung verliert, lässt sich wohl nicht vermeiden. Aber zumindest scheint die Übersetzerin Cindy Opitz den Ton gut getroffen zu haben. Tucholsky-Fan Fred Roberts, der selbst ein Blog mit Übersetzungen betreibt, schrieb über Berlin! Berlin!:

Cindy Opitz hat ins zeitgenössische Englisch übersetzt, aber ich hatte das Gefühl, dass die Gedanken exakt wie die von Tucholsky klangen. Dies ist das erste Mal, dass ich ihn nicht auf Deutsch gelesen haben. Kompliment an Cindy Opitz. Es ist nicht einfach, Tucholsky auf Englisch zu artikulieren.

Um Tucholsky für die amerikanischen Leser literarisch einordnen zu können, vergleicht die New York Times ihn zum einen mit dem Humoristen Robert Benchley, zum anderen mit dem Satiriker H. L. Mencken.

Jemand, der wie Tucholsky gleich »mit 5 PS« schrieb, gab es aber selbst in den USA offenbar nicht.

18.11.2013

»Still, wie eine Jungfrau im achten Monat« – Unbekannter Tucholsky-Brief entdeckt

Es kommt nur sehr selten vor, dass fast 80 Jahre nach dem Tod Tucholskys unbekannte Briefe aus der Maschine des manischen Briefschreibers auftauchen. Doch gelegentlich werden solche raren Exemplare auf irgendeinem Dachboden wieder hervorgekramt. So auch im Falle von Jørn Dietrich. Dieser entdeckte im Nachlass seines Großvaters Alfred Dietrich einen Brief, den Tucholsky am 23. Juni 1927 während seines Aufenthaltes im dänischen Mogenstrup Kro getippt hatte. Der Brief ist zweifellos ein echter Tucholsky:

Hier ist es ganz still, der Wirt spricht so wenig Deutsch, dass meine Konversation auf das erfreulichste eingerostet ist, und ich arbeite vor mich hin und gehe im Wald spazieren und lebe still, wie eine Jungfrau im achten Monat.

Zugleich beantwortet der Brief einige Fragen, die Tucholskys Aufenthalte in Kopenhagen betreffen und klärt die Identität einer Person, die in einem anderen Brief erwähnt wurde. Ein Fund, der sich für die Tucholsky-Forschung gelohnt hat.

Der Briefadressat war damals Presseattaché der deutschen Botschaft in der dänischen Hauptstadt. Tucholsky hatte ihn wohl zu einem Essen eingeladen, um über ihn Kontakte zu prominenten dänischen Literaten und Politikern zu knüpfen. Das geht aus einem »Kassensturz« vom 13. Juni 1927 hervor, den er einem Brief an seine Frau Mary Tucholsky beilegte.

Hotel 140 Kronen (Dabei ein unverschämt hoher
Gepäcktransport von Terminus.)
Gepäck 15
Marken 45
Papier 15
Diverses 30
Whisky 10
Bücher 20
eine Pfeife 15
Essen mit
Dietrich 30

steht dort notiert. In der Tucholsky-Gesamtausgabe (Band 18, S. 627) heißt es noch zu Dietrich: »Nicht identifiziert.«

Auch wenn Tucholsky sich in dem Brief bitterlich beklagte, wohin seine ansehnlichen Honorare verschwunden sind (»Es sieht ja schrecklich mit dem Geld aus, und ich möchte nur wissen, wie das gekommen ist«). Die 30 Kronen für das Essen mit Dietrich waren offenbar gut angelegt. Denn in dem Schreiben an den Diplomaten bedankt er sich sehr artig «für alle Freundlichkeiten«, mit denen Dietrich ihm »wirklich ganz besonders nett weitergeholfen« habe. Ob dies der einzige Kontakt zwischen dem umherreisenden Schriftsteller und dem Presseattaché war, geht aus den überlieferten Texten und Briefen Tucholskys nicht hervor. Wobei er sich bei Dietrich mit dem Satz verabschiedete: »Sollte ich in Kopenhagen noch einmal Station machen, melde ich mich natürlich.«

Weitere Begegnungen sind durchaus wahrscheinlich. Es ist dazu sehr aufschlussreich, sich das Leben Dietrichs genauer anzuschauen. Denn in vieler Hinsicht ist es typisch für die Karriere eines linken Intellektuellen in den Wirren von Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegsepoche. Eine gute Quelle dafür ist ein Lebenslauf, den Dietrich nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, um als »Opfer des Faschismus« anerkannt zu werden.

Karl Wilhelm Alfred Dietrich wurde demnach am 1. September 1878 in Spremberg in der Niederlausitz geboren. Der Sohn eines Seilermeisters sollte nach dem Willen seines Vaters evangelischer Geistlicher werden, was Dietrich jedoch ablehnte, so dass er nur die Volksschule absolvierte. Mit 14 Jahren kam er zum Spremberger Anzeiger, wo er zum Setzer und Stenografen ausgebildet wurde. Mit 18 wurde er Redaktionsgehilfe beim Niederlausitzer Anzeiger in Finsterwalde. Von dort zog er nach Bremen, wo er bei der Weser-Zeitung sechs Jahre lang als Redakteur arbeitete. In Bremen lernte er auch den späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert kennen, mit dem ihm eine »warme Freundschaft” verband, wie Dietrich in dem Lebenslauf schreibt. Zum Jahreswechsel 1904 ging Dietrich nach Kopenhagen, wo er 40 Jahre seines Lebens verbringen sollte. Bis nach Ende des Ersten Weltkrieges arbeitete er dort als Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien, darunter das offiziöse Nachrichtenbüro WTB, die Kölnische Zeitung und das Hamburger Fremdenblatt. Nach der Novemberrevolution zahlten sich die alten Verbindungen zur SPD und insbesondere zu Ebert aus. Dietrich wurde 1919 Leiter der Presse- und Kulturabteilung der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen und behielt diesen Posten bis zum 1. Oktober 1934.

In diesen 15 Jahren machte er die Bekanntschaft mit vielen »bedeutenden Persönlichkeiten«, wie in dem Lebenslauf schreibt. Zu den ersten Bekanntschaften zählte einer der Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges, der nach der Abrüstung der Reichswehr als Militärberater nach Dänemark gegangen war. Der spätere Nazi-Bonze und Reichsmarschall Hermann Göring habe am meisten als »Schürzenjäger, Säufer und Morphinist« von sich reden gemacht, schreibt Dietrich. Ein Teil seiner Dienstzeit sei damit draufgegangen, Görings »zahlreiche Gläubiger zu beruhigen«. Dass Göring schon vor dem Münchner Putsch von 1923 Morphinist gewesen sein soll, widerspricht historischen Darstellungen. Er soll sich aber bereits im Ersten Weltkrieg mit Kokain aufgeputscht haben und nahm die Droge vielleicht auch in Kopenhagen. Die Bekanntschaft mit Göring sollte Dietrich aber noch einmal aus einer prekären Situation helfen.

Solange Dietrich noch als Presseattaché wirkte, lernte er zahlreiche deutsche und dänische Literaten kennen. »Ich nenne hierbei besonders Max Reinhardt, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Emil Ludwig, Kurt Tucholski [sic], ferner Einstein, Thälmann und Scheidemann …« Auch mit dem dänischen Ministerpräsidenten Thorvald Stauning sowie den Schriftstellern Martin Andersen Nexø und Georges Brandes hätten ihn »eine viele Jahre währende Freundschaft« verbunden. Es wundert nicht, dass die Nazis nach ihrer Machtübernahme den sozialdemokratischen Diplomaten auf Linie bringen wollten. Dietrich musste nach eigenen Angaben bei Propagandaminister Joseph Goebbels in Berlin zum Rapport, weigerte sich jedoch, der NSDAP beizutreten.

Eine persönliche Aussprach mit Goebbels hierüber, die der damalige Außenminister v. Neurath vermittelt hatte, und die im Auswärtigen Amt in Berlin stattfand, verlief ausserordentlich heftig, aber vollkommen ergebnislos. U.A. machte Goebbels mir zum Vorwurf, dass ich immer von einer »Partei« spräche, während es sich doch jetzt um eine Weltanschauung handele, worauf ich ihm erwidern konnte, dass er mich ja selbst aufgefordert habe, in die Partei einzutreten. Mit blutrotem Kopf fuhr er mich hierauf an, dass er sich eine derartige »Anpöbelung« verbäte.

Am 1. Oktober 1934 verlor Dietrich seinen Posten und fand in Kopenhagen nach Darstellung seines Enkels jahrelang keinen Job, was auch mit seiner Nazi-kritischer Haltung zusammengehangen haben könnte. Dietrich selbst behauptet hingegen, schon im April 1935 als Schriftleiter bei der Zeitung Licitationen angefangen zu haben. Auch in anderer Hinsicht flunkert Dietrich in seinem Lebenslauf ein wenig. Während er schreibt, seine Ehe sei 1935 geschieden worden, weil seine Frau ihm die ablehnende Haltung gegenüber den Nazis nicht habe verzeihen können, sieht das seine Familie anders. Der Diplomat sei immer schon seiner Frau untreu gewesen und habe das auch in den dreißiger Jahren fortgesetzt, was schließlich zum Bruch geführt habe.

Glaubhaft hingegen scheint, dass Dietrich sich aktiv für Flüchtlinge und durchreisende Regimegegner einsetzte: »Ernst Toller und Kurt Tucholski und andere haben bei mir vorübergehend Unterkunft erhalten«, schreibt er, wobei in diesem Fall unklar ist, ob Kopenhagen für Tucholsky weiterhin als Durchreisestation diente oder er auf dem Weg in die Schweiz nicht gleich per Schiff von Schweden nach den Niederlanden oder Belgien gefahren ist.

Die Geheime Staatspolizei beobachtete Dietrich auch nach seiner Entlassung aus dem diplomatischen Dienst und notierte Hitler-kritische Reden in der Öffentlichkeit. Anderthalb Jahre nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen wurde er von der Gestapo in Dänemark verhaftet. Am 9. November 1941 brachten ihn zwei Beamte nach Deutschland, wo er schließlich im berüchtigten Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz landete. »Vollkommen überrascht« sei er gewesen, als er im April 1942 entlassen worden sei. Dahinter steckte offenbar ein Besuch seiner Tochter bei Göring, die den damaligen Reichsmarschall daran erinnerte, wie ihr Vater ihn 1920 in sturzbetrunkenem Zustand und ohne Geld aus einer Bar mit nach Hause genommen hatte. Zwar habe Göring behauptet, im Gegensatz zu Goebbels nichts für Dietrich tun zu können, doch die plötzliche Entlassung dürfte sicherlich in einem Zusammenhang mit dem Besuch gestanden haben.

Dietrich durfte Berlin nicht verlassen. Ausgebombt und nervenkrank überstand er das Ende des Krieges in der Berliner Charité. Im September 1945 heiratete er seine zweite Frau Emma. Nach dem Krieg arbeitete er für den Berliner Magistrat unter den Bürgermeistern Louise Schroeder und Ernst Reuter. Wie aus dem abgebildeten Ausweis hervorgeht, wurde er als »Opfer des Faschismus« anerkannt. Am 27. Oktober 1951 starb er im Alter von 73 Jahren und wurde auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln beerdigt. Postum erhielt er 1953 eine Entschädigung von 1.395 D-Mark für 279 Tage Freiheitsentzug in der NS-Zeit. Seine Witwe erhielt 1964 eine Entschädigungssumme von 25.000 D-Mark, die Dietrich offenbar als Opfer des NS-Regimes zustand.

Wann und wie er Tucholsky zum letzten Mal gesehen hatte, ist nicht bekannt. Im April 1931 wurde Tucholsky in Kopenhagen an der Nase operiert. Ende Juni 1934 war er zum letzten Mal nach Schweden eingereist – dabei aber vermutlich mit dem Schiff von Amsterdam nach Göteborg gefahren. Solche und viele weitere Details von Tucholskys Leben sind noch ungeklärt. Aber vielleicht findet sich mal wieder ein verschollener Brief auf einem Dachboden, der für neue Erkenntnisse sorgt.

22.2.2012

»Wo Tucholsky unrecht hatte«

… schrieb die Süddeutsche Zeitung heute provokant als Titel über einen ihrer Artikel. Worum geht’s? Sind Soldaten doch keine Mörder? Die Sozialdemokraten doch eine Arbeiterpartei? Die Deutschen doch zu einer richtigen Revolution fähig? Weit gefehlt. In dem Text würdigt Wolfgang Koydl den im Alter von 81 Jahren gestorbenen SZ-Auslandskorrespondenten Carl E. Buchalla. Darin heißt es:

Kurt Tucholsky unterstellte Auslandskorrespondenten einmal, dass sie fremde Nationen »nicht erkennen, sondern durchschauen«, sie gleichsam auf frischer Tat ertappen wollten. Doch Tucholsky hatte nie eine Reportage von buc. gelesen. Carl Buchalla erkannte seine Pappenheimer und er kannte sie gut – die Serben und die Saudis, die Albaner und die Ägypter.

Nun hat Tucholsky sich in der Tat mehrfach kritisch über die Arbeit deutscher Auslandskorrespondenten geäußert. Am ausführlichsten in den Texten »Auslandskorrespondenten« oder »Auslandsberichte«. Koydls Zitat bezieht sich aber wohl auf Tucholskys kurze Bemerkung in der Aphorismensammlung »So verschieden ist es im menschlichen Leben!« von 1931:

Es gibt Auslandskorrespondenten, die wollen die fremden Völker, zu denen man sie geschickt hat, nicht erkennen. Sie wollen sie durchschauen.

Hm. Was sich bei Koydl wie nach einer pauschalen Korrespondentenschelte anhört, klingt im Original längst nicht so verallgemeinernd. Im Gegenteil. Insofern hätte Tucholsky in Buchalla, wenn er ihn je hätte lesen können, vermutlich nicht die rühmliche Ausnahme unter seinen Journalisten-Kollegen gesehen. Womit er am Ende natürlich doch nicht unrecht hatte.

11.8.2011

Schloß Gripsholm und das Rätsel des Polysandrions

Es ist 80 Jahre her, dass Tucholsky seine Sommergeschichte Schloß Gripsholm veröffentlichte. Seine Leser führte er darin in mancher Hinsicht an der Nase herum. Der Briefwechsel mit Verleger Rowohlt? Glatt erfunden. Übernachtung im Schloss? Dichterische Freiheit. Und seine Prinzessin, die Sekretärin Lydia? Die gebe es »nun aber gar nicht«, schrieb Tucholsky einst an einen Leser und schob seufzend hinterher: »Ja, es ist sehr schade.« Eine Episode jedoch, die der reinen Fantasie des Autors entsprungen zu sein schien, ist aber viel realer als jahrzehntelang geglaubt. Auf der Fahrt nach Schweden machten die Prinzessin und Tucholsky alias Daddy Station in Kopenhagen, wo er plötzlich einen Einfall hatte:

»Lydia!« rief ich, »Lydia! Beinah hätt ich es vergessen! Wir müssen uns das Polysandrion ansehn!« – »Das … was?« – »Das Polysandrion! Das mußt du sehn. Komm mit.« Es war ein langer Spaziergang, denn dieses kleine Museum lag weit draußen vor der Stadt.
»Was ist das?« fragte die Prinzessin.
»Du wirst ja sehn«, sagte ich.

Es ist schwer zu sagen, wie viele der Millionen Gripsholm-Leser sich in Kopenhagen schon auf die Spur des Polysandrions begeben haben. Fündig geworden ist dort niemand. Selbst im Kommentar der Gesamtausgabe, Band 14, heißt es nur lapidar: »Dazu nichts ermittelt.« Dabei hat Tucholsky selbst schon einige Andeutungen gemacht, was es mit Haus auf sich hat und wo das merkwürdige Gebäude zu finden sein sollte.

»Da haben sich zwei Balten ein Haus gebaut. Und der eine, Polysander von Kuckers zu Tiesenhausen, ein baltischer Baron, vermeint, malen zu können. Das kann er aber nicht.« – »Und deshalb gehn wir soweit?« – »Nein, deshalb nicht. Er kann also nicht malen, malt aber doch – und zwar malt er immerzu dasselbe, seine Jugendträume: Jünglinge … und vor allem Schmetterlinge.« – »Ja, darf er denn das?« fragte die Prinzessin. »Frag ihn … er wird da sein. Wenn er sich nicht zeigt, dann erklärt uns sein Freund die ganze Historie. Denn erklärt muß sie werden. Es ist wundervoll.« – »Ist es denn wenigstens unanständig?« – »Führte ich dich dann hin, mein schwarzes Glück?«

Da stand die kleine Villa – sie war nicht schön und paßte auch gar nicht in den Norden; man hätte sie viel eher im Süden, in Oberitalien oder dortherum vermutet … Wir traten ein.

»Oberitalien« ist schon ganz gut. Aber »dortherum« passt noch besser. Denn das reale Vorbild der Lydia, Tucholskys Geliebte Lisa Matthias, besaß ein Ferienhaus im Schweizer Kanton Tessin. Mehrere Male hielten sich die beiden dort in Lugano auf. Zudem verbrachte Tucholsky im Sommer 1930 einige Wochen in Locarno und Brissago. Genug Gelegenheit, das wirkliche Polysandrion kennenzulernen. In Gripsholm beschreibt er es als ein künstlerisches Kuriosum:

Die Prinzessin machte große Kulleraugen, und ich sah das Polysandrion zum zweiten Mal.

Hier war ein Traum Wahrheit geworden – Gott behüte uns davor! Der brave Polysander hatte etwa vierzig Quadratkilometer teurer Leinwand voll gemalt, und da standen und ruhten nun die Jünglinge, da schwebten und tanzten sie, und es war immer derselbe, immer derselbe. Blaßrosa, blau und gelb; vorn waren die Jünglinge, und hinten war die Perspektive.

»Die Schmetterlinge!« rief Lydia und faßte meine Hand. »Ich flehe dich an«, sagte ich, »nicht so laut! Hinter uns kriecht die Aufwärterin herum, und die erzählt nachher alles dem Herrn Maler. Wir wollen ihm doch nicht weh tun.« Wirklich: die Schmetterlinge. Sie gaukelten in der gemalten Luft, sie hatten sich auf die runden Schultern der Jünglinge gesetzt, und während wir bisher geglaubt hatten, Schmetterlinge ruhten am liebsten auf Blüten, so erwies sich das nun als ein Irrtum: diese hier saßen den Jünglingen mit Vorliebe auf dem Popo. Es war sehr lyrisch.

»Nun bitte ich dich …«, sagte die Prinzessin. »Still!« sagte ich. »Der Freund!« Es erschien der Freund des Malers, ein ältlicher, sympathisch aussehender Mann; er war bravbürgerlich angezogen, doch schien es, als verachtete er die grauen Kleider unsres grauen Jahrhunderts, und der Anzug vergalt ihm das. Er sah aus wie ein Ephebe a.D. Murmelnd stellte er sich vor und begann zu erklären. Vor einem Jüngling, der stramm mit Schwert und Schmetterling dastand und die Rechte wie zum Gruß an sein Haupt gelegt hatte, sprach der Freund in schönstem baltischem Tonfall, singend und mit allen rollenden Rrrs: »Was Sie hier sehn, ist der völlich verjäistichte Militarrismus!« Ich wendete mich ab – vor Erschütterung. Und wir sahen tanzende Knaben, sie trugen Matrosenanzüge mit Klappkragen, und ihnen zu Häupten hing eine kleine Lampe mit Bommelfransen, solch eine, wie sie in den Korridoren hängen –: ein möbliertes Gefilde der Seligen. Hier war ein Paradies aufgeblüht, von dem so viele Seelenfreunde des Malers ein Eckchen in der Seele trugen; ob es nun die ungerechte Verfolgung war oder was immer: wenn sie schwärmten, dann schwärmten sie in sanftem Himmelblau, sozusagen blausa. Und taten sich sehr viel darauf zu gute. Und an einer Wand hing die Photographie des Künstlers aus seiner italienischen Zeit; er war nur mit Sandalen und einem Hoihotoho-Speer bekleidet. Man trug also Bauch in Capri.

»Da bleibt einem ja die Luft weg!« sagte die Prinzessin, als wir draußen waren. »Die sind doch keineswegs alle so …?« – »Nein, die Gattung darf man das nicht entgelten lassen. Das Haus ist ein stehen gebliebenes Plüschsofa aus den neunziger Jahren; keineswegs sind sie alle so. Der Mann hätte seine Schokoladenbildchen gradesogut mit kleinen Feen und Gnomen bevölkern können … Aber denk dir nur mal ein ganzes Museum mit solch realisierten Wunschträumen – das müßte schön sein!«
»Und dann ist es so … blutärmlich!« sagte die Prinzessin. »Na, jeder sein eigner Unterleib! Und daraufhin wollen wir wohl einen Schnaps trinken!« Das taten wir.

Um den Erhalt des »Polysandrions« kümmert sich unter anderem der Schweizer Kunsthistoriker Rolf Thalmann. Er machte die Tucholsky-Gesellschaft auf das Museum aufmerksam, – und um das Rätsel endlich aufzulösen – das eigentlich »Sanctuarium Artis Elisarion« heißt. Thalmann schreibt:

In Wirklichkeit stand dieses Gebäude in Minusio bei Locarno im schweizerischen Kanton Tessin, und Tucholsky hat es nach mindestens mündlicher Überlieferung zweimal besucht, bevor er es in seiner Sommergeschichte »würdigte«. Die Erbauer waren tatsächlich zwei Balten, Elisàr von Kupffer (1872–1942), von dem die Bilder stammten, und Eduard von Mayer (1873–1960).

Nach längerer Pause soll das »Centro d’arte Elisarion« neu belebt werden. Den Auftakt bildet diesen Herbst eine Ausstellung des fotografischen Nachlasses der beiden Besitzer, der mit Hilfe verschiedener Organisationen gesichert worden ist. Er dokumentiert gleichzeitig den ursprünglichen Zustand des 1926 eröffneten Hauses, in dem das bereits 1924 gemalte Rundbild »Klarwelt der Seligen« eingebaut wurde. Die Ausstellung wird am 16. September eröffnet.
Wer sich bereits vorher über das Vorbild des Polysandrions orientieren will, dem stehen zwei hervorragende Quellen zur Verfügung:
– ein Buch von Fabio Ricci: Ritter, Tod & Eros. Die Kunst Elisàr von Kupffers (1872-1942), Köln Weimar Wien (Böhlau) 2007
– die Website www.elisarion.ch

Nachdem nun geklärt ist, wo sich das ominöse Polysandrion befindet, stellen sich weitere Fragen: Warum hat Tucholsky dieses Gebäude so verfremdet? Und warum hat er die Beschreibung in Schloß Gripsholm verwertet und nicht in einem Text in der Weltbühne oder anderen Medien?

Eine Erklärung könnte sein: Tucholsky fand das Ganze künstlerisch genauso despektierlich, wie er es beschrieben hat. Aber er wollte die Maler und deren Homosexualität nicht bloßstellen und verschlüsselte daher ihre Identität. Dies wäre natürlich in einem Zeitschriftenbeitrag nicht so leicht möglich gewesen. Und seine zeitgenössischen Leser? Konnte Tucholsky erwarten, dass sie seine Anspielungen verstanden? Vermutlich nicht. In der Weltbühne werden Kupffer und sein Elisarion nie erwähnt, in der Vossischen Zeitung nur einmal. Dort hieß es am 7. März 1931 über ihn:

Elisarion sei ein streng logischer Kosmo-Lyriker, dessen Gedichte an die leidende Menschheit, dessen Schau des verklärten Seins, dessen Drama »Feuer im Osten«, dessen Lebenswerk »die Klarwelt der Seligen« uns neue Offenbarungen über die kosmischen Jahreszeiten des Menschentums bringen sollen, indem sie Kraft des Mannes mit Anmut des Weibes vereinigen.

Vermutlich verstanden wenige Eingeweihte, wer mit »Polysander von Kuckers zu Tiesenhausen« gemeint war. Die anderen irrten stunden- oder tagelang durch Kopenhagen auf der Suche nach einem Museum, das gar nicht in den Norden passte.

2.2.2011

Massives Gedenken

Tucholsky hat im Laufe seines Lebens an vielen unterschiedlichen Orten gelebt. Mal kürzer, mal länger. Eine sehr langlebige Erinnerung an sein Wirken und seine Aufenthalte sind hingegen die Gedenktafeln, die in mehreren Ländern Europas zu Ehren Tucholskys hängen. Allein in Berlin gibt es vier davon.

Ende vergangenen Jahres ist eine weitere hinzugekommen. Am 21. Dezember, Tucholskys 75. Todestag, stellte die Deutsche Botschaft in Stockholm an dessen Grab in Mariefred eine Tafel auf. Einen kleinen Überblick über die unterschiedlichen Gedenktafeln gibt die folgende Diashow. Nur Paris sollte sich beeilen, auch mal in diese Sammlung zu kommen.

30.9.2010

Unterwegs in einem langen Land

»Schweden – das ist ja ein langes Land.« Mit diesem Seufzer aus Tucholskys Sudelbuch lassen sich noch heute rudimentäre Geographiekenntnisse über Skandinavien vortäuschen. Über 1574 Kilometer erstreckt sich Tucholskys Wahlheimat – von Trelleborg im Süden bis Kiruna im Norden. Soweit wie von München bis kurz vor Palermo. Wer sich auf die Spuren Tucholskys in Schweden begibt, muss diese Distanz jedoch nicht komplett überwinden. Zum Glück bewegte er sich nur im Süden des Landes, auf und unterhalb der Linie zwischen Stockholm im Osten und Göteborg im Westen. Zwischen Juli 1928 und Dezember 1935. Zwischen fruchtbarer schriftstellerischer Produktion und zerstörter Existenz.

Tucholsky näherte sich peu à peu dem Norden. Im Sommer 1927 zog es ihn zunächst nach Dänemark, wo er in Morgenstrup-Kro per Lou den Sammelband Mit 5 PS zusammenstellte. Im nächsten Jahr ging es dann ins nordöstlich gelegene Nachbarland. Über Malmö und Ystad (wo Kommissar Wallander nicht einmal geboren war) kam er nach Kivik (sprich: Chivik), einem beschaulichen Küstenort in der Provinz Skåne län (Schonen). Knapp sechs Wochen hielt sich Tucholsky dort auf. Von einer Apfelmosterei und einem »kleinen buckligen Mädchen« abgesehen gab es wenig Ablenkung.

Es ist ganz still, und ich habe zwei kleine Zimmer in einem Häuschen, und es sind nur 10 Leute da, und hier ist nun mal ausnahmsweise ruhig. Der Strand ist mäßig, aber ich brauche ihn nicht.

schrieb er an seine Frau Mary am ersten Tag. Und notierte am nächsten: »Ablenkung ist hier nicht; es kann kaum jemand deutsch, und ich spiele Grammophon und Schreibmaschine, immer abwechselnd.« Trotz der ersehnten Ruhe gelang es ihm nicht, seine geplanten literarischen Projekte umzusetzen. Ein Theaterstück über Christoph Kolumbus wollte er schreiben und einen weiteren Sammelband zusammenstellen, wovon er nur letzteres schaffte (Das Lächeln der Mona Lisa).


Kivik: Noch immer ein ruhiger Ort an der Küste Schonens.

Wo mag Tucholsky damals gewohnt haben?, fragt man sich bei Besuch des immer noch beschaulichen Ortes. Als Adresse gab er damals »Kvasa Solbad« an. Was es damit auf sich hat, klärte der im vergangenen Jahr gestorbene Schweden- und Tucholsky-Kenner Jochen Reinert einmal auf:

Kvasa Solbad bestand im wesentlichen aus einem Badehäuschen, aufgestellt vom damals unternehmenslustigsten Kiviker, dem schwedischen »Apfelkönig« Henric Åkesson. Unweit des »Steinkopfs« ist an einem stattlichen Haus eine Erinnerungstafel für den Obstbau-Pionier zu sehen. War Tucholsky wirklich hier, wie eine Briefstelle vermuten läßt? Die freundliche Hausherrin Gunhild Åkesson weiß zu berichten: »Ja der deutsche Schriftsteller hat hier einen Sommer gewohnt und geschrieben, in den beiden vorderen Zimmern des Hauses.«

Der »Steinkopf« (schwedisch: Stenshuvud) ist ein schöner Nationalpark mit durchaus nicht »mäßigem« Strand. Die Apfelmosterei ist bei den alkoholgegängelten Schweden natürlich sehr beliebt. Reinert hat sogar herausgefunden, wer das »bucklige Mädchen« war, mit dem Tucholsky häufig spazieren ging: Eine junge Berlinerin, die bei ihren schwedischen Verwandten Urlaub machte.


Der Stenshuvud ragt mit seinen Felsen bis an Meer heran.

Nach dem Ende des sechswöchigen Aufenthalts zeigte sich Tucholsky mit seiner Produktion sehr zufrieden:

Hier ist quantitativ enorm viel gekommen – nur nicht das, wozu ich hergefahren bin. […] Und nächsten Sommer macht, wenn GOtt ihm Gesundheit gibt, eine Reise nach Schweden, mit Malzen, wie?

Die Reise machte Tucholsky tatsächlich. Allerdings nicht mit Malzen (Mary), die sich zwischenzeitlich von ihm getrennt hatte, sondern mit seiner Geliebten Lisa Matthias, dem »Lottchen«. Nicht erst im Sommer, sondern schon am 5. April 1929 reisten beide in Schweden ein. Ebenso wie der Ich-Erzähler mit seiner »Prinzessin« in Schloß Gripsholm fuhren auch Tucholsky und Matthias zunächst nach Stockholm. »Eine Stadt mit Wasser ist immer schön«, notierte er in der kleinen Sommergeschichte beiläufig, womit er den Reiz der schwedischen Hauptstadt schon in großen Teilen erfasst hat. »Wunderschöne junge Frauen gingen durch die Straßen … von einem geradezu lockenden Blond«, die heutzutage von lauter übergewichtigen Kreuzfahrttouristinnen und knipsenden Asiaten verdrängt werden.


Eine Stadt mit Wasser ist immer schön…

Tucholsky zog es damals schnell aufs schwedische Land. Zunächst mietete er in der Nähe von Läggesta am Mälarsee das Haus Fjälltorp (sprich: Fjälltorp). Dort blieb er von April bis Oktober 1929. Von Läggesta, wen nimmt’s wunder, ist es nicht weit zum Schloss Gripsholm. Noch immer dampft eine Schmalspurbahn die 4,5 Kilometer lange Strecke nach Mariefred. Der Bahnhof hat sich seit Tucholskys Zeiten wohl kaum verändert. »Eigentlich war es nur ein kleines Haus«, schrieb er, »das aber furchtbar ernst tat und vor lauter Bahnhof vergessen hatte, daß es Haus war.« Inzwischen hat es vor lauter Museum vergessen, dass es Bahnhof ist.


Wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.

»Sie kämen nur sonntags«, heißt in Schloß Gripsholm über die Touristen. Das stimmt nicht mehr. Tucholsky hat mit seinem Buch selbst dazu beigetragen, dass ein Besuch des Schlosses zum Pflichtprogramm für deutsche Schwedenreisende gehört. »Wo hat er denn nun im Schloss gewohnt?«, dürften sich manche nach der Lektüre des Büchleins fragen. Dies kann selbst die deutsche Schlossführerin Maren von Bothmer nicht beantworten, die eines der kleinen Häuschen vor dem Schlossgraben bewohnt. Dafür erklärt sie gerne, wo Daddy und die Prinzessin alias Peter und Lydia alias Kurt und Lisa tatsächlich untergeschlüpft waren. Früher fragten die deutschen Touristen noch, ob sie ebenfalls den angeblichen Schlossanbau mit Blick auf See und Park mieten könnten. Diesen Wunsch dürften angesichts der Besucherscharen wohl nur noch wenige verspüren.


Mariefred ist eine klitzekleine Stadt am Mälarsee.

Anders als in Rheinsberg, wo ein Tucholsky-Museum in den Schlossräumen eingerichtet wurde, gehört der deutsche Schriftsteller nicht zur offiziellen Geschichte des schwedischen Königsschlosses. Als der Journalist Herman Lindqvist (eine Art schwedischer Guido Knopp) jüngst den Lesern des Aftonbladet die Schlossgeschichte erzählte, kam Tucholsky nicht einmal darin vor. Im Schlossladen liegt auch kein Exemplar des Buches aus, werden keine Tucholsky-Postkarten verkauft. Dazu muss man schon in den Buchladen in der Storgatan gehen. Dort gibt es tatsächlich eine »Tucholsky-Ecke«, und eine Ausgabe von Schloß Gripsholm liegt verkaufsgünstig an der Kasse. Gibt es Tucholsky auch auf Schwedisch? Derzeit nicht, sagt der Vorsitzende des schwedischen PEN-Clubs, Ola Larsmo. Es habe zwar schon Übersetzungen des Buches gegeben, doch die seien derzeit vergriffen. Der PEN-Club vergibt jedes Jahr ein mit rund 16.000 Euro dotiertes Tucholsky-Stipendium. Es geht an Schriftsteller, die im Exil leben müssen, und soll ihnen ein wirtschaftliches unabhängiges Arbeiten ermöglichen. Mit dem Stipendium wäre Tucholsky damals nicht lange über die Runden gekommen – aber dazu später mehr.

In dem Mariefreder Buchladen liegen auch altmodisch gestaltete Postkarten, die Fotos von Tucholskys Grab zeigen. Ach ja, da war noch was. An diesem idyllischen Ort, den er literarisch verewigte, fand er selbst seine letzte Ruhestätte. Anders als das Schloss wird Tucholskys Grab jedoch von deutlich weniger Touristen aufgesucht. Der Friedhof liegt am Ortsausgang ( Ärnäsvägen) in Richtung Kalkudden. Auf einem Lageplan am Eingang ist ein rotes T eingezeichnet, das die Lage des Grabes markiert.

Es hilft aber auch, nach einer Eiche Ausschau zu halten, unter der sich die schwere Granitplatte mit den vier klobigen Metallringen befindet. Die Entscheidung, die Urne mit seiner Asche dort beizusetzen, traf Tucholskys schwedische Helferin und Geliebte Gertrude Meyer. Laut Tucholsky-Biographin Helga Bemman erfüllte sie damit dessen letzten Wunsch. Unlängst hat der niederländische Tucholsky-Fan Henk Mantel ein Büchlein um die Idee geschrieben, dass Tucholsky selbst diesen Ort ausgesucht hat, weil er damit seinen Frieden mit seiner zweiten Frau Mary habe ausdrücken wollen. Das klingt charmant, ist aber letztlich nicht zu beweisen und eher unwahrscheinlich.

Es mutet ein wenig merkwürdig an, dass Tucholsky und Lisa Matthias auf der Suche nach einem dauerhaften Aufenthaltsort ausgerechnet im 400 Kilometer entfernten westschwedischen Hindås (sprich: Hindoos) landeten. Aber der kleine Ort in der Nähe von Göteborg war für Tucholsky wohl schneller von Deutschland aus zu erreichen. Im August 1929 mietete er die Villa Nedsjölund (sprich: Nedschölund), wo er im Dezember 1935 die tödliche Dosis Schlafmittel nehmen sollte.

Die Tatsache, dass Tucholsky in Hindås wohnte, wird nicht einmal in den Reiseführern erwähnt. Auch ist das Haus nicht so leicht wie das etwas auffälligere und besser ausgeschilderte Schloss Gripsholm zu finden. Kommt man von der Autobahn aus an den See Västra Nedsjön, stößt man rechterhand zunächst auf den Eingang zum Hindåsgården, einem Konferenzzentrum. Links geht es in den Ort. Eine vorausgegangene Webrecherche hatte ergeben, dass man in der Bibliothek von Hindås durchaus weiß, wo Tucholskys Villa liegt. Ein Straßenname fand sich aber weder in diesem noch jenem Artikel. Also gehts zunächst einmal auf die Suche zur Bibliothek, die sich oberhalb des Bahnhofs befindet.


Mit dem Zug war Tucholsky schnell in Göteborg.

Wie fast alles in Schweden hat auch die Bücherei im Sommer »semester«, also das, was für Studenten vor der Bologna-Reform ohnehin Urlaub bedeutete. Aber nebenan in einer Galerie hat man ebenfalls schon von Tucholskys früherem Wohnsitz gehört. Auf einem vorsorglich mitgebrachten Stadtplan von Google-Maps machen die beiden Galerie-Damen nach einigem Hin und Her ein Kreuz an der äußersten rechten Ecke des Ausdrucks. Da müsse das Haus sein. Groß und blau, gar nicht zu übersehen. In der angegeben Ecke von Hindås, östlich des im Jugendstil erbauten Bahnhofs, findet sich aber kein Haus, das annähernd der Villa Nedsjöslund ähnelt. Dafür ein interessantes Phänomen: die einzige Frau in Schweden, die kein Englisch versteht. Daher kann Frau Ingen Engelska, wie sie sich vorstellt, leider auch keine anderen Ort im Stadtplan ankreuzen. Was bleibt also anderes übrig, als das Ufer weiter abzufahren und Ausschau nach einem großen, blauen Haus zu halten. Und tatsächlich, gleich hinter dem Eingang zum zunächst verschmähten Hindåsgården steht solch ein Gebäude. Letzte Gewissheit bringt eine Gedenktafel, die unten an der Gartenmauer angebracht ist.


Till sin död lebte Tucholsky hier.

Um es für weitere Suchende festzuhalten: Die Villa liegt im Iva Bergers Väg und bietet noch immer einen unverbauten Blick auf den See. Das Haus ist vor kurzem renoviert worden und macht einen imposanten Eindruck.

Mit einem Stipendium von 16.000 Euro wäre Tucholsky damals vermutlich nicht lange über die Runden gekommen. Bei seinem Tod schuldete er seiner Züricher Freundin Hedwig Müller 10.000 Schweizer Franken. Weit mehr als das damalige Jahresgehalt eines Schweizer Volksschullehrers. Auch aus finanziellen Gründen wollte er in der Zeit vor seinem Tod die Villa aufgeben. Den großen Hausstand auflösen, sich verkleinern, möglicherweise an die schwedische Ostküste ziehen. Oder in die Schweiz, zu Hedwig Müller. Seine schwedische Geliebte Gertrude Meyer machte sich hingegen Hoffnungen, dass Tucholsky sie heirate, mit ihm den Flügel eines Schlosses miete, wo auch immer. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.


Ich weiß nichts vom Stil dieser Villa – ich weiß nur: wenn ich mir eine baute, so eine baute ich mir.

Meyer fand Tucholsky im Laufe des 21. Dezember 1935 bewusstlos in dessen Schlafzimmer. Sie nährte, zum Teil wohl wider besseres Wissen, von Anfang an die Legende vom Selbstmord aus Verzweiflung. Verzweiflung über den Gesundheitszustand, die politische Situation in Deutschland, seine allgemeine Lage. Nichtsdestotrotz ist bis heute unklar, was zu dieser letzten Fahrt Tucholskys von Hindås ins Sahlgrenska Krankenhaus nach Göteborg führte. Dort stellte man an jenem Abend um 21.55 Uhr seinen Tod fest. Die Ursache nach der Obduktion mit zwei Fragezeichen: »Intoxicatio ? (veronal ?)«

Seit diesem Tag hat sich die schwedische Landmasse wohl gut 30 Zentimeter aus dem Meer gehoben. Wie lange es dauern wird, bis die ganze Wahrheit um Tucholskys Tod aus der Vergangenheit auftaucht, lässt sich hingegen nicht abschätzen. Vielleicht ist Schweden aber nicht nur ein langes, sondern auch ein langsames Land.

8.12.2008

Unser Ausland

Die unklare politische Situation in Thailand nimmt Kai Strittmatter in der Süddeutschen zum Anlass, sich Gedanken über das Verhältnis der Deutschen zum Ausland zu machen. Sein Leitartikel »Unser Thailand« beginnt mit dem Zitat:

Kurt Tucholsky hätte die Idee mit den Konsumgutscheinen gut gefunden. Und auch eine Verwendung dafür gehabt: »Man sollte jedem Deutschen noch fünfhundert Mark dazugeben, damit er ins Ausland reisen kann«, schrieb der Schriftsteller und Journalist 1924: »Er würde sich manche Plakatanschauung abgewöhnen – wenn er vorurteilslos genug ist, die Augen aufzumachen.« Ein schöner Traum. Der vom Reisen, das bildet. Ein Traum, in dem vor dem Hinausrufen der Weltanschauung das genaue Anschauen der Welt steht. Tucholsky wollte den Deutschen damals ihre Klischees über die Franzosen austreiben.

Gegen Ende seiner Ausführungen kommt Strittmatter dann noch auf die Bedeutung der Auslandsberichterstattung zu sprechen.

Die Welt ist so klein wie nie, aber ist der Wissensdurst gewachsen? Eine Reihe von Korrespondenten von ARD und ZDF hat sich im letzten Jahr zu Wort gemeldet und einen sinkenden Stellenwert der Auslandsberichterstattung beklagt. Auch eine neue Studie des »Netzwerk Recherche« stellt »erhebliche Defizite« in deutschen Medien fest: Zum einen gebe es eine Hinwendung zu Innenpolitik und Lokalem, zum anderen nehme auch bei Auslandsberichten der Deutschlandbezug stark zu.

Bei aller Kritik ist die Arbeit der Korrespondenten weit davon entfernt, auf das Niveau früherer Zeiten zu sinken. Vor dem Zweiten Weltkrieg bestand sie häufig daraus, die Zeitungen des Gastlandes abzuschreiben, was Tucholsky in einer Generalabrechnung mit der Auslandsberichterstattung beklagte:

Das Leben eines Landes spielt sich eben nicht in seinen Zeitungen ab. Man kann zwar aus diesen Zeitungen viel ersehen, wenn man auch sonst gut Bescheid weiß — ihre Macht soll nicht unterschätzt werden. Aber eine Zeitung ist keine Kamera — Journalisten sind Abzeichner. Man muß immer wieder Bild und Wirklichkeit vergleichen.

Ignaz Wrobel: »Auslandsberichte«, in: Die Weltbühne, 12.5.1925, S. 694

Auch die beliebten Meldungen aus dem »Vermischten« waren darin Grund zur Klage:

Die faits divers sind auch schuld daran, daß die eine Nation die andre für einen Haufen tobsüchtig gewordener, ewig ehebrechender, halbirrer, sonderlinghafter, unter völlig desperaten Umständen lebender und mit Revolvern herumfuchtelnder Menschen hält.

Was ja immer noch zu stimmen scheint.

Nach Ansicht von Weltbühne-Herausgeber Siegfried Jacobsohn trug die unzureichende Auslandsberichterstattung sogar Mitschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges:

Ich für mein Teil will nicht ablassen, den Anteil der Presse an dieser brennenden Schmach unsrer Tage festzustellen — in der Zuversicht, durch Mahnung, Spott, Warnung und bloße sachliche Feststellung am Ende doch zu einer Gesundung der Verhältnisse beizutragen. Da kommt mir der Schutzverband deutscher Schriftsteller höchst dankenswert zu Hilfe. In dessen Organ begründet ein Mann, der durch viele Jahre zwei große deutsche Zeitungen aus London bedient hat, die Überzeugung, »daß der Krieg mit England bei einer bessern Vertretung der deutschen Presse in London während des letzten Jahrzehnts zu vermeiden gewesen wäre«.

»Antworten. Hermann M.«, in: Die Schaubühne, 22.7.1915, S. 95

Sein Text endet mit einem flammenden Appell, die Auslandskorrespondenten finanziell gut auszustatten, um eine sinnvolle Berichterstattung zu ermöglichen:

Auch um dieser Auslandskorrespondenten willen wird Deutschland in der Welt verlacht. Die Verleger scheffeln Millionen, von Jahr zu Jahr mehr Millionen, und mieten sich — die Ausnahmen sind allzu schnell hergezählt — für eine Arbeit, von der letzten Endes unser aller Leben abhängt, um ein Almosen einen Kuli, der nichts weiß, nichts sieht und nichts hört, sich so schlecht anzieht, wie er schreibt, keine Manieren hat, die Hintertreppe benutzen muß und sich am allerwenigsten den Luxus eines Gewissens oder gar des Interesses für seine Tätigkeit leisten kann. Schadet nichts, da Deutschland ja trotzdem siegt, die lachende, längst nicht mehr lachende Welt besiegt? Aber unser Sieg wird zu teuer erkauft und wäre ohne Krieg zu haben gewesen, wenn unsre Zeitungen, soweit sie wirklich Einfluß haben, nicht meistens im Dienst mehr oder minder skrupelloser Plusmacher, sondern des Geists, der Freiheit und der Menschlichkeit stünden.

PS: Die Ausgabe des Economist, in der der im ersten Satz verlinkte Artikel erschien, wurde deswegen in Thailand verboten.

7.8.2008

Augen in der Großstadt 2.0

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
          da zeigt die Stadt
          dir asphaltglatt
     im Menschentrichter
     Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück . . .
War’s etwa der hier? Oder die da?

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
          Ein Auge winkt,
          die Seele klingt;
     du hasts gefunden,
     nur für Sekunden . . .
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück . . .
Schau besser nach hier, immer wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
          Es kann ein Feind sein,
          es kann ein Freund sein,
          es kann im Kampfe dein
          Genosse sein.
     Es sieht hinüber
     und zieht vorüber . . .
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
          Von der großen Menschheit ein Stück!
Man sagt nur C’est la vie da.


Wie erfolgreich solche Augenblicks-Anzeigen sind, steht in der Berliner Zeitung.

22.2.2008

Undurchdringliche Sprachverwirrung

Muss die Geschichte des Nationalsozialismus und deutschen Antifaschismus vielleicht umgeschrieben werden? In einer philologischen Schnellstudie für den Blogblick der “Netzeitung” hat Maik Söhler in der “Weltbühne” Passagen gefunden, “die von der nationalsozialistischen Durchdringung einer der wichtigsten Publikationen der Weimarer Republik zeugen”. Genauer gesagt, er hat den hier veröffentlichten Text “Raubstaat Liechtenstein” von Hellmut von Gerlach gelesen und ist dabei auf die Begriffe Schmarotzer, Eiterbeule und Vampyr gestoßen, die seiner Meinung nach “reiner NS-Duktus” sind und darauf verweisen, “in welchem Kontext die Weltbühne im Februar 1933 erschien”, wie er auf Anfrage erläuterte. Bei Texten von Tucholsky oder Ossietzky aus der “Weltbühne” habe er dagegen solche Passagen nicht gefunden.

Gegen diese Behauptungen gibt es ziemlich viele Dinge einzuwenden. Hier einige davon:

Der Vorwurf einer “nationalsozialistischen Durchdringung” einem demokratisch engagierten Journalisten und Pazifisten wie Hellmut von Gerlach gegenüber ist so absurd, dass man diesen nicht mal eben nach der Lektüre eines kurzen Textes erheben sollte. Dies an drei Begriffen und Formulierungen festzumachen, die übrigens im heutigen Diskurs ebenfalls auftauchen, ist reichlich unbedarft. Nur weil Söhler solche Begriffe aus dem NS-Kontext kennt, heißt das noch lange nicht, dass sie im damaligen Sprachgebrauch nicht gängige Metaphern waren. So schrieb zum Beispiel Tucholsky (!) 1929 (!) über die Unsitte, Autorenhonorare nicht zu bezahlen:

Was die Zeitungskorrespondenzen angeht, so steht es damit ähnlich: es gibt ganze Heerscharen von Parasiten, die von uns leben, schlecht abrechnen, noch unpünktlicher bezahlen und sich überhaupt an fremde Arbeit anzecken.

Oder über Bertolt Brecht:

In besonders schlimmen Fällen sind es Moos oder andre Parasiten, die Saft und Kraft aus den alten Bäumen ziehen — die Schmarotzer vergingen ohne den Alten.

1920 (!) schrieb der Rechtsanwalt und Schriftsteller Leo Pasch über die Novemberrevolution in der “Weltbühne”:

Der Moloch des Obrigkeitsstaates mußte ausgetilgt werden aus der Mitte des Volkes. War Deutschland den äußern Feinden unterlegen, so war es desto heiligere Aufgabe, den Vampyr zu töten, der dem kämpfenden Volke das Blut und das Hirn ausgesogen hatte: der Bureaukratismus mußte schleunigst in die Wolfsschlucht.

Es ist zweifellos so, dass die Nazis viele Begriffe der deutschen Sprache kontaminiert haben, weil sie deren Bedeutung pervertierten oder weil dem Gebrauch der Begriffe unvorstellbare Taten folgten. Aber gerade die “Weltbühne” hat sich immer dagegen gewehrt, die Begrifflichkeiten der Nazis zu übernehmen und darauf verwiesen, wo die Nazis sie zusammengeklaubt hatten. Man würde den “Weltbühne”-Autoren heute auch keinen Rassismus vorwerfen, weil sie ständig die Begriffe Nigger oder Neger benutzten, die damals noch üblicher Sprachgebrauch waren.

Trotz dieses sprachlichen Kontextes kann sich natürlich fragen, warum ein fortschrittlicher und toleranter Mensch wie Hellmut von Gerlach sich in Sachen Liechtenstein so sehr in Rage redete und forderte, das Land im Grunde aufzulösen und notfalls unter die Verwaltung des Völkerbundes zu stellen. Dazu ist zu bemerken, dass Deutschland und andere europäische Länder sich in der Weltwirtschaftskrise in einer extremen Finanznot befanden und um jede Einnahme froh waren, die sie erzielen konnten. Deutschland war seit 1930 praktisch zahlungsunfähig und balancierte ständig am Rande des Staatsbankrotts. Dies machte es der Regierung Brüning unmöglich, durch großzügige Konjunkturprogramme oder Kreditausweitung die Wirtschaftskrise zu bekämpfen und der Nazi-Propaganda somit das Wasser abzugraben. Die Sanierung der Finanzen war für die Weimarer Republik eine Existenzfrage, an deren unzulänglicher Lösung sie mit gescheitert ist. Man mag sich wundern, dass sich Gerlach auch dann noch für die deutschen Staatsfinanzen einsetzte, als die Nazis bereits an der Macht waren. Aber erstens hoffte er sicher, dass der braune Spuk bald vorbei sein würde. Und zweitens widmete er sich auch in seinem letzten Beitrag für die “Weltbühne”, eine Woche später, der Außenpolitik, was damals sicher unverfänglicher war. Denn ihm selbst war klar, dass er persönlich in großer Gefahr schwebte und seine Name auf Verhaftungslisten der Nazis stand. Außerdem hatte der “Stahlhelm” drei Wochen zuvor eine Resolution beschlossen, die die “Todesstrafe für Landesverräter und die Verächter wahren deutschen Volkstums wie Hello von Gerlach” forderte. Wie sehr Gerlach den Nazis verhasst war, zeigt sich auch daran, dass er auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches stand.

Zuletzt könnte man noch spekulieren, dass Gerlach der antisemitischen Propaganda der Nazis entgegenwirken und darauf hinweisen wollte, wo seiner Meinung nach wirklich Schmarotzer saßen, die den Staat aussagten, so wie es die Nazis von den Juden behaupteten. Die eigentliche Botschaft hätte dann zwischen den Zeilen und in dem fast schon parodistischen Widerspruch zu den antisemitischen Tiraden Hitlers und Goebbels gelegen. Eine solche Intention hätte wohl nur Gerlach selbst bestätigen können.

Fazit: Die Wendungen am Ende des Textes zeigen wohl in der Tat, wie sehr sich Gerlach über die staatlich begünstigte Steuerflucht nach Liechtenstein damals geärgert hat. Nicht viel anders, als es unzählige Kommentatoren heute auch tun. Wer weiß, wie in 75 Jahren jemand beurteilt wird, der Liechtenstein heute als Schurkenstaat bezeichnet.

12

Powered by WordPress