18.11.2013

»Still, wie eine Jungfrau im achten Monat« – Unbekannter Tucholsky-Brief entdeckt

Es kommt nur sehr selten vor, dass fast 80 Jahre nach dem Tod Tucholskys unbekannte Briefe aus der Maschine des manischen Briefschreibers auftauchen. Doch gelegentlich werden solche raren Exemplare auf irgendeinem Dachboden wieder hervorgekramt. So auch im Falle von Jørn Dietrich. Dieser entdeckte im Nachlass seines Großvaters Alfred Dietrich einen Brief, den Tucholsky am 23. Juni 1927 während seines Aufenthaltes im dänischen Mogenstrup Kro getippt hatte. Der Brief ist zweifellos ein echter Tucholsky:

Hier ist es ganz still, der Wirt spricht so wenig Deutsch, dass meine Konversation auf das erfreulichste eingerostet ist, und ich arbeite vor mich hin und gehe im Wald spazieren und lebe still, wie eine Jungfrau im achten Monat.

Zugleich beantwortet der Brief einige Fragen, die Tucholskys Aufenthalte in Kopenhagen betreffen und klärt die Identität einer Person, die in einem anderen Brief erwähnt wurde. Ein Fund, der sich für die Tucholsky-Forschung gelohnt hat.

Der Briefadressat war damals Presseattaché der deutschen Botschaft in der dänischen Hauptstadt. Tucholsky hatte ihn wohl zu einem Essen eingeladen, um über ihn Kontakte zu prominenten dänischen Literaten und Politikern zu knüpfen. Das geht aus einem »Kassensturz« vom 13. Juni 1927 hervor, den er einem Brief an seine Frau Mary Tucholsky beilegte.

Hotel 140 Kronen (Dabei ein unverschämt hoher
Gepäcktransport von Terminus.)
Gepäck 15
Marken 45
Papier 15
Diverses 30
Whisky 10
Bücher 20
eine Pfeife 15
Essen mit
Dietrich 30

steht dort notiert. In der Tucholsky-Gesamtausgabe (Band 18, S. 627) heißt es noch zu Dietrich: »Nicht identifiziert.«

Auch wenn Tucholsky sich in dem Brief bitterlich beklagte, wohin seine ansehnlichen Honorare verschwunden sind (»Es sieht ja schrecklich mit dem Geld aus, und ich möchte nur wissen, wie das gekommen ist«). Die 30 Kronen für das Essen mit Dietrich waren offenbar gut angelegt. Denn in dem Schreiben an den Diplomaten bedankt er sich sehr artig «für alle Freundlichkeiten«, mit denen Dietrich ihm »wirklich ganz besonders nett weitergeholfen« habe. Ob dies der einzige Kontakt zwischen dem umherreisenden Schriftsteller und dem Presseattaché war, geht aus den überlieferten Texten und Briefen Tucholskys nicht hervor. Wobei er sich bei Dietrich mit dem Satz verabschiedete: »Sollte ich in Kopenhagen noch einmal Station machen, melde ich mich natürlich.«

Weitere Begegnungen sind durchaus wahrscheinlich. Es ist dazu sehr aufschlussreich, sich das Leben Dietrichs genauer anzuschauen. Denn in vieler Hinsicht ist es typisch für die Karriere eines linken Intellektuellen in den Wirren von Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegsepoche. Eine gute Quelle dafür ist ein Lebenslauf, den Dietrich nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, um als »Opfer des Faschismus« anerkannt zu werden.

Karl Wilhelm Alfred Dietrich wurde demnach am 1. September 1878 in Spremberg in der Niederlausitz geboren. Der Sohn eines Seilermeisters sollte nach dem Willen seines Vaters evangelischer Geistlicher werden, was Dietrich jedoch ablehnte, so dass er nur die Volksschule absolvierte. Mit 14 Jahren kam er zum Spremberger Anzeiger, wo er zum Setzer und Stenografen ausgebildet wurde. Mit 18 wurde er Redaktionsgehilfe beim Niederlausitzer Anzeiger in Finsterwalde. Von dort zog er nach Bremen, wo er bei der Weser-Zeitung sechs Jahre lang als Redakteur arbeitete. In Bremen lernte er auch den späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert kennen, mit dem ihm eine »warme Freundschaft“ verband, wie Dietrich in dem Lebenslauf schreibt. Zum Jahreswechsel 1904 ging Dietrich nach Kopenhagen, wo er 40 Jahre seines Lebens verbringen sollte. Bis nach Ende des Ersten Weltkrieges arbeitete er dort als Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien, darunter das offiziöse Nachrichtenbüro WTB, die Kölnische Zeitung und das Hamburger Fremdenblatt. Nach der Novemberrevolution zahlten sich die alten Verbindungen zur SPD und insbesondere zu Ebert aus. Dietrich wurde 1919 Leiter der Presse- und Kulturabteilung der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen und behielt diesen Posten bis zum 1. Oktober 1934.

In diesen 15 Jahren machte er die Bekanntschaft mit vielen »bedeutenden Persönlichkeiten«, wie in dem Lebenslauf schreibt. Zu den ersten Bekanntschaften zählte einer der Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges, der nach der Abrüstung der Reichswehr als Militärberater nach Dänemark gegangen war. Der spätere Nazi-Bonze und Reichsmarschall Hermann Göring habe am meisten als »Schürzenjäger, Säufer und Morphinist« von sich reden gemacht, schreibt Dietrich. Ein Teil seiner Dienstzeit sei damit draufgegangen, Görings »zahlreiche Gläubiger zu beruhigen«. Dass Göring schon vor dem Münchner Putsch von 1923 Morphinist gewesen sein soll, widerspricht historischen Darstellungen. Er soll sich aber bereits im Ersten Weltkrieg mit Kokain aufgeputscht haben und nahm die Droge vielleicht auch in Kopenhagen. Die Bekanntschaft mit Göring sollte Dietrich aber noch einmal aus einer prekären Situation helfen.

Solange Dietrich noch als Presseattaché wirkte, lernte er zahlreiche deutsche und dänische Literaten kennen. »Ich nenne hierbei besonders Max Reinhardt, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Emil Ludwig, Kurt Tucholski [sic], ferner Einstein, Thälmann und Scheidemann …« Auch mit dem dänischen Ministerpräsidenten Thorvald Stauning sowie den Schriftstellern Martin Andersen Nexø und Georges Brandes hätten ihn »eine viele Jahre währende Freundschaft« verbunden. Es wundert nicht, dass die Nazis nach ihrer Machtübernahme den sozialdemokratischen Diplomaten auf Linie bringen wollten. Dietrich musste nach eigenen Angaben bei Propagandaminister Joseph Goebbels in Berlin zum Rapport, weigerte sich jedoch, der NSDAP beizutreten.

Eine persönliche Aussprach mit Goebbels hierüber, die der damalige Außenminister v. Neurath vermittelt hatte, und die im Auswärtigen Amt in Berlin stattfand, verlief ausserordentlich heftig, aber vollkommen ergebnislos. U.A. machte Goebbels mir zum Vorwurf, dass ich immer von einer »Partei« spräche, während es sich doch jetzt um eine Weltanschauung handele, worauf ich ihm erwidern konnte, dass er mich ja selbst aufgefordert habe, in die Partei einzutreten. Mit blutrotem Kopf fuhr er mich hierauf an, dass er sich eine derartige »Anpöbelung« verbäte.

Am 1. Oktober 1934 verlor Dietrich seinen Posten und fand in Kopenhagen nach Darstellung seines Enkels jahrelang keinen Job, was auch mit seiner Nazi-kritischer Haltung zusammengehangen haben könnte. Dietrich selbst behauptet hingegen, schon im April 1935 als Schriftleiter bei der Zeitung Licitationen angefangen zu haben. Auch in anderer Hinsicht flunkert Dietrich in seinem Lebenslauf ein wenig. Während er schreibt, seine Ehe sei 1935 geschieden worden, weil seine Frau ihm die ablehnende Haltung gegenüber den Nazis nicht habe verzeihen können, sieht das seine Familie anders. Der Diplomat sei immer schon seiner Frau untreu gewesen und habe das auch in den dreißiger Jahren fortgesetzt, was schließlich zum Bruch geführt habe.

Glaubhaft hingegen scheint, dass Dietrich sich aktiv für Flüchtlinge und durchreisende Regimegegner einsetzte: »Ernst Toller und Kurt Tucholski und andere haben bei mir vorübergehend Unterkunft erhalten«, schreibt er, wobei in diesem Fall unklar ist, ob Kopenhagen für Tucholsky weiterhin als Durchreisestation diente oder er auf dem Weg in die Schweiz nicht gleich per Schiff von Schweden nach den Niederlanden oder Belgien gefahren ist.

Die Geheime Staatspolizei beobachtete Dietrich auch nach seiner Entlassung aus dem diplomatischen Dienst und notierte Hitler-kritische Reden in der Öffentlichkeit. Anderthalb Jahre nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen wurde er von der Gestapo in Dänemark verhaftet. Am 9. November 1941 brachten ihn zwei Beamte nach Deutschland, wo er schließlich im berüchtigten Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz landete. »Vollkommen überrascht« sei er gewesen, als er im April 1942 entlassen worden sei. Dahinter steckte offenbar ein Besuch seiner Tochter bei Göring, die den damaligen Reichsmarschall daran erinnerte, wie ihr Vater ihn 1920 in sturzbetrunkenem Zustand und ohne Geld aus einer Bar mit nach Hause genommen hatte. Zwar habe Göring behauptet, im Gegensatz zu Goebbels nichts für Dietrich tun zu können, doch die plötzliche Entlassung dürfte sicherlich in einem Zusammenhang mit dem Besuch gestanden haben.

Dietrich durfte Berlin nicht verlassen. Ausgebombt und nervenkrank überstand er das Ende des Krieges in der Berliner Charité. Im September 1945 heiratete er seine zweite Frau Emma. Nach dem Krieg arbeitete er für den Berliner Magistrat unter den Bürgermeistern Louise Schroeder und Ernst Reuter. Wie aus dem abgebildeten Ausweis hervorgeht, wurde er als »Opfer des Faschismus« anerkannt. Am 27. Oktober 1951 starb er im Alter von 73 Jahren und wurde auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln beerdigt. Postum erhielt er 1953 eine Entschädigung von 1.395 D-Mark für 279 Tage Freiheitsentzug in der NS-Zeit. Seine Witwe erhielt 1964 eine Entschädigungssumme von 25.000 D-Mark, die Dietrich offenbar als Opfer des NS-Regimes zustand.

Wann und wie er Tucholsky zum letzten Mal gesehen hatte, ist nicht bekannt. Im April 1931 wurde Tucholsky in Kopenhagen an der Nase operiert. Ende Juni 1934 war er zum letzten Mal nach Schweden eingereist – dabei aber vermutlich mit dem Schiff von Amsterdam nach Göteborg gefahren. Solche und viele weitere Details von Tucholskys Leben sind noch ungeklärt. Aber vielleicht findet sich mal wieder ein verschollener Brief auf einem Dachboden, der für neue Erkenntnisse sorgt.

21.12.2012

Tucholsky und der Hindukusch

Der SPD-Politiker und frühere Verteidigungsminister Peter Struck ist am Mittwoch überraschend in Berlin gestorben. Politiker und Medien würdigten Struck zu Recht als einen Mann der klaren Worte. Wie zum Beweis stellte Spiegel Online eine Übersicht der prägnantesten Zitate ins Netz, Belege für »eine unverfälschte Persönlichkeit« und für einen Politiker, »der offene Worte fand – die nicht jedem gefielen«.

Nicht gefallen hat den meisten Tucholsky-Fans eine Äußerung, die Struck bei einem öffentlichen Bundeswehr-Gelöbnis im Juni 2003 in Hamburg machte. Als Demonstranten in Anspielung auf das Tucholsky-Diktum »Soldaten sind Mörder« ein Transparent mit der Aufschrift »Tucholsky hat recht« entrollten, bemerkte der damalige Verteidigungsminister:

Wenn Tucholsky heute leben würde, hielte er die Auslandseinsätze der Bundeswehr für richtig.

Ob Tucholsky ihm jetzt dafür auf den Wellen die Leviten liest?
Zum damaligen Anlass hat das schon die Titanic in einem »Brief an die Leser« gebührend übernommen. Dem muss man nun nichts mehr hinzufügen. Angesichts vieler weichgespülter Politiker-Statements werden wir Typen wie Struck dennoch vermissen.

25.1.2012

Hitlers »komisches Buch«

Der britische Verleger Peter McGee hat mit seinen Plänen für Wirbel gesorgt, Auszüge aus Adolf Hitlers Manifest Mein Kampf in kommentierter Form auf den deutschen Zeitungsmarkt zu bringen. Die bayerische Landesregierung hat dem nun einen Riegel vorgeschoben, weil sie weiter die Urheberrechte an dem Werk geltend macht. Doch was spricht dagegen, die »NS-Bibel« (Focus) vor dem Wegfall des Urheberschutzes im Jahr 2015 schon den deutschen Lesern zugänglich zu machen? Eigentlich nichts, außer der Tatsache, dass Hitlers Werk ein unlesbarer Schmarrn ist.

Dieses Urteil haben zumindest die Autoren der Weltbühne gefällt, die in der Zeit der Weimarer Republik den zweifelhaften Vorteil hatten, das Buch ungehindert lesen zu können. Auf welche Weise haben sich nun Journalisten wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky mit Hitlers Ergüssen aus seiner Landsberger Festungshaft auseinandergesetzt? Genau so, wie das Buch es verdiente: nämlich gar nicht. Es ist schon bemerkenswert, dass Mein Kampf erst im Februar in der Weltbühne 1931 überhaupt erwähnt wurde. Damals saßen die Nazis schon mit mehr als 100 Abgeordneten im Reichstag. In einer »Antwort« an den ehemaligen Reichskanzler Joseph Wirth hieß es lapidar:

Wie Sie selbst dazu stehen, haben Sie verraten, als sie bemerkten, dass in Adolf Hitlers komischem Buch manche Stellen Sie an Nietzsche erinnert hätten.

Einen Seitenhieb auf Hitler und sein Manifest machte dann der Pazifist Hellmut von Gerlach im Oktober 1932, als er in einem Artikel vor möglichen Pogromen nach einer Machtübernahme der Nazis warnte:

Für klug hat ihn wohl noch nie jemand gehalten, der sein Buch Mein Kampf gelesen hat.

Immerhin schien Gerlach das Buch gelesen zu haben.

Ebenfalls im Oktober 1932 widmete sich die Zeitschrift schließlich in einem eigenen Text Hitlers Buch, »dieser reichhaltigsten Kathederblüten-Sammlung der Welt«. Der Titel des Artikels von Heinz Horn, »Hitlers Deutsch«, war bezeichnend: Ein Buch, das solch hanebüchenen Thesen vertrat und in so schlechtem Deutsch geschrieben war, hatte auch angesichts der drohenden Machtübernahme keine ernsthafte Betrachtung verdient. Horn machte dabei nichts anderes, als einige der schrägsten Formulierungen aneinanderzureihen. Das sah dann so aus:

Adolf Hitlers grundlegendes Buch Mein Kampf ist in der deutschen Literatur vollkommen einmalig. Durchaus angebracht, daß uns andre Völker ob dieser reichhaltigsten Kathederblüten-Sammlung der Welt beneiden. Mögen andre Leute derartige Dinge mühsam aus Hunderten von Büchern und Schriften zusammenklauben, was hier vorliegt, ist von der ersten bis zur letzten Zeile Originalarbeit, tierisch ernst gemeint und mit wundervollem Pathos vorgetragen — in einer Sprache, die in ihrer orientalischen Üppigkeit und in ihrem östlichen Bilderreichtum noch die Tiraden des kleinen Hadschi Halef Omar in Karl Mays Reisebeschreibungen übertrifft. Wer nicht weiß, wo Braunau liegt, muß aus der Sprache, die der größte Sohn dieser kleinen Stadt spricht, schließen, es läge im verdächtigsten Morgenland.

Die Bilder und Vergleiche, mit denen Hitler seine tiefsinnigen Aussprüche ziert, sind mit Vorliebe dem Gebiet der Naturwissenschaften entnommen, wobei vor allem unappetitliches Kleinvieh wie Maden, Bazillen und Quallen eine prominente Rolle spielt.

So wie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein (S. 61).

So schön an sich diese reiche Bildersprache ist, läßt sie einen doch nicht recht erkennen, wer da eigentlich vom plötzlichen Lichte geblendet ist: die Made, das Jüdlein oder der kühne Chirurg höchstpersönlich. Außerdem ist dem Dichter bei diesem Vergleich leider entgangen, daß die Made im Leibe ist, weil er faulig ist, und nicht etwa der Leib deshalb fault, weil die Made darin ist. Weiter:

Man bedenke, daß auf einen Goethe die Natur immer noch leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als Bazillenträger schlimmster Art die Seelen vergiften (S. 62). (…)

Aber auch wo sie die Tierwelt in Ruhe läßt, zeichnet sich Hitlers Prosa durch eine Farbenpracht der Diktion aus, für die hier noch einige Beispiele gegeben seien:

Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte »öffentliche Meinung«, deren Schaum dann die parlamentarische Aphrodite entsteigt (S. 94). (…)

Was wirklich über das Normalmaß des breiten Durchschnitts hinausragt, pflegt sich in der Weltgeschichte meistens persönlich anzumelden (S. 96).

Man hatte keine blasse Ahnung, daß die Begeisterung, erst einmal geknickt, nicht mehr nach Bedarf zu erwecken ist (S. 183).

Ebenbilder Gottes dürfte man nur mehr wenige finden, ohne des Allerhöchsten freveln zu wollen (S. 281).

Ohne des Allerhöchsten freveln zu wollen: wer solches mit ungeknickter und nach Bedarf zu weckender Begeisterung zu lesen vermag, dem ist wohl nicht zu helfen.

Warum die Deutschen dieses Buch nun endlich wieder zur Kenntnis nehmen sollen? Eine Antwort gibt ein Geschichtslehrer in einem Gastbeitrag für die Rhein-Zeitung:

Hitler geht immer und sorgt für Auflage. Das ist bekannt. Das weiß auch der Verleger Peter McGee.

Dennoch befürwortet der Lehrer Daniel Bernsen eine Veröffentlichung auch in Deutschland und verweist auf die Lesereise des deutsch-türkischen Kabarettisten Serdar Somuncu, der dem Publikum Passagen aus Mein Kampf vorgetragen hatte:

So absurd und unfreiwillig komisch Hitlers Argumentation bisweilen ist, so schrecklich waren die Folgen dieser Gedanken. Die Balance dazwischen gelingt Somuncu ausgesprochen gut.

Die Auseinandersetzung mit dem Text, seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte ist wichtig. Das bisherige Verbot hat in Deutschland offensichtlich das Gegenteil erreicht. Das Lachen über den Text zeigt das Erkennen der Absurdität der vorgetragenen Argumentation. Es ist genau dieses Lachen, das den Text von seiner mystischen Aura befreit.

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass McGee die Passagen aus Mein Kampf nun »unleserlich« machen will. Das waren sie nach Ansicht der Weltbühne schon immer.

15.8.2011

Was sind Soldaten eigentlich?

Wie schwer es war, mit der Generation der Wehrmachtssoldaten über deren Kriegserlebnisse zu reden, hat der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil schon als kleiner Junge erfahren. In seinem schönen Büchlein Die Moselreise, das er als Kind geschrieben hat, bemerkt er:

Ich fragte Papa danach nichts Weiteres über die furchtbare Unruhe und den Krieg, weil ich weiß, dass Papa nicht gern über den Krieg spricht. Papa ist damals für einige Jahre Soldat gewesen, und ich weiß, dass er während dieser Zeit als Soldat viele, viele Fotos gemacht hat. Papa hat mir jedoch noch nie eines dieser Fotos gezeigt. (Als ich ihn später in Köln einmal gefragt habe, warum er mir seine Fotos aus dem Krieg nicht zeigt und warum wir diesen Krieg nicht auch nacherleben, hat Papa gesagt, dass er den Krieg um keinen Preis nacherleben wolle und dass er sich nichts Furchtbareres vorstellen könne als den Krieg nachzuerleben. Ich habe dann nicht weiter nach den Fotos und nach dem Krieg gefragt, weil Papa sehr ernst geworden ist, als ich ihn nach den Fotos und nach dem Krieg gefragt habe.)

So wie Ortheils Vater dürfte es den meisten deutschen Soldaten gegangen sein. Um so überraschender kam für Publikum und Historiker eine Studie, die im Frühjahr dieses Jahres publiziert wurde. Einfache Soldaten und auch Offiziere schilderten ihre Kriegserlebnisse ungewöhnlich offen und freimütig. Die Alliierten hatten Gespräche von deutschen Kriegsgefangenen heimlich mitgeschnitten und aufbewahrt. Zwei kurze Beispiele:

Bäumer: »Da haben wir vorne eine Zwei-Zentimeter-Kanone einbauen lassen. Dann sind wir im Tiefflug über die Straßen, und wenn uns Autos entgegenkamen, haben wir den Scheinwerfer angemacht, die dachten, es käme ein Auto ihnen entgegen. Dann haben wir mit der Kanone reingehalten. Damit hatten wir viele Erfolge. Das war sehr schön, das machte riesigen Spaß. Auch Eisenbahnzüge und so Zeug.«

Greim: »Wir haben einmal einen Tiefangriff bei Eastbourne gemacht. Da kommen wir an und sahen ein großes Schloss, da war anscheinend ein Ball oder was, auf alle Fälle viele Damen in Kostümen und eine Kapelle. Das erste Mal sind wir vorbeigeflogen, dann haben wir noch einen Angriff gemacht und haben reingehalten. Mein lieber Freund, das hat Spaß gemacht.«

Es wundert einen daher nicht, dass der Mitautor der Studie, Harald Welzer, im Magazin Stern gefragt wurde: »Sind, mit Tucholsky, Soldaten Mörder?« Welzer antwortete:

Natürlich sind sie das, das schreiben wir am Ende des Buches auch ganz deutlich: Töten ist ihr Job. Alles andere ist Romantik. In Tucholskys Äußerung schwingt ja mit, dass er nicht versteht, warum es Soldaten überhaupt gibt. Seine Aussage ist moralisch grundiert. Empirisch betrachtet: Soldaten sollen töten, das lernen sie, das ist ihr Handwer.k

Die 512 Seiten lange Untersuchung ist aber alles andere als eine Materialsammlung, die nur Gesprächsprotokolle wiedergibt. Vielmehr versuchen Welzer und sein Co-Autor Sönke Neitzel, die Aussagen der Soldaten sehr genau in ihren damaligen Kontext einzuordnen. Sie wollen den »Referenzrahmen des Krieges« analysieren. Erläutern, warum die Armee des nationalsozialistischen Deutschen Reiches solche Verbrechen begehen konnten. Und verstehen, ob es tatsächlich an der Erziehung und Propaganda im Dritten Reich lag, dass die Soldaten so schnell »Spaß« am Töten bekamen. Ein eindeutiges Mordmerkmal. Der Spiegel bezeichnete die Abhörprotokolle als »Sensationsfund« und urteilte:

Die Wissenschaft hat schon immer die Frage interessiert, wie schnell aus ganz normalen Menschen Tötungsmaschinen werden können. Nach den vorliegenden Berichten muss man sagen: sehr schnell.

Es ist allerdings nicht so, dass die Autoren in ihrer Untersuchung explizit auf die Frage eingehen, ob Soldaten Mörder sind. Obwohl das Buch auf die Entwicklung des Wehrgedankens in der Weimarer Republik eingeht, wird Tucholskys Position nicht erwähnt. Am Ende heißt es nur: »Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.« Erstaunlicherweise wird diese noch recht sachliche Position von den Protokollen selbst überholt:

Zotlöterer: »Ich habe einen Franzosen von hinten erschossen. Der fuhr mit dem Fahrrad.«
Weber: »Von ganz nahe?«
Zotlöterer: »Ja.«
Heuser: »Wollte der dich gefangen nehmen?«
Zotlöterer: »Quatsch. Ich wollte das Fahrrad haben.«

Sicherlich haben nicht alle Soldaten so gewissenlos gehandelt. Aber die Tatsache, dass Zotlöterer seinen Mord so freimütig dem Kameraden mitteilte, macht deutlich, dass dieser sich keiner besonderen Schuld bewusst war. Er glaubte offenbar, völlig im Recht so gehandelt zu haben. Im damaligen Prozess um das »Soldaten sind Mörder«-Zitat hatten die Anwälte Carl von Ossietzkys viele antimilitaristische Zitate aus der Geistesgeschichte bemüht. In ähnlichen Prozessen könnte man in Zukunft dieses Buch als Beleg für die These vor Gericht präsentieren. Und auch das Fazit des Spiegel erwähnen:

Nicht im Menschen ist die Moral begründet, die sein Handeln bestimmt, sie liegt in den Strukturen, die ihn umgeben. Ändern sich diese, ist grundsätzlich alles möglich, auch das absolute Grauen.

Die Struktur, die das absolute Grauen hervorbringt, hatte für Tucholsky einen Namen: Krieg. Die Schilderungen der Wehrmachtsoldaten hätten aber wohl jenseits seiner Vorstellungskraft gelegen.

Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 521 S., geb., 22,95 Euro.

25.7.2011

Wirre Welten

Wie haben linke Journalisten und Schriftsteller in der Weimarer Republik den Nationalsozialismus bekämpft? Warum sind sie gescheitert? Mit diesen Fragen beschäftigte sich vor einiger Zeit eine Tagung der Tucholsky-Gesellschaft. Warum schafften es auch brillante Autoren wie Tucholsky und standhafte Journalisten wie Carl von Ossietzky nicht, dem Aufstieg der Nazis etwas entgegenzusetzen? Eine durchaus selbstkritische Analyse des verlorenen Kampfes fand sich schon damals in der Weltbühne. Im November 1932 schrieb Walther Karsch, der spätere Mitbegründer des Berliner Tagesspiegels, unter anderem:

Die Linke hat es sich selbst zuzuschreiben, daß sich das Gift der Ideen, Theorien und Argumente der Gegner ungehindert ausbreiten und die Gehirne vernebeln konnte. Wie selten traf man vor dem September 1930 auf eine Arbeit, die den Versuch unternahm, den Feind in seinem Hause aufzusuchen, ihn so zu zeichnen, wie er war, und dann sein politisches Gebäude anzubohren. Jetzt endlich bequemt man sich dazu, näher und ernsthaft auf diese Fragen einzugehen.

Walther Karsch: »Die Linke hat Schuld«, in: Die Weltbühne, 28. Jg., Nr. 45 (8.11.1932), S. 697–698

Trifft dieser Vorwurf auch heutige Journalisten, die sich mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigen? Schon möglich, aber mit Sicherheit nicht die Autoren Astrid Geisler und Christoph Schultheis. Die beiden haben sich für ihr Buch Heile Welten — Rechter Alltag in Deutschland ausführlich mit dem weiten Spektrum rechtsextremer Tendenzen in Deutschland auseinandergesetzt. Und haben keine Mühe gescheut, »den Feind in seinem Hause aufzusuchen«. Dazu gehört beispielsweise die engagierte »Tante Ines vom Spielplatz«, die ihre völkischen Ideen auch als Elternsprecherin und Schöffin vertritt. Oder den Gründer des Internetportals Politically Incorrect, Stefan Herre, »eine der Leitfiguren der deutschen Islam-Gegner, einer illustren, politisch unübersichtlichen Szene, die bis in rechtsextreme Kreise reicht«.

Der Tenor des Buches: Anders als meist geglaubt wird, ist der »Kampf gegen Rechts« häufig keine Erfolgsgeschichte, haben die Rechten oft einen langen Atem in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Gezeigt wird das am Beispiel Delmenhorst, wo die Bürger im Jahr 2006 erfolgreich den Verkauf eines Hotels an den Neonazi Jürgen Rieger verhinderten. Doch inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt. Das mit viel Spendengeld gekaufte Hotel wurde längst abgerissen, die Neonazis sind in der Stadt jedoch präsenter denn je.

Walther Karsch mahnte 1932:

Mochten sie nun Hitler oder Hugenberg, Goebbels oder Hussong, Müller oder Schulze heißen, die meisten Auslassungen der Linken ließen diese Figuren als mehr oder minder große Trottel erscheinen. Jetzt sind diese »Trottel« auf einmal an der Macht oder bedenklich in ihre Nähe gerückt.

Nach der Lektüre von Heile Welten hat zwar man nicht den Eindruck, als könnten die Herres und Schreibers bedenklich in die Nähe der Macht rücken. Aber es lässt sich, wie von den Autoren behauptet, kaum leugnen, dass sich

in ganz Deutschland eine Subkultur etabliert [hat], die sich nach außen bürgerlich gibt, tatsächlich aber für eine rassistische und nationalistische Gesellschaft kämpft.

Welche Folgen das haben kann? Es bleibt sehr zu hoffen, dass sich nicht auch in Deutschland unter solchem Einfluss die Gehirne vernebeln.

Astrid Geisler, Christoph Schultheis: Heile Welten – Rechter Alltag in Deutschland, 224 Seiten. Klappenbroschur,
€ 15,90 [D] / sFR 23,90 [CH] / € 16,40 [A] (ISBN 978-3-446-23578-6)
Auch als E-Book (978-3-446-23699-8, € 11,99 [D]) erhältlich.
© Carl Hanser Verlag München

2.2.2011

Massives Gedenken

Tucholsky hat im Laufe seines Lebens an vielen unterschiedlichen Orten gelebt. Mal kürzer, mal länger. Eine sehr langlebige Erinnerung an sein Wirken und seine Aufenthalte sind hingegen die Gedenktafeln, die in mehreren Ländern Europas zu Ehren Tucholskys hängen. Allein in Berlin gibt es vier davon.

Ende vergangenen Jahres ist eine weitere hinzugekommen. Am 21. Dezember, Tucholskys 75. Todestag, stellte die Deutsche Botschaft in Stockholm an dessen Grab in Mariefred eine Tafel auf. Einen kleinen Überblick über die unterschiedlichen Gedenktafeln gibt die folgende Diashow. Nur Paris sollte sich beeilen, auch mal in diese Sammlung zu kommen.

19.10.2010

Der Gendarmeriekommissar von Hildburghausen

In seiner Zeitgeschichte-Rubrik Eines Tages hat Spiegel Online erläutert »Wie Hitler Deutscher wurde«. Autorin Johanna Lutteroth schreibt darin über die Einbürgerung Adolf Hitlers:

Hitler aber war staatenlos, nachdem er 1925 auf seine österreichische Staatsbürgerschaft verzichtet hatte. Sechsmal hatte er seitdem versucht, in den Besitz des deutschen Passes zu kommen. Jedes Mal war er am Widerstand der demokratischen Institution gescheitert […]. Mittlerweile [Anfang 1932] hatte auch die Presse Wind von den verzweifelten Einbürgerungsversuchen Hitlers bekommen und machte sich gehörig darüber lustig.

Das klingt so, als hätten die deutschen Behörden jahrelang das Richtige gemacht, um den Aufstieg Hitlers nach ihrer Möglichkeit einzudämmen. Auch scheint es, als habe die Presse vorher davon nichts erfahren und kaum darüber berichtet. Das trifft beides nicht zu. Denn die Behörden hätten noch ganz anders mit Hitler umgehen können. Darauf wies die Weltbühne schon kurz vor der Posse von Hildburghausen hin. Herausgeber Carl von Ossietzky fragte im Juni 1930:

Warum hat eigentlich noch keine deutsche Regierung daran gedacht, Herrn Adolf Hitler aus Braunau (Tschechoslowakei) endlich des Landes zu verweisen? […] Wie hart können die Behörden nicht sonst gegen Ausländer sein, wenn es sich um kleine Paßvergehen oder um bescheidene politische Betätigung handelt. Nur der große Adolf darf seit zehn Jahren unbehindert Aufruhr und Hochverrat predigen und praktisch ausüben und die Losungen ausgeben für die Bluttaten, die sich tagtäglich auf der Straße und in Versammlungen wiederholen. […] Hitler selbst versucht ja seit Jahren mit den verschiedensten Mitteln seine Einbürgerung durchzusetzen, es ist ihm immer wieder mißlungen, und selbst sein Freund Frick hat es nicht schaffen können. Die Regierungen drücken sich davor, Herrn Hitler zum deutschen Staatsbürger zumachen, was ihn erst zur politischen Betätigung qualifizieren würde. Eine wenig tapfere Halbheit. Man wagt ihn weder auf Schub zu bringen noch als Mitbürger anzuerkennen; man läßt den Landfremden ungestört herumtoben und für sich und seine Komitatschis Ansprüche auf Alleinherrschaft proklamieren. Das Gesetz ist nur gegen Schwache schrecklich. Hat Einer seine Prügelgarden hinter sich und eine große nationale Schnauze, so ist er gegen das gemeine Schicksal gefeit.
»Der Pabst«, in: Die Weltbühne, 26. Jg., Nr. 26 (24.6.1930), S. 937–939

Auf die Möglichkeit der Ausweisung pochte die Zeitschrift noch einige weitere Male. Ossietzkys Begründung lautete: »Diejenigen, die immer Zucht und Disziplin und Unterwerfung auch unter die rigorosesten Gesetze fordern, sollen selbst einmal das vom Staate spüren, was sie gegen andre verlangen.« Doch der Staat dachte nicht daran, seine eigenen Gesetze im Falle Hitlers anzuwenden.

Im Februar 1932 kam auch Ossietzky auf die Posse um den Gendarmeriekommissar von Hildburghausen zu sprechen. Anders als in Hitlers Kalkül, der seine österreichische Staatsbürgerschaft auch deshalb zurückgegeben haben soll, um nicht in sein Heimatland abgeschoben werden zu können, dachte Ossietzky über die Ausweisung Staatenloser wohl anders. In seinem Leitartikel »Der Staatenlose« schrieb er:

Das Reichsinnenministerium hat der Öffentlichkeit ein paar Dokumente übergeben, aus denen ersichtlich wird, in welcher Weise Herr Frick als thüringischer Minister seinem Chef das deutsche Staatsbürgerrecht verschaffen wollte. Frick hat vom münchner Polizeipräsidium her noch einige Übung in solchen Dingen. Adolf Bonaparte sollte als Gendarmeriekommissar in Hildburghausen anfangen.

Das ist gewiß recht komisch, denn selten deckten sich Mann und Amt so sehr. Aber der Heiterkeitserfolg wird bald verrauscht sein, und wenn diese Zeilen im Druck erschienen sind, wird sich das Braune Haus vielleicht schon durch eine Enthüllung über seine Gegner revanchiert haben, und dann lacht halt die andre Seite, und wir sind nicht viel weitergekommen.

Denn auch diese Einbürgerungskomödie zeigt nur die Schwäche und Inkonsequenz der Reichsregierung. Dieser Herr Hitler ist staatenlos, gehört also einem sonst ganz besonders unseligen Menschenschlag an, der das ewige Freiwild der internationalen Polizei ist und für jede Amtsperson, wie in frühem Zeiten die Dirne, die rote Lilie auf der Schulter trägt. Und dieser eine Staatenlose wirft sich zum Parteihaupt auf, er unterhält eine Privatarmee von 300 000 Mann, er schickt Emissäre in fremde Hauptstädte, welche die offizielle Außenpolitik zu durchkreuzen suchen, man verhandelt mit ihm als gleichberechtigter Macht, er versichert seine Legalität, während seine Anhänger Pläne zur Abschlachtung einiger zehntausend deutscher Staatsbürger entwerfen, er frühstückt mit den Reichswehrgewaltigen, er wird vom Reichspräsidenten empfangen. Eine anständige Karriere für einen Menschen ohne Staatszugehörigkeit.

Ich glaube, es gibt hier nur zwei Möglichkeiten: Hitler wird entweder eingebürgert oder ausgewiesen. Was das Reichsinnenministerium unternimmt, ist nur eine kleine Neckerei und durchaus nicht geeignet, die Autorität wieder aufzurichten. Herr Hitler wird an ein kleines Manko in seinen Papieren erinnert. Ein Manko, das sich mit hundertsechs Parteigängern im Parlament und einer einexerzierten Halsabschneidertruppe schon ertragen läßt.

Wenige Tage später, am 26. Februar 1932, war Hitler dieses Manko los. Aber kaum vorstellbar, dass er auch ohne deutschen Pass jemals ausgewiesen worden wäre. Die Weimarer Republik bezahlte ihre »Schwäche und Inkonsequenz« lieber mit ihrem Ende.

14.9.2010

Der bewachte Medienschauplatz

Wo immer jemand für die Behauptung belangt werden soll, Soldaten seien Mörder, darf der Hinweis auf den jahrzehntelangen Streit um Tucholskys Diktum nicht fehlen. So auch in diesem neuen Fall, der den Linke-Politiker Thies Gleiss betrifft. Der stellvertretende Landeschef der nordrhein-westfälischen Linkspartei schrieb am 20. Mai dieses Jahre in der jungen welt:

An der Berliner Mauer starben 136 Menschen eines gewaltsamen Todes, das ist unmenschlich und verbrecherisch, aber in Afghanistan haben von SPD und Grüne geschickte Mördersoldaten schon deutlich mehr Menschen umgebracht.

Das brachte ihm Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Berlin ein, wie diverse Medien berichteten. Das Neue Deutschland behandelte den Fall recht ausführlich und fasste die juristischen Feinheiten gut zusammen:

Darf man Soldaten in Deutschland als Mörder bezeichnen? Auch dann, wenn auch oder ausschließlich deutsche Militärs gemeint sind? Überwiegt im Zweifelsfall die Meinungsfreiheit der Soldatenkritiker oder der Ehrenschutz der Soldaten? Diese Fragen beschäftigen deutsche Gerichte seit 1931. Damals hatte der Publizist Kurt Tucholsky eben jenen Satz, der bis heute die Gemüter regt, in der Zeitschrift »Die Weltbühne« veröffentlicht. Nach mehreren höchstrichterlichen Urteilen und Beschlüssen ist klar: »Soldaten sind Mörder« wird in der Regel toleriert. Die Aussage »Bundeswehrsoldaten sind Mörder« jedoch ist nach deutschem Recht strafbar, wird zumindest als Beleidigung, mitunter als Volksverhetzung bewertet. Bundeswehrsoldaten, so die Juristenlogik, seien im Gegensatz zu »Soldaten« ein zahlenmäßig überschaubarer und abgrenzbarer Personenkreis und somit auch als Kollektiv beleidigungsfähig.

Die ganzen Verästelungen der Debatte führt der Wikipedia-Artikel Soldaten sind Mörder auf. Den Bezug zum Angriff auf die Tanklastzüge bei Kundus im September 2009, der Gleiss zu seiner Aussage bewogen haben dürfte, stellte Otto Köhler im Ossietzky her, wo er unter anderem schrieb:

»Soldaten sind Mörder«. Dies in der Weltbühne zu schreiben, wurde einst in der Weimarer Republik von deren strengem Reichsgericht Kurt Tucholsky nicht untersagt.

Da irrt sich der Tucholsky-Preisträger von 2007 allerdings ein bisschen. Denn der Prozess gegen Carl von Ossietzky, der anstelle des im Ausland lebenden Tucholsky vor Gericht stand, fand nur vor dem Schöffengericht Charlottenburg statt. Die Revision wurde vom Kammergericht Berlin abgelehnt. Das strenge Reichsgericht hätte sicherlich einen Dreh gefunden, Ossietzky zu den anderthalbjahren Haft aus dem Weltbühne-Prozess noch ein paar Monate mehr aufzubrummen.

Aber, wie oben erklärt: Der frühere Feldpolizeikommissar und Dr. iur. Tucholsky schrieb wohlwissend »Soldaten sind Mörder«. Es ging ihm darum, die Institution des Krieges als solche anzuprangern.

Nachdem die Bundesstaatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Oberst Klein trotz der eingeräumten Tötung von Zivilisten eingestellt hat, wird nun die Staatsanwaltschaft in ihrem Verfahren gegen Gleiss ein leichtes Spiel haben. Dann wird in Berlin vielleicht doch noch jemand wegen der Wortverbindung »Soldaten« und »Mörder« verurteilt.

14.3.2010

Jede Menge Unsinn

Wenn sich der Spiegel mit der Zeit der Weimarer Republik befasst, scheint die ansonsten recht zuverlässige Dokumentation zufällig in der Mittagspause zu sein. Gab es zu Anfang der Wirtschaftskrise einige dubiose Passagen zu Brüning zu lesen, muss nun Tucholsky für einen unpassenden Vergleich mit der Gegenwart herhalten. Im Artikel »Tiger-Fütterung in Düsseldorf« über das Weblog Wir in NRW, dessen Autoren sich der Pseudonyme Tucholskys bedienen, schreibt das Blatt nun:

Er war ein Meister des Wortes, boshaft, beißend ironisch, präzise. Aber weil der linke Journalist Kurt Tucholsky in der Weimarer Republik auch an seine Sicherheit denken musste, legte er sich jede Menge Pseudonyme zu. Zum Beispiel Kaspar Hauser, Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger.

Das ist geradezu unfassbar schlecht recherchiert für ein Magazin vom Anspruch eines Spiegel. Schon ein Blick in den Wikipedia-Artikel zu Tucholsky hätte für die Feststellung genügt:

Um das linksdemokratische Wochenblatt [Die Weltbühne] nicht allzu »Tucholsky-lastig« erscheinen zu lassen, hatte er sich bereits 1913 drei Pseudonyme zugelegt, die er bis zum Ende seines publizistischen Wirkens beibehielt: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Peter Panter.

Gerade Tucholsky hat nie ein Hehl aus seinen Pseudonymen gemacht. Im Gegenteil. Nachdem er sich Anfang der zwanziger Jahre Angriffen rechtsgerichteter Medien ausgesetzt sah, bekannte er sich öffentlich dazu, unter mehreren Namen zu schreiben:

Die rechtsstehende Presse amüsiert sich seit einiger Zeit damit, mich mit allen meinen Pseudonymen als »den vielnamigen Herrn« hinzustellen, »der je nach Bedarf unter diesem oder unter jenem Namen schreibt«. Also etwa: Schmock oder Fink und Fliederbusch oder so eine ähnliche Firma.

Aber wir stammen alle Fünf von einem Vater ab, und in dem, was wir schreiben, verleugnet sich der Familienzug nicht. Wir lieben vereint, wir hassen vereint – wir marschieren getrennt, aber wir schlagen alle auf denselben Sturmhelm.

Kurt Tucholsky: »Wir alle fünf«, in: Die Weltbühne, 14. August 1922

Wenige Jahre später, als er einen ersten Auswahlband mit Texten aller Pseudonyme veröffentlichte (Mit 5 PS), erläuterte er ausführlich deren Entstehung:

Wir sind fünf Finger an einer Hand.

Der auf dem Titelblatt und:

Ignaz Wrobel. Peter Panter. Theobald Tiger. Kaspar Hauser.

Aus dem Dunkel sind diese Pseudonyme aufgetaucht, als Spiel gedacht, als Spiel erfunden – das war damals, als meine ersten Arbeiten in der Weltbühne standen. Eine kleine Wochenschrift mag nicht viermal denselben Mann in einer Nummer haben, und so erstanden, zum Spaß, diese homunculi.

»Start«, in: Die Weltbühne, 27. Dezember 1927

Und da es Spiegel-Redakteuren vermutlich per Arbeitsvertrag vorgeschrieben ist, beim Ausstieg aus dem Text einen Bogen zum Einstieg zu schlagen, muss Tucholsky gleich noch einmal herhalten:

Sollte es sich um eine durchschlagende Neuigkeit handeln, stünde noch ein Tucholsky-Pseudonym zur Verfügung – Old Shatterhand.

Nun ja. Über der Zuschreibung dieses Pseudonyms scheiden sich die Geister. Im Register Joachim Bergmanns zu allen Weltbühne-Autoren werden die beiden Texten unter dem Namen »Old Shatterhand« noch Tucholsky zugeschlagen. In der Tucholsky-Gesamtausgabe sind sie aber nicht enthalten. Ob die Texte tatsächlich von Tucholsky stammen, darüber kann man ausgiebig diskutieren. Sehr viele Mittagspausen lang.

9.3.2010

Mit Schmus und Zitatenschatz (5)

Wenig Glück haben diverse Zeitungen derzeit bei der Auswahl von Tucholsky-Zitaten. Eine besonders schlechte Trefferquote hatte dabei die Berliner Morgenpost, als sie eine Sammlung von Sprüchen präsentierte, die in Berlin oder von Berlinern geprägt wurden. Von den drei Tucholsky-Zitaten, die in »Die weisen Sprüche kommen aus Berlin« genannt werden, ist nur eines richtig:

Kurt Tucholsky war einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik und hat sich durch seinen Wortwitz und Scharfsinnigkeit einen Namen gemacht. Seine Werke sind wahre Ansammlungen an Lebensweisheiten: »Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: Eine, wenn’s ihm gut geht und eine, wenn’s ihm schlecht geht. Die letzte heißt Religion«, »Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat« und »Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwerer.«

Welches das richtige Tucholsky-Zitat davon ist, findet man schnell heraus, wenn man diese weisen Sprüche studiert.

Auch die ansonsten recht treffsichere Süddeutsche Zeitung hat in wenigen Tagen gleich zweimal daneben gehauen. Am 3. März schrieb Tina Baier in dem Artikel »Liebe und Hiebe« über Geschwisterbeziehungen:

Streit wird es trotzdem immer geben. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky hat es so formuliert: »Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.«

Dieses Zitat hat sich leider hartnäckig in der Forschungsliteratur zu Geschwisterbeziehungen eingenistet. Wie es tatsächlich lautet, findet sich ebenfalls in besagter Sammlung.

Gleich doppelt falsch mit seinem Zitat lag Michael Kuntz am 8. März in einem Kommentar zur Tourismusbranche unter der Überschrift »Touristen zweiter Klasse«:

Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind. Diese Frage stellte der Schriftsteller Kurt Tucholsky vor hundert Jahren.

Nicht nur, dass Tucholsky diese Frage nie gestellt hat. Auch war er vor hundert Jahren noch nicht so journalistisch aktiv, dass viele Texte von ihm überliefert wären. Oder er gar schon so viel gereist wäre, dass er das Verhalten deutscher Touristen im Ausland hätte beurteilen können.

Besser lag hingegen Burkhard Müller in derselben Ausgabe der SZ. In seiner Analyse des politischen Kabaretts findet sich zur Abwechslung ein Tucholsky zugeschriebenes Zitat, das tatsächlich von ihm stammt:

Sagen wir es ungescheut: Richtig gut war das Kabarett nie. Seine Verdienste konnte es trotzdem haben, und zwar nach Maßgabe der Beherztheit, die es benötigte, um überhaupt zu existieren. »Wenn bei des Vollmonds Dämmerlichte, / das zagend durch die Zweige sieht, / durch dunkeln Hain von Tann“ und Fichte / ein fauliges Gerüchlein zieht -: / Das ist, was da so grauslich riecht, / Herr Goebbels, der vorüberfliecht.« So geht ein Text von Kurt Tucholsky, ersichtlich für das Publikum einer Kleinstkunstbühne in den frühen Dreißigern verfasst. Darüber lachte man gern zusammen, weil sich an solchem Gelächter diejenigen erkannten und wechselseitig ihrer Präsenz versicherten, die dieselbe riskante Gesinnung hegten. Dieses Gelächter bedeutete einen Akt des Muts, es zu erregen eine Tat. Was Tucholsky schrieb, ist ein soziologisches, politisches, moralisches Dokument; ein Gedicht ist es schwerlich.

Mit Letzterem hat Müller recht: Bei dem zitierten Dokument handelt sich in der Tat nicht um ein Gedicht, sondern um ein »Altes Lied 1794«.

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