2.2.2018

Mein gar nicht böser Tucholsky-Bot

Vor der Bundestagswahl im vergangenen Jahr machte sich in der deutschen Politik nahezu Panik breit. Nach den Erfahrungen der Brexit-Wahl in Großbritannien und der Wahl von US-Präsident Donald Trump wurde befürchtet, dass hierzulande die Bundestagswahlen von Meinungsrobotern in sozialen Netzwerken beeinflusst werden könnten. Zwar wurde inzwischen Entwarnung gegeben, doch neue Zahlen von Twitter zeigen den Umfang automatisierter Accounts.

So räumte der Kurznachrichtendienst in der vergangenen Woche gegenüber dem US-Kongress ein (PDF), bei Analysen mehr als 50.000 automatisierte Accounts entdeckt zu haben, die möglicherweise von Russland aus während der US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 eingesetzt worden seien. Diese sollen im Wahlkampf mehr als zwei Millionen Tweets mit Bezug zu Präsidentschaftswahlen abgesetzt haben, was einem Anteil von einem Prozent an allen Wahlkampftweets entspräche.

Fake Quotes im Internet

Zugegeben: Automatisierte Accounts haben einen schlechten Ruf. Doch der Missbrauch einer Technik durch andere sollte niemanden davon abhalten, sie selbst einmal auszuprobieren und sinnvolle Anwendungen dafür zu finden. Wir haben es getan und uns dabei des Problems der Fake Quotes angenommen.

Dieses Problem existiert nahezu unbeachtet von der Diskussion über sogenannte Fake News in sozialen Medien. Mehr oder wenige originelle oder unsinnige Zitate werden fälschlicherweise bekannten Autoren zugeschrieben. Das Prinzip ist dabei ähnlich wie bei Falschnachrichten: Die Zitate werden in die Welt gesetzt, ohne dass sich Nutzer Gedanken darüber machen, ob diese tatsächlich vom genannten Urheber stammen. Irgendwo schon mal im Internet gesehen oder gelesen reicht als Quelle aus. Hauptsache, die Zitate passen ins eigene Weltbild.

Der Vorteil der Digitalisierung

Auffällig ist dies beispielsweise bei dem Journalisten und Satiriker Kurt Tucholsky. Es gibt hier auf dem Sudelblog eine sicherlich unvollständige Liste von Zitaten, die Tucholsky immer wieder fälschlicherweise zugeschrieben werden. Leider wird diese offenbar als Vorlage genommen, um angebliche Tucholsky-Zitate im Internet zu verbreiten. Ganz oben auf der Liste steht dabei: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere recht hat.“ Klingt auf den ersten Blick originell, ist aber beim zweiten Hinsehen Unfug. So tolerieren Linux-Nutzer bisweilen durchaus Apple- und Windows-Rechner in der Familie, obwohl sie genau wissen, dass Steve Jobs und Bill Gates auf keinen Fall recht hatten. Von anderen Religionen ganz zu schweigen.

Und soll man falsche Zitate auf Twitter tolerieren, weil der Verdacht bestehen könnte, dass sie sich doch im Werk des vermeintlichen Autors finden könnten? Sicherlich nicht. Denn das hieße, die Beweislast beim Verbreiten von Zitaten oder Nachrichten umzukehren. „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger“, lautet das wohl häufigste falsche Tucholsky-Zitat. Der Vorteil der Digitalisierung besteht jedoch darin, dass sich elektronisch vorliegende Werke einfach darauf hin überprüfen lassen, ob ein bestimmtes Zitat darin enthalten ist. Das war in früheren Zeiten schon schwieriger.

Kostenlose Twitter-Bots sind unflexibel

Die schiere Masse an Fake Quotes lässt sich auf Twitter im Falle Tucholskys kaum manuell bekämpfen. Doch an dieser Stelle kann man versuchen, Twitter mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ein automatisierter Account könnte die falschen Zitate auf Twitter heraussuchen und den Nutzer höflich darauf hinweisen, dass er einem Fake Quote aufgesessen ist. Vielleicht löscht er daraufhin das Zitat. Oder andere Nutzer werden zumindest davon abgehalten, es weiterzuverbreiten.

Wie lässt sich ein solcher Bot am einfachsten programmieren? Gibt es Anbieter, die solche Dienste im Internet kostenlos für Nutzer bereitstellen? Durchaus. So bietet der Dienst IFTTT (If this than that) zahlreiche vorkonfigurierte Anwendungen für Twitter an. Beispielsweise, um Beiträge auf anderen Plattformen mit Twitter zu verknüpfen. Selbst Spiegel Online nutzt für bestimmte Twitter-Feeds diesen Dienst. Dazu ist es nicht einmal erforderlich, einen eigenen API-Zugang zu Twitter anzulegen. Von 100 Zitaten, die in der vergangenen Woche mit dem Begriff Tucholsky getwittert wurden, stammen immerhin sieben von IFTTT. Eine App mit der von uns gewünschten Funktion findet sich dort jedoch nicht.

API-Zugang problemlos anzulegen

Einen kostenlosen Autoreply-Twitter-Bot ohne Code in fünf Minuten verspricht der Programmierer Amit Agarwal auf der Seite Labnol.org. Voraussetzung ist in diesem Fall jedoch ein eigener API-Zugang. Einen solchen Zugang anzulegen, geht sehr einfach über die Adresse apps.twitter.com. Nach dem Anlegen der App erhalten Nutzer vier erforderliche Zugangsdaten zur Twitter-Schnittstelle: consumer key, consumer secret, access token und access token secret. Diese vier Daten speichern sie sich am besten gleich auf dem Rechner, da sie für jeden der weiter unten erläuterten Bots eingegeben werden müssen.

Für Agarwals Bot auf Basis eines Google App Scripts müssen wir der Anwendung zudem einen Zugang zu unserem eigenen Google-Account erlauben. Wer Sicherheitsbedenken hat, legt sich dazu einen neuen Account an, der für nichts anderes genutzt wird. Dann lässt sich beispielsweise ein Suchbegriff eingeben, auf den mit einem bestimmten Text geantwortet wird. Bei der Suche lassen sich Begriffe auch logisch miteinander verknüpfen.

Nur eine Abfrage kostenlos

Das klappt mit dem ersten Zitat einfach und problemlos. Da die Twitter-API auf Tweets der vergangenen sieben Tage zurückgreifen kann, erhalten gleich drei Nutzer einen Rüffel vom Tucholsky-Zitate-Check. Daraus entspinnt sich sogar eine Diskussion über die Zuverlässigkeit bestimmter Quellen und Fragen, ob eine Autorenangabe überhaupt wichtig ist, wenn einem das Zitat gefällt.

Doch als wir eine weitere Abfrage einrichten wollen, sollen wir dazu einen Premium-Account anlegen, der für fünf Bots 29 US-Dollar im Jahr kostet. Bei mehr Abfragen, was bei den vielen falschen Tucholsky-Zitaten erforderlich wäre, würden sogar 299 US-Dollar fällig. Also muss eine andere Lösung her, die gleichzeitig günstig und flexibel ist. Später stellen wir fest, dass sich der Bot nicht mehr nachträglich bearbeiten lässt und nur sicher gestoppt werden kann, indem wir uns Twitter-Zugangsdaten neu generieren. Aber wie sagte schon Tucholsky nicht: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“

Tweepy als umfangreiche Python-Bibliothek

Bei einer Eigenlösung stehen wir jedoch vor dem Problem: Solch ein Bot sollte rund um die Uhr laufen. Je schneller auf einen Tweet geantwortet werden kann, um so besser. Daher sollte das Programm auf einem Webserver oder einem Rechner installiert werden, der permanent online ist. Für beide Fälle gibt es im Netz eine Reihe von Lösungen, die sich beispielsweise auf einem Bastelrechner à la Raspberry Pi oder einer eigenen Webdomain installieren lassen, die die Ausführung von PHP-Skripten und Cronjobs ermöglicht.

Am einfachsten dürfte dabei eine Lösung mit Python auf einem Linux-System sein. Denn für Python gibt es die umfangreiche Bibliothek Tweepy (https://github.com/tweepy/tweepy oder http://www.tweepy.org/), die einen unkomplizierten Zugang zur Twitter-API ermöglicht. Es muss lediglich beachtet werden, dass das aktuelle Paket installiert wird, welches die derzeit gültige API-Version 1.1 anspricht. Zwar ist zu empfehlen, Python ab Version 3.3 zu nutzen, doch die Bibliothek läuft auch unter Python 2.7, wenn bestimmte Module wie Six oder Requests installiert wurden. Unter Umständen kann es erforderlich sein, Fehlermeldungen unter Requests zu deaktivieren.

Nur wenige Zeilen Code

Die Tweepy-Bibliothek übernimmt dabei die Authentifizierung mit Hilfe des OAuth-Protokolls. Zudem werden die Parameter der Twitter-API eingebunden. Davon gibt es wirklich sehr viele, wie aus dem API-Reference-Index hervorgeht. Das eigentliche Python-Script ist daher recht kurz und lässt sich schnell googeln. Zunächst werden die Suchergebnisse in eine Variable geladen. Die darin zu suchenden Zitate werden in eine Liste eingetragen. Eine Funktion überprüft dann, ob die Zitate aus der Liste in den Tweets enthalten sind.

Falls das zutrifft, sendet Tweepy in einer For-Schleife über die API die entsprechende Antwort an den Nutzer. Zusammenfassend ist die Funktion in einer Anleitung auf www.dototot.com erläutert, allerdings mit einer verschachtelten For-Schleife. Dort fehlt jedoch die Angabe der Tweet-ID, die erforderlich ist, um den Antwort-Tweet über den Parameter in_reply_to_status_id mit dem Originaltweet zu verknüpfen.

Duplikatsperre zeitlich begrenzt

Über einen Cronjob lässt sich das Skript beispielsweise alle 15 Minuten oder jede Stunde aufrufen, um möglichst schnell auf Tweets zu reagieren. Twitter verhindert dabei selbst, dass Antworten ein zweites Mal publiziert werden. Doch bei einem „Langzeittest“ des Twitter-Bots erlebten wir eine unangenehme Überraschung: Die Blockade von Duplikaten dauert nur zwölf Stunden. Dann wurden die Twitter-Nutzer ein zweites Mal über das falsche Zitat informiert.

Um das zu vermeiden, lässt sich mit dem Parameter created_at der genaue Publikationszeitpunkt eines Tweets abfragen und dessen Auswertung auf einen bestimmten Zeitraum von wenigen Stunden oder Minuten einschränken. Fertig ist der Twitter-Bot auf Python-Basis (Beispielcode).

Viele PHP-Vorlagen im Netz

Wer seinen Bot nicht auf einem eigenen Rechner, sondern einem Webserver installieren will, ist vermutlich mit PHP besser bedient. Auch für diese Sprache findet sich eine Reihe von Vorlagen auf Github, um Twitter-Bots zu installieren. Eine Standardvorlage wie Tweepy scheint es für PHP jedoch nicht zu geben. Zudem sind nicht alle auf dem aktuellen API-Stand. Wir haben uns für die Bibliothek Twitter for PHP entschieden, die PHP 5.0 und die Erweiterung Curl voraussetzt.

Der einzige Nachteil: Twitter for PHP hat keine Reply-Funktion integriert, so dass diese in der Vorlage twitter.php ergänzt werden muss.

Der Code des eigentlichen Bots ist ähnlich wie in Python. In zwei verschachtelten Foreach-Schleifen werden zwei Arrays mit den gefundenen Tweets und den Zitaten verglichen. Nach einer Zeitabfrage werden die Antworten verschickt. Fertig ist der Twitter-Bot auf PHP-Basis (Beispielcode).

Wie lassen sich Twitter-Bots aufspüren?

Die Verzeichnisse müssen noch auf den eigenen Webspace hochgeladen werden. Hierbei sollte man darauf achten, dass das Verzeichnis geschützt ist, damit die im Skript gespeicherten Zugangsdaten nicht öffentlich zugänglich sind. Gestartet wird das Skript mit einem Cronjob, der bei Providern wie Strato ab bestimmten Hostingpaketen zur Verfügung steht.

Da dies alles so einfach ist, stellt sich die berechtigte Frage, ob sich auf diese Weise nicht doch ein Twitter-Bot-Batallion programmieren lässt, mit dem sich Wahlen beeinflussen lassen. Mit Hilfe einer Datenbank wäre es recht einfach, automatisierte Accounts täglich neu zu programmieren und Suchbegriffe oder Hashtags einzugeben, auf die mit einem bestimmten Text geantwortet werden soll. Zudem lässt sich die Zahl der abgesetzten Tweets begrenzen, so dass es schwer wird, anhand der Twitter-Aktivität einen Bot aufzuspüren, wie es der Datenjournalist Matthias Kreil im vergangenen Jahr versucht hat. Das kommerzielle Programm Tweetattackspro verspricht Nutzern das Steuern von Tausenden Twitter-Accounts rund um die Uhr. Dabei könne die Software einen menschlichen Betrieb des Accounts perfekt simulieren.

Wenn Twitter-Bots etwas ändern könnten“

Eine einzelne Person könnte auf diese Weise zahlreiche Accounts orchestrieren und möglicherweise bestimmte Themen und Hashtags nach oben bringen. Setzten deutsche Parteien oder andere Organisationen beispielsweise im Bundestagswahlkampf Twitter-Bots ein, wären sie anhand der von Twitter im Fall Russland angegebenen Kriterien wie IP-Adressen, Provider, E-Mail-Adressen oder Schriftzeichen nicht aufspürbar. Hinweise könnten die Tweet-Quellen wie eigene Apps oder unübliche Clients geben. Daher würde es den Einsatz von Bots zumindest ein bisschen erschweren, wenn die Quelle eines Tweets gleich mit angegeben würde. Werden die Tweets aber über Clients wie Twitter Web Client oder Twitter for Android abgeschickt, würde die Analyse sehr schwierig werden.

Aber wäre das so schlimm? Hat Tucholsky nicht immer schon behauptet: „Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten?“ Dieser Spruch ist nach Ansicht der Tageszeitung (taz) „der größte Quatsch seit der Erfindung des politischen Witzes“ und findet sich selbstredend nicht im Werk Tucholskys. Brexit, Trump und rechtsextreme Abgeordnete im Bundestag sind Realität.

Twitter-Bots machen Spaß

Ob diese Entscheidungen wirklich durch automatisierte Accounts entscheidend beeinflusst wurden, lässt sich vermutlich selbst dann nicht wissenschaftlich beweisen, wenn wie im Falle der US-Wahlen feststeht, dass es Zigtausende automatisierte Accounts mit Russland-Bezug gegeben hat.

Trotz aller Kontroversen: Das Programmieren von Twitter-Bots ist einfach und macht Spaß. Es ist schon erstaunlich, auf wie viele Parameter sich zugreifen lässt und auf wie viele verschiedene Weisen damit interagiert werden kann. Natürlich sollte man jede neue Funktion zunächst nur lokal auf der Konsole testen. Wenn der Bot einmal unbeabsichtigt Dutzende Tweets in wenigen Sekunden rausgehauen hat, ist es sehr mühsam, diese wieder einzeln zu löschen. Außerdem sollen andere Nutzer mit ungeplanten Retweets nicht belästigt werden. Sinnvoll ist es daher, den Bot zunächst mit einem anderen eigenen Account interagieren zu lassen, um die Funktionen zu testen.

Vorgefertigte Lösungen gehen schnell, sind jedoch meist sehr unflexibel. Mit dem eigenen Skript lässt beispielsweise auf jedes gefundene Zitat mit einer anderen Antwort reagieren. Das klingt dann etwas individueller und nicht ganz so automatisiert wie der Bot, der jedes Mal „Prost“ twittert, wenn ein anderer Nutzer das Wort gepostet hat. Aber wie sagte Tucholsky bekanntlich: „Wenn Twitter-Bots etwas änderten, wären sie längst verboten.“ Von daher wäre es zu begrüßen, wenn Twitter seine API nicht so schnell abschalten würde.

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst am 1. Februar 2018 auf dem Computerportal Golem.de.

27.1.2018

Der wiederentdeckte Leo Lania

Leo Lania gehörte neben Heinz Pol zu der jungen Garde an Weltbühne-Autoren, deren Karriere durch den Aufstieg der Nationalsozialisten und die dadurch erzwungene Emigration ein allzu frühes Ende fand. Während Pol nach dem Krieg in den USA blieb und als Korrespondent deutscher Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau journalistisch tätig war, kehrte Lania vor seinem Tod sogar wieder nach Deutschland zurück. Trotz seiner vielfältigen journalistischen und literarischen Produktion ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Daher ist es verdienstvoll, dass Michael Schwaiger im vergangenen Jahr einen 461 Seiten lange Biografie Lanias vorgelegt hat (Hinter den Fassaden der Wirklichkeit – Leben und Werk von Leo Lania. Mandelbaum Verlag, Wien 2017, 24,90 Euro).

Für die Österreich-Seiten der Zeit hat sich Joachim Riedl die Biografie angeschaut und Lanias Leben in Kurzform präsentiert. Dabei darf Lanias größter „Scoop“ natürlich nicht fehlen: Lania hatte sich im Sommer 1923 in München als italienischer Faschist ausgegeben und zehn Tage lang den außerhalb Münchens damals noch recht unbekannten Adolf Hitler aus nächster Nähe beobachten können. Für die Weltbühne beobachtete Lania nach dem gescheiterten November-Putsch den Hitler-Prozess. Er schilderte Hitler in den Verhandlungen als „maßlos eitel“, allerdings nehme die „innere Wärme, der Schwung, die Plastik der Bilder und Vergleiche“ nach und nach für den Redner ein. Und zwar genau deswegen, weil die Rede „von keines Gedanken Blässe angekränkelt“ sei.

Von 1922 bis 1926 schrieb Lania 24 Artikel für die Weltbühne. Über „Italien und der Fascismus“, über „Das sanierte Österreich“ und natürlich über die „Waffenschieber“. Seine Recherchen zum Waffenschmuggel im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Lania zudem in dem Buch Gewehre auf Reisen, das Kurt Tucholsky am 16. Oktober 1924 in der Weltbühne rezensierte. Darin lobte er Lanias Büchlein als

von der ersten bis zur letzten Zeile interessant

und schloss mit den prophetischen Worten:

Aber es ist gewiß, dass das Land in seiner jetzigen, völlig unveränderten Geistesverfassung wieder in eine Katastrophe hineintaumeln wird, genau wie im Jahre 1914: dummstolz, ahnungslos, mit flatternden Idealen und einem in den Landesfarben angestrichenen Brett vor dem Kopf. Dann gehen wieder Gewehre auf Reisen.

Tucholskys Warnung sollte 15 Jahre später Wirklichkeit werden.

Ein Nachdruck von Lanias Text „Hitler-Prozeß“ findet sich in der Weltbühne-Anthologie Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne. S. 451f.

22.12.2017

Kästner, der kleine Dienstag und die vermisste Weltbühne

Wenn man abends durch die Fernsehkanäle zappt, passiert es eher selten, dass zwei Schauspieler sich gegenseitig Weltbühne-Gedichte vorlesen. Das besondere Ereignis war am 21. Dezember 2017 in der ARD zu erleben. In diesem Falle war es kein vorgezogenes Weihnachtswunder, sondern ein biografischer Film über den Schriftsteller und Journalisten Erich Kästner, „Kästner und der kleine Dienstag“.

An sich ist der Film gut gemacht. Unterhaltsam und pädagogisch fast so wertvoll wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“. Die FAZ lobte die „halbbiografische Annäherung“ als den „vielleicht schönsten Weihnachtsfilm dieses Jahres“. In der Tat hat der Film einige starke Szenen, wie beispielsweise die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, die Kästner im Gegensatz zu den anderen, meist schon exilierten oder inhaftierten Autoren der verbrannten Bücher mit eigenen Augen angesehen hat.

Was einem auf die Dauer jedoch unangenehm auffällt, ist der sehr freie Umgang mit dem literarischen Material und seiner Veröffentlichungspraxis. Das grenzt bisweilen an Geschichtsklitterung. Die Existenz von Zeitschriften wie der Weltbühne wird beharrlich verschwiegen, obwohl die darin veröffentlichten Texte in dem Film eine wichtige Rolle spielen. Mehrere pazifistische und anti-nationalistische Gedichte Kästners werden ausgiebig zitiert. Darunter „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn“ (1928), „Die andere Möglichkeit“ (1929), „Ganz rechts zu singen“ (1930) und „Primaner in Uniform“ (1929).

Doch beim Zuschauer entsteht der Eindruck, die Gedichte seien wegen ihrer Brisanz damals gar nicht veröffentlicht worden. Als hätte sich kein Medium getraut, die kritischen Texte zu drucken. So zitiert Kästners Freund Erich Ohser (e.o.plauen) in einem Kaffeehaus aus dem Gedicht „Ganz rechts zu singen“, das nach den Reichstagswahlen vom September 1930 in der Weltbühne erschienen war. Im Film ist die Szene aber nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 angesiedelt. Ohser sagt nach der Lektüre: „Mir gefällt’s. Aber wenn Du es gedruckt sehen willst, musst Du Dich beeilen. Jacobsohn sagt, sie hat schon ihre Koffer gepackt. Sagt, sie geht nach Wien, wenn Hitler durchkommt.“

Eine merkwürdige Einschätzung. Zum einen war es kaum vorstellbar, zu diesem Zeitpunkt noch einen solchen Text in einer deutschen Zeitschrift zu drucken. Kästners letztes Gedicht in der Weltbühne, „Die scheintote Prinzessin“, war wenige Tage zuvor erschienen und noch sehr gewagt, obwohl darin nicht die Nazis, sondern nur Kaiser Wilhelm II. direkt angegriffen wurde. Zum anderen ist es eben so, dass Kästner zusammen mit Weltbühne-Autoren wie Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky seit Jahren mit solchen Texten gegen die Nazis angeschrieben hatte. Nach der Machtübernahme war es mit den Warnungen und dem Spott längst zu spät. Von der Gefahr für Leib und Leben ganz abgesehen.



Erschien tatsächlich in der Weltbühne: Kästners Gedicht „Die andere Möglichkeit“
(Zum Vergrößern bitte anklicken)

Ebenfalls fragt sich der Zuschauer, warum Edith Jacobsohn so schnell vor den Nazis fliehen musste. Aber sie war nicht nur als Kinderbuchverlegerin und Jüdin gefährdet, sondern vor allem, weil sie als Witwe von Siegfried Jacobsohn nach dessen Tod im Dezember 1926 auch notgedrungen die Verlegerin der Weltbühne geworden war. Wenn man aber die Existenz der Zeitschrift beharrlich verschweigt, ist es schwierig, solche Details einzuflechten. Bei einem Film, der ansonsten viel Wert auf historische Ausstattung legt, hätte es nicht geschadet, wenn Kästner oder Jacobsohn einmal eines der kleinen roten Hefte aus der Tasche gezogen hätten. Davon abgesehen: Edith Jacobsohn emigrierte zunächst auch deswegen nach Wien, weil die Weltbühne dort schon im September 1932 eine Dependance eingerichtet hatte, um auf das Verbot der Zeitschrift in Deutschland vorbereitet zu sein. Später ging Jacobsohn in die Schweiz und nach England, wo sie Ende 1935 starb.

Ebenfalls merkwürdig in dem Film: Als sein kindlicher Fan Hans Löhr ihn um einen Text für die Schülerzeitung bittet, zieht Kästner unter seinem Schreibtisch eine Kladde mit dem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ hervor. Auch in diesem Fall entsteht der Eindruck, als wäre die Veröffentlichung des Textes anschließen nicht nur von der Schülerzeitung, sondern auch von allen anderen Medien verweigert worden. Dabei erschien er ebenfalls schon 1929 in der Weltbühne. Diesen Text mit den prägnanten Schlussversen „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!“ hätten die Nationalisten Kästner nicht verziehen, notierte Tucholsky später. Und natürlich auch der Weltbühne, die ihn gedruckt hatte.

Beim unbedarften Zuschauer bleibt haften: Kästner hat in der Weimarer Republik viele pazifistische Gedichte geschrieben, aber veröffentlicht wurden nur die netten Kinderbücher, weil sich kein Medium für die kritischen Texte fand. Man fragt sich bisweilen, wie Hans überhaupt an die Gedichte wie „Primaner in Uniform“, die er später zitiert, herangekommen ist.

Der trotz allem sehenswerte Film ist noch bis zum 31. März 2018 in der ARD-Mediathek zu finden oder lässt sich über diesen Link direkt herunterladen.

Wie Tucholsky seinen Weltbühne-Kollegen literarisch bewertete, schrieb er 1930 in seiner Sammelrezension „Auf dem Nachttisch“ auf. Passend zum Film darin die Stelle:

Demgegenüber stehen nicht nur prachtvolle politische Satiren wie „Die andere Möglichkeit“, ein Gedicht, das ihm die deutschen Nationalisten heute noch nicht verziehen haben, weil es die Zeile enthält: „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten“ mit dem Schluß: „Zum Glück gewannen wir ihn nicht“. Oder „Primaner in Uniform“, ein famoser Hieb gegen die chauvinistischen Pauker.

Sowie:

Was immer zu bejahen ist, ist seine völlige Ehrlichkeit. Wo er nicht weiß, da sagt er: Ich weiß nicht. Das Gedicht „Kurt Schmidt, statt einer Ballade“ haben ihm Proletarier übelgenommen, weil es mit einem Selbstmord endet – das Gedicht stand bei uns, und ich habe merkwürdige Briefe bekommen.

Es war für Kästner alles andere als egal, wo er seine Texte veröffentlichte. Und bei manchen konnte es wohl nur die Weltbühne sein.

1.10.2015

Zum Gedenken an Volker Kühn

2015 scheint das Jahr zu sein, in dem uns die alte Garde der Tucholsky-Fans für immer verlässt. Nach Fritz J. Raddatz, Roland Links und Gerhard Zwerenz starb zuletzt Volker Kühn. Während Raddatz (im Westen) und Links (im Osten) die gedruckte Verbreitung von Tucholskys Werk entscheidend beeinflussten, versuchte Zwerenz mit der 1979 erschienenen Biographie einige der damals noch großen Lücken in der Tucholsky-Forschung zu schließen. Kühn gehörte in den sechziger und siebziger Jahren zu den prägenden Figuren der westdeutschen Kabarettszene. Daneben war er ein hervorragender Kenner der Kabarettgeschichte. Seinen Stern im „Walk of Fame“ in Mainz hat er sich redlich verdient.

Während „Dandy“ Raddatz die gut dotierte Tucholsky-Stiftung ins Leben rief, engagierten sich Links und Kühn jahrzehntelang ehrenamtlich in der Tucholsky-Gesellschaft. Legendär waren die Matineen im Deutschen Theater, die Kühn zur Verleihung des Tucholsky-Preises regelmäßig inszenierte. 2005 brachte er für das Programm „Eisler meets Tucholsky“ stattliche 16 Schauspieler und Sänger auf die Bühne. Darunter Gisela May, Rainer Basedow, Maxim Mehmet, Ilja Richter und natürlich seine Frau Katharina Lange. Selbstverständlich, dass alle Beteiligten nur Volker Kühn zuliebe auftraten und auf ein Honorar verzichteten.



Volker Kühn (m.) neben der Sängerin Gisela May
(Zum Vergrößern bitte anklicken)

Seine letzte Preisverleihung arrangierte „Vauka“ im Jahr 2007 mit „Musik und Lyrik gegen den Krieg“. Zum 75. Todestag Tucholskys stellte er in der Berliner Akademie der Künste ein Programm mit dem Titel „Fisch sucht Angel oder: Die im Bett hat immer Recht“ mit Katharina Lange und Walter Plathe auf die Beine. Sein letztes Tucholsky-Programm wurde im März 2013 im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz aufgeführt.

Dabei hatte Kühn schon seit Jahren große gesundheitliche Probleme, die ihn in seinem Schaffensdrang stark behinderten. „Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen“, heißt es nun auf seiner Website. Das Herz eines „schöpferischen Menschen, der viele, viele positive Spuren hinterlassen hat“. Nicht für das Kabarett im allgemeinen, sondern auch sehr für das Erbe Tucholskys.


Volker Kühn auf der Veranstaltung zum 75. Todestag Tucholskys

Links zu Nachrufen auf Volker Kühn

Der Tagesspiegel: Ich lache Tränen, heule Heiterkeit

Frankfurter Rundschau: Zum Tod des Kabarett-Autors Volker Kühn

Berliner Zeitung: Der Virtuose im Hinschauen

30.9.2015

Tucholsky before the Gates

Die traditionsreiche Berliner Restaurantion Tucholsky in der Torstraße hat seit einigen Wochen geschlossen. Das ist schade, denn der Wirt Lutz Keller hatte sich von Beginn an darum bemüht, seinen Gästen den Namenspatron seines Lokals näher zu bringen. Schon vor der Wende, 1987, hatte Keller die „Tucholsky Stuben“ am nördlichen Ende der Tucholskystraße eröffnen wollen. Doch auf Protest von Tucholskys Großcousine Brigitte Rothert musste Keller vorübergehend den Namen ändern. „Zur alten Tankstelle“ hieß die Kneipe dann bis 1993, als ihr Name schließlich in „Restauration Tucholsky“ umgeändert wurde.

Damit ist es nun vorbei.

Doch Tucholsky bleibt der vielfältigen Berliner Kneipenlandschaft erhalten. Aber nicht wie gehabt. Der neue Kneipenname lautet: „Tucholsky’s“.

Das tut schon weh. Das schicke, in der Ankündigung typografisch falsche Apostroph kommt offenbar aus dem Englischen. Und Englisch ist hip. Und die hippen Touristen oder noch hipperen Hipster sind offenbar die Zielgruppe für den neuen Laden in der Gate Street.

Da passt es gut, dass die rührige Eva Schweitzer einen weiteren Band mit Tucholsky-Texten ins Englische übersetzen ließ: Prayer After the Slaughter. Passend zum allgegenwärtigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren enthält der schmale Band einige Texte, die Tucholsky im und nach dem Krieg geschrieben hat. Anders in der Textsammlung Berlin! Berlin! sind der englischen Übersetzung die deutschen Originaltexte gegenüber gestellt.

Der Band enthält bekannte Gedichte wie „Memento“ (1916), „Krieg dem Kriege“ (1919) und „Gebet nach den Schlachten“ (1924). Zu den längeren Prosatexten gehören die Kriegsbetrachtungen „Die Katze spielt mit der Maus“ (1916), „Das Grammophon“ (1916) und ein Teil der aufsehenerregenden Militaria-Serie, „Unser Militär“ (1919). Peter Appelbaum und James Scott übersetzten die 21 Texte. Von dem New Yorker Germanisten Noah Isenberg stammt ein kundiges Vorwort. Darin beschreibt er, wie sein Interesse an Tucholsky Anfang der 1990er Jahre entstand:

I remember becoming increasingly interested in this seemingly obscure literary figure known as Tucholsky, who despite having been translated into some fourteen languages had not found much of an Anglo-American critical reception.

Vielleicht greift das neue „Tucholsky’s“ eine Idee seines Namenspatrons auf und belebt die Bücherbar, Verzeihung, Book Bar, wieder neu. Für fünf getrunkene Cocktails erhalten die Gäste ein Exemplar des englischsprachigen Kriegsbuches oder von Berlin! Berlin!. Das würde der anglo-amerikanischen Tucholsky-Rezeption sicherlich nützen und wäre wirklich hip.

Nachtrag vom 3. Dezember 2015

Das „Tucholsky’s“ hat im Oktober dann doch noch eröffnet. Ein Besuch scheint aber nicht zu lohnen. Zumindest dann, wenn man etwas essen will und der vernichtenden Gastro-Kritik der Berliner Zeitung vertraut.

Mein Abend im Tucholsky’s begann zunächst einmal damit, dass sich alles in mir gegen den Apostroph sträubte. Ich vermute, die Betreiber wollten es nach englischer Manier schreiben. Aber in Berlin ein Restaurant Tucholsky’s zu nennen, halte ich für einen Fehler.

schreibt die Autorin Tina Hüttl. Das Essen war nicht besser als die Orthografie:

Ein Kollege, der mich begleitete, sprach von „solidem Kantinenniveau“. … Gut, könnte sein, dass die Küche Braten und Knödel nicht beherrscht, doch die anderen Gerichte auf der sehr deutsch gehaltenen Karte waren nicht besser. … Und gegen die Beilage, eine aus dem Wasser gezogene halbierte Fenchelknolle mit Rosmarinzweig, rebellierten meine Geschmacksnerven.

Hüttls Fazit: „Wären sie nur beim Cuba Libre geblieben.“

28.1.2015

Presseschau zum 125. Geburtstag Tucholskys

Mit freundlichem Dank an tucholsky125.wordpress.com!

Der 125. Geburtstag Kurt Tucholskys am 9. Januar 2015 wurde in Presse, Funk und Netz überraschend ausgiebig gewürdigt. Das lag nicht nur daran, dass Tucholskys Aussagen zur Satire mit dem Terroranschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo leider eine erschreckende Aktualität erhalten hatten. Schon deutlich vor den Anschlägen hatte das Sudelblog einige Anfragen von Journalisten erhalten, die sich anlässlich des Gedenktages mit der aktuellen Bedeutung Tucholskys beschäftigen wollten. Die Debatte um die Grenzen der Satire ist jedoch alles andere als beendet, so dass die Erwähnungen Tucholskys seit dem 9. Januar 2015 kaum weniger geworden sind. (Hinweise zu weiteren Geburtstagwürdigungen gerne per Mail an sudelblog.de)

Presse
Erstaunlich viele Beiträge sind hinter einer Paywall versteckt. Das ist schade, aber nunja, so ist es, damit fallen sie hier leider raus.

Das Blättchen hat eine 32-seitige Sonderausgabe zu Tucholskys Geburtstag gestaltet. Dabei sind Beiträge u.a. von Fritz J. Raddatz, Georg Schramm, der Kurt Tucholsky-Preisträger Konstantin Wecker, Heribert Prantl und Daniela Dahn sowie zahlreiche weitere unbedingt lesenswerte Beiträge. Die Beiträge von Schramm, Wecker, Prantl und Dahn liegen sogar als Hörversion vor. Chapeau und vielen Dank!
>> zur Sonderausgabe.

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7.1.2015

„Gute Leute! Nicht schießen!“

Schon bei den ersten Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen im Jahr 2006 hatte das Sudelblog Tucholskys zahlreiche Äußerungen zu den Grenzen der Satire näher untersucht. Es ist ein extrem trauriger Anlass, dass diese genau zwei Tage vor Tucholskys 125. Geburtstag mit dem Mordanschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo eine besondere Aktualität erhalten. Dutzende Male wurde heute Tucholskys Diktum „Was darf die Satire? Alles“ getwittert. Selbst Vizekanzler Sigmar Gabriel soll es zitiert haben.

Aus zahlreichen Text- und Briefstellen Tucholskys geht allerdings hervor, dass sein Verständnis von Satire nicht auf die Position “sie darf alles” reduziert werden sollte. Vor allen in religiösen Fragen unterschied er klar zwischen den geistigen Inhalten und den daraus entspringenden gesellschaftlichen Ansprüchen der Religionen.

Beinahe verzweifelt wirkte der Appell, mit dem er 1924 den Artikel »Wie mache ich mich unbeliebt?« beschloss:

Dem Satiriker gab ein Gott zu sagen, was sie treiben. Man kann ja nun nicht gerade verlangen, daß der Großpapa, dem der Enkel einen kleinen Flitzbogenpfeil in die hintere, untere Schlafrockseite bohrt, dem guten Kind auch noch einen Bonbon gibt. Aber nicht gleich aufspringen und mit harten Gegenständen werfen. Die Würde muß es sich gefallen lassen, daß sie manchmal am Bart gezupft wird. (Auch Bartlose haben einen Bart, mitunter.)

Denn die moderne Sorte Humorist muß heute noch mit einem Schutzpanzer umhergehen:

Gute Leute! Nicht schießen!

Gewalt kann und darf nie ein Mittel sein, Satire zu bekämpfen.

5.1.2015

Die Rettung des Schwejk

Kurt Tucholsky gehörte zu den frühen deutschsprachigen Fans des Schwejk, den er in Auszügen schon in einer Humoranthologie Roda Rodas (Band 6) entdeckt hatte:

Hervorzuheben die kleine Erzählung eines Tschechen: Hascheks, ich habe den Namen nie gehört. Sie ist das Muster einer politischen Satire, von einer Bitterkeit, die doppelt wirkt, weil sie eingemummelt ist in sanfte Blödheit, die scheinbar von nichts nicht weiß. Was ist das für ein Mann -?

schrieb er im Dezember 1925 in der Weltbühne. Hätte Tucholsky das Konkurrenzblatt Tagebuch gelesen, wäre ihm 1923 vielleicht schon der Nachruf Egon Erwin Kischs auf den früh gestorbenen Schwejk-Erfinder Jaroslav Haschek aufgefallen. So aber stellte ein Weltbühne-Leser den Autor und dessen Hauptwerk im April 1926 mit den Worten vor:

Seit Jahrzehnten ist kein tschechisches Buch so gelesen und so gekauft worden. Es ist kaum zu übersetzen, und das ist schade. Denn aus diesem Buch kann man den Krieg kennen lernen, wie er wirklich gewesen ist. Karel [sic] Haschek war ein Vollblut-Tscheche und eine Vollblut-Europäer.

in: »Antworten«: Peter Panter, Die Weltbühne, 6.4.1926, S. 557 f.

Richtig populär wurde der »brave Soldat« auch in Deutschland, als der erste von vier Bänden übersetzt wurden. Die Übersetzerin Grete Reiner hatte ihr Werk zuvor schon den Lesern der Weltbühne angekündigt und sehr selbstbewusst der Einschätzung des zitierten Lesers widersprochen:

Der Schreiber dieser begeisterten Zeilen hat nur zum Teil recht, nämlich in Bezug auf die einzigartige Bedeutung dieses Werkes. Dagegen irrt er ein wenig, wenn er dieses köstliche Buch für unübersetzbar hält und bedauert, dass es dem deutschen Publikum dauernd entzogen bleiben soll. Ich habe es übersetzt und soeben im Verlag A. Synek zu Prag erscheinen lassen.

in: »Antworten«: Grete Reiner in Prag, Die Weltbühne, 27.4.1926, S. 676

Keine Frage, dass sich Tucholsky alias Peter Panter sogleich auf die Übersetzung stürzte und sie wenige Wochen später ausführlich rezensierte.

Obwohl er kein Tschechisch konnte, war er von der Leistung Reiners nicht überzeugt:

Das Buch ist aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen worden – soweit ich das beurteilen kann, nicht sehr glücklich. Vielleicht ist es gut übersetzt, aber der Eindruck dieses Jargons, den Schwejk spricht, ist nicht lustig. Seine Grammatik ist farblos und steht in gar keinem Verhältnis zu den herrlichen Sachen, die er zusammenphilosophiert – man ahnt, was einem da Alles verloren gegangen sein mag. Ich gebe zu: dergleichen überträgt sich nicht. »Du bist woll mit de Muffe jebufft?« heißt nicht: »Hat Sie Jemand unsanft mit einem Pelzmuff angerührt?« – sondern etwas anders. Und das bleibt freilich am Bodensatz des Dialekts kleben, es kommt nicht herauf, und hier steckt die Tragik des Buches.

Auch den zweiten Band nahm er sich direkt nach dem Erscheinen vor. Darin kanzelte er Reiner noch schärfer ab:

Gott weiß, was uns durch diese unmögliche Übersetzung verloren geht – aber es bleibt noch genug.

Dieses »genug« reichte immerhin aus, dass bis vor kurzem keine weitere deutsche Übersetzung des Schwejk gegeben hat.

Ein Makel, den nun der 1962 in Prag geborene Übersetzer Antonín Brousek beseitigt hat. Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg sind zwar schon im vergangenen Jahr bei Reclam erschienen, werden aber weiterhin fleißig in den Feuilletons besprochen. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie »kongenial« Reiners Übersetzung war, oder, besser gesagt, wie sehr sie das Werk verfremdete und umdeutete. Reiner ließ den Schwejk »böhmakeln«, laut Wikipedia ein »gesprochenes Deutsch mit auffallendem ›böhmischen‹ Akzent«. Als deutscher Leser nimmt man nun mit Erstaunen zur Kenntnis, dass eine solche Sprechweise überhaupt nicht dem Original entspricht. Mit den Worten Brouseks:

Grete Reiner hat sich mit ihrem »Böhmakeln« etwas Neues ausgedacht. Dabei hat sie das Buch nicht übersetzt, sondern interpretiert und umgeschrieben und damit ein eigenständiges Werk geschaffen. Das bedeutet, die deutsche Fassung entsprach nicht nur nicht der tschechischen, sondern war auch noch eine eigenständige neue Interpretation, die mit dem Original nur bedingt etwas gemeinsam hat. […]

Hašeks Roman ist im Original in einem modernen Umgangstschechisch geschrieben. Es musste also ein modernes Umgangsdeutsch her. Das Buch enthält teilweise altertümelnde Begriffe, aber in der Regel reden alle Leute völlig normal. Das heißt, es ist genau umgekehrt zu Grete Reiner. […]

Alle Dialoge sind in einem normalen Umgangstschechisch verfasst, das auch »Schwejk« spricht. Die einzigen, die im Roman komisch sprechen, sind die Deutschen, denn diese können kein richtiges Tschechisch – und sobald sie versuchen Tschechisch zu sprechen, hört sich dies lächerlich an.

Brousek gibt im Interview mit Radio Prag der Kritik Tucholskys an der merkwürdigen Sprache der Protagonisten ausdrücklich recht:

Ich finde es erstaunlich, dass Tucholsky damals fast als Einziger dies bemerkte, obwohl er kein Tschechisch sprach. Den meisten gefiel Reiners Übersetzung bei der Veröffentlichung. Bert Brecht fand die Übersetzung beispielsweise urkomisch. Doch Kurt Tucholsky hat es richtig beschrieben, die Übersetzung ist in gewissem Sinne »unmöglich«.

Gut möglich ist aber, dass Reiner auch inhaltlich in den Roman eingriff. So schimpft Schwejk bei Brousek über die Deutschen: »Das sind solche Drecksäcke, wie sonst keiner auf der Welt.« Diese Passage zu Beginn des Buches findet sich bei Reiner nicht, wie die Berliner Zeitung kritisch bemerkt:

Bisher war dieser Satz, gesprochen zum Auftakt des Romans im Wirtshaus Zum Kelch, allen Lesern des Svejk bekannt – nur den titulierten Drecksäcken nicht. Denn in der einzigen deutschen Übertragung des Romans von 1926 und sämtlichen Neuauflagen fehlen diese Worte.

Kein Wunder, dass die Rezensenten die neue Übersetzung als »bahnbrechend« (Berliner Zeitung) und »überfällige Rettung eines modernen Klassikers aus dem K.-u.-k.-Komödienstadel« (Tagesspiegel) loben.

Umso besser, dass Brousek die Lorbeeren für sein Werk noch zu Lebzeiten ernten kann. Nicht nur die Schwäbische Zeitung hat ihn mit einem Namensvetter verwechselt und bereits 2013 sterben lassen. Auch der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek schreibt dem gleichnamigen Dichter und Literaturkritiker Brousek die neue Schwejk-Übersetzung zu. Wie quicklebendig der Übersetzer und laut Reclam in Berlin lebende Richter Brousek ist, zeigte er auch auf einer Lesung während der Leipziger Buchmesse 2014.

18.11.2013

»Still, wie eine Jungfrau im achten Monat« – Unbekannter Tucholsky-Brief entdeckt

Es kommt nur sehr selten vor, dass fast 80 Jahre nach dem Tod Tucholskys unbekannte Briefe aus der Maschine des manischen Briefschreibers auftauchen. Doch gelegentlich werden solche raren Exemplare auf irgendeinem Dachboden wieder hervorgekramt. So auch im Falle von Jørn Dietrich. Dieser entdeckte im Nachlass seines Großvaters Alfred Dietrich einen Brief, den Tucholsky am 23. Juni 1927 während seines Aufenthaltes im dänischen Mogenstrup Kro getippt hatte. Der Brief ist zweifellos ein echter Tucholsky:

Hier ist es ganz still, der Wirt spricht so wenig Deutsch, dass meine Konversation auf das erfreulichste eingerostet ist, und ich arbeite vor mich hin und gehe im Wald spazieren und lebe still, wie eine Jungfrau im achten Monat.

Zugleich beantwortet der Brief einige Fragen, die Tucholskys Aufenthalte in Kopenhagen betreffen und klärt die Identität einer Person, die in einem anderen Brief erwähnt wurde. Ein Fund, der sich für die Tucholsky-Forschung gelohnt hat.

Der Briefadressat war damals Presseattaché der deutschen Botschaft in der dänischen Hauptstadt. Tucholsky hatte ihn wohl zu einem Essen eingeladen, um über ihn Kontakte zu prominenten dänischen Literaten und Politikern zu knüpfen. Das geht aus einem »Kassensturz« vom 13. Juni 1927 hervor, den er einem Brief an seine Frau Mary Tucholsky beilegte.

Hotel 140 Kronen (Dabei ein unverschämt hoher
Gepäcktransport von Terminus.)
Gepäck 15
Marken 45
Papier 15
Diverses 30
Whisky 10
Bücher 20
eine Pfeife 15
Essen mit
Dietrich 30

steht dort notiert. In der Tucholsky-Gesamtausgabe (Band 18, S. 627) heißt es noch zu Dietrich: »Nicht identifiziert.«

Auch wenn Tucholsky sich in dem Brief bitterlich beklagte, wohin seine ansehnlichen Honorare verschwunden sind (»Es sieht ja schrecklich mit dem Geld aus, und ich möchte nur wissen, wie das gekommen ist«). Die 30 Kronen für das Essen mit Dietrich waren offenbar gut angelegt. Denn in dem Schreiben an den Diplomaten bedankt er sich sehr artig «für alle Freundlichkeiten«, mit denen Dietrich ihm »wirklich ganz besonders nett weitergeholfen« habe. Ob dies der einzige Kontakt zwischen dem umherreisenden Schriftsteller und dem Presseattaché war, geht aus den überlieferten Texten und Briefen Tucholskys nicht hervor. Wobei er sich bei Dietrich mit dem Satz verabschiedete: »Sollte ich in Kopenhagen noch einmal Station machen, melde ich mich natürlich.«

Weitere Begegnungen sind durchaus wahrscheinlich. Es ist dazu sehr aufschlussreich, sich das Leben Dietrichs genauer anzuschauen. Denn in vieler Hinsicht ist es typisch für die Karriere eines linken Intellektuellen in den Wirren von Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegsepoche. Eine gute Quelle dafür ist ein Lebenslauf, den Dietrich nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, um als »Opfer des Faschismus« anerkannt zu werden.

Karl Wilhelm Alfred Dietrich wurde demnach am 1. September 1878 in Spremberg in der Niederlausitz geboren. Der Sohn eines Seilermeisters sollte nach dem Willen seines Vaters evangelischer Geistlicher werden, was Dietrich jedoch ablehnte, so dass er nur die Volksschule absolvierte. Mit 14 Jahren kam er zum Spremberger Anzeiger, wo er zum Setzer und Stenografen ausgebildet wurde. Mit 18 wurde er Redaktionsgehilfe beim Niederlausitzer Anzeiger in Finsterwalde. Von dort zog er nach Bremen, wo er bei der Weser-Zeitung sechs Jahre lang als Redakteur arbeitete. In Bremen lernte er auch den späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert kennen, mit dem ihm eine »warme Freundschaft“ verband, wie Dietrich in dem Lebenslauf schreibt. Zum Jahreswechsel 1904 ging Dietrich nach Kopenhagen, wo er 40 Jahre seines Lebens verbringen sollte. Bis nach Ende des Ersten Weltkrieges arbeitete er dort als Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien, darunter das offiziöse Nachrichtenbüro WTB, die Kölnische Zeitung und das Hamburger Fremdenblatt. Nach der Novemberrevolution zahlten sich die alten Verbindungen zur SPD und insbesondere zu Ebert aus. Dietrich wurde 1919 Leiter der Presse- und Kulturabteilung der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen und behielt diesen Posten bis zum 1. Oktober 1934.

In diesen 15 Jahren machte er die Bekanntschaft mit vielen »bedeutenden Persönlichkeiten«, wie in dem Lebenslauf schreibt. Zu den ersten Bekanntschaften zählte einer der Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges, der nach der Abrüstung der Reichswehr als Militärberater nach Dänemark gegangen war. Der spätere Nazi-Bonze und Reichsmarschall Hermann Göring habe am meisten als »Schürzenjäger, Säufer und Morphinist« von sich reden gemacht, schreibt Dietrich. Ein Teil seiner Dienstzeit sei damit draufgegangen, Görings »zahlreiche Gläubiger zu beruhigen«. Dass Göring schon vor dem Münchner Putsch von 1923 Morphinist gewesen sein soll, widerspricht historischen Darstellungen. Er soll sich aber bereits im Ersten Weltkrieg mit Kokain aufgeputscht haben und nahm die Droge vielleicht auch in Kopenhagen. Die Bekanntschaft mit Göring sollte Dietrich aber noch einmal aus einer prekären Situation helfen.

Solange Dietrich noch als Presseattaché wirkte, lernte er zahlreiche deutsche und dänische Literaten kennen. »Ich nenne hierbei besonders Max Reinhardt, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Emil Ludwig, Kurt Tucholski [sic], ferner Einstein, Thälmann und Scheidemann …« Auch mit dem dänischen Ministerpräsidenten Thorvald Stauning sowie den Schriftstellern Martin Andersen Nexø und Georges Brandes hätten ihn »eine viele Jahre währende Freundschaft« verbunden. Es wundert nicht, dass die Nazis nach ihrer Machtübernahme den sozialdemokratischen Diplomaten auf Linie bringen wollten. Dietrich musste nach eigenen Angaben bei Propagandaminister Joseph Goebbels in Berlin zum Rapport, weigerte sich jedoch, der NSDAP beizutreten.

Eine persönliche Aussprach mit Goebbels hierüber, die der damalige Außenminister v. Neurath vermittelt hatte, und die im Auswärtigen Amt in Berlin stattfand, verlief ausserordentlich heftig, aber vollkommen ergebnislos. U.A. machte Goebbels mir zum Vorwurf, dass ich immer von einer »Partei« spräche, während es sich doch jetzt um eine Weltanschauung handele, worauf ich ihm erwidern konnte, dass er mich ja selbst aufgefordert habe, in die Partei einzutreten. Mit blutrotem Kopf fuhr er mich hierauf an, dass er sich eine derartige »Anpöbelung« verbäte.

Am 1. Oktober 1934 verlor Dietrich seinen Posten und fand in Kopenhagen nach Darstellung seines Enkels jahrelang keinen Job, was auch mit seiner Nazi-kritischer Haltung zusammengehangen haben könnte. Dietrich selbst behauptet hingegen, schon im April 1935 als Schriftleiter bei der Zeitung Licitationen angefangen zu haben. Auch in anderer Hinsicht flunkert Dietrich in seinem Lebenslauf ein wenig. Während er schreibt, seine Ehe sei 1935 geschieden worden, weil seine Frau ihm die ablehnende Haltung gegenüber den Nazis nicht habe verzeihen können, sieht das seine Familie anders. Der Diplomat sei immer schon seiner Frau untreu gewesen und habe das auch in den dreißiger Jahren fortgesetzt, was schließlich zum Bruch geführt habe.

Glaubhaft hingegen scheint, dass Dietrich sich aktiv für Flüchtlinge und durchreisende Regimegegner einsetzte: »Ernst Toller und Kurt Tucholski und andere haben bei mir vorübergehend Unterkunft erhalten«, schreibt er, wobei in diesem Fall unklar ist, ob Kopenhagen für Tucholsky weiterhin als Durchreisestation diente oder er auf dem Weg in die Schweiz nicht gleich per Schiff von Schweden nach den Niederlanden oder Belgien gefahren ist.

Die Geheime Staatspolizei beobachtete Dietrich auch nach seiner Entlassung aus dem diplomatischen Dienst und notierte Hitler-kritische Reden in der Öffentlichkeit. Anderthalb Jahre nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen wurde er von der Gestapo in Dänemark verhaftet. Am 9. November 1941 brachten ihn zwei Beamte nach Deutschland, wo er schließlich im berüchtigten Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz landete. »Vollkommen überrascht« sei er gewesen, als er im April 1942 entlassen worden sei. Dahinter steckte offenbar ein Besuch seiner Tochter bei Göring, die den damaligen Reichsmarschall daran erinnerte, wie ihr Vater ihn 1920 in sturzbetrunkenem Zustand und ohne Geld aus einer Bar mit nach Hause genommen hatte. Zwar habe Göring behauptet, im Gegensatz zu Goebbels nichts für Dietrich tun zu können, doch die plötzliche Entlassung dürfte sicherlich in einem Zusammenhang mit dem Besuch gestanden haben.

Dietrich durfte Berlin nicht verlassen. Ausgebombt und nervenkrank überstand er das Ende des Krieges in der Berliner Charité. Im September 1945 heiratete er seine zweite Frau Emma. Nach dem Krieg arbeitete er für den Berliner Magistrat unter den Bürgermeistern Louise Schroeder und Ernst Reuter. Wie aus dem abgebildeten Ausweis hervorgeht, wurde er als »Opfer des Faschismus« anerkannt. Am 27. Oktober 1951 starb er im Alter von 73 Jahren und wurde auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln beerdigt. Postum erhielt er 1953 eine Entschädigung von 1.395 D-Mark für 279 Tage Freiheitsentzug in der NS-Zeit. Seine Witwe erhielt 1964 eine Entschädigungssumme von 25.000 D-Mark, die Dietrich offenbar als Opfer des NS-Regimes zustand.

Wann und wie er Tucholsky zum letzten Mal gesehen hatte, ist nicht bekannt. Im April 1931 wurde Tucholsky in Kopenhagen an der Nase operiert. Ende Juni 1934 war er zum letzten Mal nach Schweden eingereist – dabei aber vermutlich mit dem Schiff von Amsterdam nach Göteborg gefahren. Solche und viele weitere Details von Tucholskys Leben sind noch ungeklärt. Aber vielleicht findet sich mal wieder ein verschollener Brief auf einem Dachboden, der für neue Erkenntnisse sorgt.

21.12.2012

Tucholsky und der Hindukusch

Der SPD-Politiker und frühere Verteidigungsminister Peter Struck ist am Mittwoch überraschend in Berlin gestorben. Politiker und Medien würdigten Struck zu Recht als einen Mann der klaren Worte. Wie zum Beweis stellte Spiegel Online eine Übersicht der prägnantesten Zitate ins Netz, Belege für »eine unverfälschte Persönlichkeit« und für einen Politiker, »der offene Worte fand – die nicht jedem gefielen«.

Nicht gefallen hat den meisten Tucholsky-Fans eine Äußerung, die Struck bei einem öffentlichen Bundeswehr-Gelöbnis im Juni 2003 in Hamburg machte. Als Demonstranten in Anspielung auf das Tucholsky-Diktum »Soldaten sind Mörder« ein Transparent mit der Aufschrift »Tucholsky hat recht« entrollten, bemerkte der damalige Verteidigungsminister:

Wenn Tucholsky heute leben würde, hielte er die Auslandseinsätze der Bundeswehr für richtig.

Ob Tucholsky ihm jetzt dafür auf den Wellen die Leviten liest?
Zum damaligen Anlass hat das schon die Titanic in einem »Brief an die Leser« gebührend übernommen. Dem muss man nun nichts mehr hinzufügen. Angesichts vieler weichgespülter Politiker-Statements werden wir Typen wie Struck dennoch vermissen.

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