14.3.2005

Dialog der Affen

Einen fantasievollen Umfang mit einem Tucholsky-Text beweist die „Welt“ in einem Artikel über durchgedrehte Fußballfans. Autor Oskar Beck stellt darin die Frage, ob Schiedsrichter und Spieler vor den Attacken der Fans nur noch durch einen Zaun wirkungsvoll geschützt werden könnten. Und fährt fort:

Kurt Tucholsky hat diese Art des Schutzes in anderem Zusammenhang begeistert beschrieben, in seinem „Affenkäfig“ – da sagt, mit einem verächtlichen Seitenblick auf die Zuschauer, der eine Schimpanse erleichtert zum anderen: „Wie gut, daß die alle hinter Gittern sind.“

Oskar Beck scheint seinen Tucholsky ganz gut gelesen zu haben, dass er diesen Affendialog so plastisch wiedergeben kann. Das Problem ist nur: Weder gibt es diese Szene in dem erwähnten Text, noch stammt der zitierte Schimpansensatz von Tucholsky. Denn sein Artikel beginnt wie folgt:

Affenkäfig

   Der Affe (von den Besuchern): „Wie gut,
   daß die alle hinter Gittern sind -!“
      Alter Simplicissimus

In Berlins Zoologischem Garten ist eine Affenhorde aus Abessinien eingesperrt, und vor ihr blamiert sich das Publikum täglich von neun bis sechs Uhr. (…)
Peter Panter: „Affenkäfig“, in: Die Weltbühne, 16.10.1924, S. 585

Dass ein nicht von Tucholsky stammendes Zitat diesem zugeschrieben wird, passiert leider oft genug. Sich aber gleich noch die passende Textstelle dazu auszudenken: Das zeugt von reichlich Chuzpe.

13.3.2005

Ganz unten

Für das Magazin des „Darmstädter Echos“ hat Willi Weiss sich einem eher schwierigen Thema genähert: Gewalt im Strafvollzug. Die Erkenntnis, dass von den Zuständen in Gefängnissen auf den Gesamtzustand eines Staates geschlossen werden kann, gilt nicht erst seit Guantanamo. So schreibt Weiss in seinem Text „Schlimmer als ein schneller Tod“:

Das mag viele nicht sehr beunruhigen, weil der Knast nun mal kein Ort ist, dem das besondere Mitgefühl des Bürgers gilt. Verständlich vielleicht, aber auch das wäre wieder nur eine Regung des Herzens. Der Verstand würde es wohl eher mit Kurt Tucholsky halten, der erzählte einmal, dass sich Egon Erwin Kisch in fremden Ländern zunächst einmal die Gefängnisse ansehe. Diese Eigentümlichkeit habe er, Tucholsky, immer bejaht. Denn maßgebend für eine Kultur sei nicht ihre Spitzenleitung; sondern die unterste, die letzte Stufe, die dort gerade noch möglich sei.

Nun ist Weiss aber nicht auf den Spuren von Kisch gewandelt und hat eine Reportage über den Gefängnisalltag geschrieben. Sein Text basiert sehr stark auf den Aussagen von Harry Kettenbach, der 19 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte, währenddessen Soziologie und Psychologie studierte und inzwischen Schriftsteller geworden ist. Vergleicht man dessen Karriere mit den Haftbedingungen zu Zeiten Tucholskys, so scheint sich seitdem doch einiges verbessert zu haben.

7.3.2005

„Gripsholm“-Produzent tödlich verunglückt

Der Fernseh- und Filmproduzent Thomas Wilkening ist in der Nacht zum Freitag bei einem Spaziergang auf der Insel Hiddensee auf einem vereisten Tümpel eingebrochen und konnte trotz eines Hilferufes per Mobiltelefon nicht mehr gerettet werden. Die Feuerwehr habe die Leiche des zweifachen Familienvaters erst am Sonntagmorgen in dem Tümpel gefunden, hieß es in den Medien.

Wilkening hatte zuletzt mehrere Folgen der Krimiserie „Polizeiruf 110“ produziert. Die meisten Medien erwähnten in ihren Berichten ebenfalls, dass Wilkening die Tucholsky-Erzählung „Schloß Gripsholm“ mit Heike Makatsch und Ulrich Noethen verfilmt habe. Der Film, der im Herbst 2000 in die Kinos gekommen war, sei Wilkenings größter Erfolg gewesen, schrieb beispielsweise die Nachrichtenagentur AFP.

4.3.2005

Versautes Zitat

In einem Artikel von Heinz Horrmann in der „Welt“ über ein Golfhotel bei Hameln findet sich ein schönes Beispiel dafür, wie viele Ungenauigkeiten in ein Zitat rutschen können, das nur aus zwei Wörtern besteht.

So kostet beispielsweise ein intensives Golftraining (einschließlich Pro, Leihschläger, einer Runde, die wahrlich mehr ist als ein „versauter Spaziergang“, wie Tucholsky meinte) mit zwei Übernachtungen und Genußabend 375 Euro.

schreibt Horrmann, und es wäre ihm zu wünschen, dass die beiden zitierten Wörter richtig wiedergegeben sind und in ihrer Verbindung tatsächlich auf Tucholsky zurückgehen. Dies ist leider nicht der Fall, denn im Original sieht das alles ein wenig anders aus:

Golf, sagte einmal jemand, ist ein verdorbener Spaziergang.

schrieb Peter Panter in einem „Schnipsel“ vom 3. November 1931. Es bleibt natürlich niemandem unbenommen, Tucholsky dahingehend zu zitieren, dass dieser einmal jemand Unbekanntes zitierte, der gesagt habe solle „Golf ist ein verdorbener Spaziergang“. Eleganter wäre es natürlich, den Urheber des Spruches zu nennen. Dieser „jemand“ war offensichtlich niemand anderes als der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, zumindest wird ihm sehr häufig der Satz zugeschrieben: „Golf is a good walk spoiled“.

In Horrmanns Text findet sich übrigens noch ein ebenso schönes Beispiel dafür, wie viele politische und ökologische Ungenauigkeiten sich einmal en passant in einen Text über ein Golfhotel verirren können:

Das Hochamt für Romantiker findet auf weitem, flachem Land statt, irgendwo zwischen Hameln und Aerzen am südlichen Zipfel Niedersachsens und schon in Sichtweite der Windräder Nordrhein-Westfalens, dieser schlanken Zeugen einer extrem teuren und unsinnigen Energie-Politik.

25.2.2005

Der „Spiegel“ sagt mehr …

Bei der Spiegel-Gruppe ist es in jüngster Zeit zur Gewohnheit geworden, das Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ eindeutig der Urheberschaft Tucholskys zuzuordnen. So heißt es beispielsweise in dem Einband eines Bildbandes zum Zweiten Weltkrieg:

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, schreibt Kurt Tucholsky 1926. Im Zweiten Weltkrieg machen sich nicht nur die Nationalsozialisten diese Erkenntnis zu eigen, sondern alle in die tödliche Auseinandersetzung verwickelten Mächte.

Und weil das Zitat so nett ist, taucht es bei „Spiegel-Online“ in der Rezension eines Bildbandes zur Roten Armee Fraktion gleich noch einmal auf:

An das Credo „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“, das Kurt Tucholsky 1926 formulierte, hat die RAF nie geglaubt. Für die Gruppe, die 1970 als Rote Armee Fraktion den bewaffneten Kampf aufnahm, zählte nur das Wort.

Nun muss man dem „Spiegel“ zugute halten, dass Tucholsky diesen Spruch zumindest benutzt hat. Und zwar als Überschrift für einen Artikel, der die Möglichkeiten der Fotografie behandelt. Im Artikel selbst heißt es dann:

Ein Bild sagt mehr … Hunderttausend Worte wenden sich an den Verstand, an die Erfahrung, an die Bildung – das Bild … (…) Und weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiß jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen (…)
Peter Panter: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, in: Uhu, Nov. 1926, Nr. 2, S. 75

Dass Tucholsky tatsächlich dieses Sprichwort „formulierte“, ist dagegen stark zu bezweifeln, auch wenn es irgendwo bei „Spiegel“ steht.

Der Weg zum Widerstand

Wie wurde jemand zum Widerstandskämpfer im Dritten Reich? Der „Tagesspiegel“ wagt auf seiner wöchentlichen Nachrufseite eine mögliche Antwort auf diese schwierige Frage nur leise anzudeuten. In einem Text, der das Leben der im Dezember 2004 gestorbenen Kommunistin Gertrud Keen nacherzählt, heißt es dazu:

Warum wird ein Mensch so anders? Lag es an den fortschrittlichen Lehrern, bei denen sie Tucholsky und Brecht gelesen hatte? Für die Schwestern, die lieber Charleston tanzen gingen, war sie jedenfalls eine „höhere Tochter“.

Sehr einfach lässt sich auf jeden Fall die Frage beantworten, wie schnell jemand im Dritten Reich ins Konzentrationslager kam:

1934 wurde sie verhaftet – in Friedrichsfelde hatte sie nach dem Grab von Rosa Luxemburg gefragt, ausgerechnet einen Gestapo-Mann. Der legte ihr die Hand auf die Schulter und nahm sie mit zum Gefängnis am Alex. Was sie bei der Jüdin gewollt habe, wurde sie dort gefragt. Sie sagte, dass sie deren „Briefe aus dem Gefängnis“ beeindruckt hätten. „Dann kannst du ja jetzt selber Briefe aus dem Gefängnis schreiben!“

15.2.2005

Die Freiheit, die ich meine

Wenn der Frankfurter Richter Heinrich Gehrke aus seinem Berufsleben erzählt, darf ein Hinweis auf einen aufsehenerregenden Fall von 1989 nicht fehlen. Damals hatte Gehrke entschieden, dass das Zitieren des Tucholsky-Satzes „Soldaten sind Mörder“ von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Drohbriefe an den Richter folgten. Vor wenigen Tagen hat Gehrke, inzwischen pensioniert, sich noch einmal an diese Zeit erinnert. Die „Frankfurter Neue Presse“ war dabei:

Und nicht selten geriet er in der Öffentlichkeit selbst in die Rolle des Angeklagten. So auch beim so genannten Soldatenurteil vor mittlerweile genau 16 Jahren, in dem er das Grundrecht auf persönliche Meinungsfreiheit so weit fasste, dass er auch das Führen des Tucholsky-Zitates «Alle Soldaten sind Mörder» einschloss. Heute, sagt Gehrke, würde er dieses Urteil nach dem Irak-Krieg weitaus radikaler formulieren.

Abgesehen davon, dass Tucholsky wohl mit Bedacht nicht „Alle Soldaten sind Mörder“ geschrieben hat, meint die „Neue Presse“ mit dem letzten Satz vermutlich, dass Gehrke, wenn er das Urteil heute noch einmal zu begründen hätte, das Recht auf Meinungsfreiheit noch stärker herausstellen würde.
Dürfte man bei Gehrke demnach heute ungestraft sagen, dass auch bestimmte Politiker Mörder seien?

12.2.2005

Satz des Anstoßes

Kaum zehn Jahre ist es her, dass das Tucholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“ sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigte. Es gibt aber noch eine andere militärkritische Aussage Tucholskys, die in der Vergangenheit immer wieder die Gemüter bewegte. Auch in diesem Jahr kocht die entsprechende Debatte wieder hoch. Allerdings nicht auf nationaler Ebene, sondern in der Donaustadt Ulm, wie die „Stuttgarter Zeitung“ am Freitag berichtete.

Stein des Anstoßes ist ein Denkmal gleichen Namens, das den Deserteuren des Zweiten Weltkrieges gewidmet ist. Schon 1989 wurde die Stahlskulptur geschaffen. Aber die Ulmer Stadtoberen trauen sich bis heute nicht, das Denkmal im öffentlichen Raum aufzustellen.
Was das alles mit Tucholsky zu tun hat? Das Denkmal geht gewissermaßen auf seine Anregung zurück. Ausgesprochen in einem Text, in dem er sich gegen den französischen Brauch wandte, an den Häusern kleine Tafeln zur Erinnerung an gefallene Soldaten anzubringen. Seine Schlussfolgerung lautete damals:

Uns fehlen andre Tafeln. Uns fehlt diese eine:

Hier lebte ein Mann, der sich geweigert hat,
auf seine Mitmenschen zu schießen.
Ehre seinem Andenken!

Ignaz Wrobel: „Die Tafeln“, in: Die Weltbühne, 21.4.1925, S. 601

Die von Tucholsky vorgeschlagene Tafelinschrift hat die Künstlerin Hannah Stütz-Mentzel an der Skulptur angebracht.
Nach Angaben der „Stuttgarter Zeitung“ stehen aber auch in diesem Jahr die Chancen schlecht, dass das Denkmal aufgestellt wird. Selbst der 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus sei nicht Anlass genug.

Die Stadtverwaltung ist nicht bereit, eine Baugenehmigung für den „Stein des Anstoßes“ auch nur im Gemeinderat beraten zu lassen. Tabuisiert sei das Thema der Kriegsdienstverweigerung in Ulm immer noch, wettern darum Aktivisten.

Aber Tucholsky hat wohlweislich nicht gefordert, dass „diese eine“ Tafel in der ehemaligen Bundesfestung Ulm hängen muss.

11.2.2005

Die Rechtschreib Reform

Es ist an sich ein zweischneidige Sache, einen Schriftsteller wie Tucholsky, der auf orthographische Eigenheiten viel Wert legte, zum Anwalt einer wie auch immer gearteten verbindlichen Rechtschreibung zu machen. Was dagegen die zunehmende Unsitte angeht, zusammengehörende Wörter getrennt zu schreiben, tut die „FAZ“ sehr gut daran, sich unter Berufung auf Tucholsky gegen diese Mode zu wehren.

Und den Reformbefürwortern sei entgegengeschleudert, was schon Tucholsky zu Arnolt Bronnens Versuch einer umfassenden Getrenntschreibung meinte: „welch ein Bock Mist“.
Thomas Meissner: „Wenn Schulmeister knechten“, in: FAZ, 10.2.2005, S. 38

Weil Tucholsky Herrn Bronnen noch viele andere schöne Dinge über dessen Rechtschreibung entgegenschleuderte, seien diese hier ebenfalls erwähnt:

Er schreibt das Eigenschaftswort ‚deutsch‘ allemal groß und ‚polnisch‘ allemal klein, auch dann, wenn er die Polen etwas von „den Deutschen Schweinen“ sagen läßt – wohl, um anzudeuten: waren die Deutschen einmal Schweine, dann sind sie eben recht große gewesen. Und wenn es ganz groß hergeht, dann schreibt Bronnen alles groß – so am Schluß, wenn Banalitäten über einen nebulosen Sieg in den Wind geschmettert werden, wo die Fahnen sich bauschend im Winde … wie gehabt. Das Minderwertige wird klein geschrieben? Dann aber wollen wir von arnolt bronnen sprechen, bei dem dieser Deutsche Rechtschreibungssieg nicht nur eine gesuchte Äußerlichkeit ist wie die, alle zusammengesetzten Wörter auseinanderzureißen und die Teile ohne Bindestrich hinzusetzen: welch ein Bock Mist. Nein, seine nationale Orthographie hat ihre tiefere Bedeutung.
Peter Panter: „Ein besserer Herr“, in: Die Weltbühne, 25.6.1929, S. 935ff.

Und weil sie so schön ist, soll Tucholskys Definition eines „umstrittenen“ Autors aus demselben Text ebenfalls nicht unerwähnt bleiben:

Was aber die Buchpropaganda angeht, so ist es üblich, auch die ungünstigsten Urteile in sie aufzunehmen, und dafür gibt es ein feststehendes Klischeewort: umstritten. Nun, wenn ein Hundewürstchen auf der Straße umstritten ist, weil es die Hunde zwar fröhlich beriechen, die Menschen aber dem Ding aus dem Wege gehen –: dann ist dies ein umstrittenes Buch.

10.2.2005

Wir stricken uns ein Gedicht

Die „FAZ“ hat es sich nicht nehmen lassen, am Aschermittwoch zu einer politischen Veranstaltung der PDS in Berlin zu gehen. Eine sehr löbliche Tat, denn der daraus hervorgegangene Text macht einmal mehr deutlich, dass das Tucholsky-Gedicht „Die freie Wirtschaft“ inzwischen zu einer Art Lieblingslyrik des linken Lagers geworden ist. Reporterin Mechthild Küpper notierte in ihrem „Mit Tucholsky“ überschriebenen Artikel:

Den zweitgrößten Zuspruch erhielt Kurt Tucholsky mit einem Gedicht von 1930: „Die freie Wirtschaft”, das interessante aktuelle Bezüge aufweist: „Ihr solltet euch allesamt was schämen, von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!”

Leider geht aus dem Text nicht hervor, ob bei der Veranstaltung die völlig merkwürdige Variante des Gedichtes zitiert wurde, die auf sehr vielen Internetseiten kursiert und es sogar in die „Berliner Zeitung“ und den „Freitag“ geschafft hat. Denn diese Variante besteht nur in ihren ersten beiden Strophen aus dem Gedicht „Die freie Wirtschaft“, das am 4. März 1930 in der „Weltbühne“ erschien. Der Rest stammt aus dem Gedicht „Eine Frage“, erstmals am 27. Januar 1931 in der „Weltbühne“ veröffentlicht. Bei so viel Dreistigkeit in Sachen Textverstümmelung muss man fast dankbar dafür sein, dass dieser Anhang überhaupt aus Tucholskys Werk übernommen wurde.
Aber irgendeinen Grund muss es wohl gegeben haben, das ganze Gedicht über die „freie Wirtschaft“ dem linken Spektrum von heute vorzuenthalten. Vielleicht die folgenden Verse:

Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.

Damit hätte Tucholsky auf dem politischen Aschermittwoch der PDS sicherlich nicht einmal den zweitkleinsten Zuspruch bekommen.

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